Musik für die Ewigkeit
Nach über 40 Jahren nimmt das Hagen Quartett bei der Schubertiade Abschied.
Fritz Jurmann · Jun 2026 · Musik

Eine Ära geht zu Ende: Nach einer in den 1970er Jahren begonnenen beispiellosen Karriere verabschiedet sich das Hagen Quartett von der Konzertbühne. Das Ensemble hat Streichquartett-Geschichte geschrieben, ist für viele junge Formationen zum Vorbild geworden und hat in über 40 Jahren Präsenz seinen Spitzenplatz unter den weltbesten Streichquartetten behauptet. Dass Vorarlberg in dieser beispiellosen Karriere eine bedeutende Rolle gespielt hat, ist nicht nur auf die Abstammung der drei Hagen-Geschwister zurückzuführen. Wenn man eine Generation überspringt, entpuppen sich die drei gebürtigen Salzburger glatt als „waschechte Luschnouar“ und wurden als solche vom heimischen Publikum auch stets entsprechend wahrgenommen und liebevoll gehätschelt.

Rekordverdächtig unter Top-Konkurrenz

Und auch ihre Auftritte allein bei der Schubertiade sind rekordverdächtig, vor allem in ihrer oftmals überragenden Qualität. Denn die Hagens hatten sich gerade in dem an internationalen Top-Streichquartetten nicht armen Festival stets einer direkten Konkurrenz zu stellen, die von angestammten Ensembles bis zu den „Jungen Wilden“ reichte. Sie sind stets unbeschadet aus diesem internen Wettbewerb hervorgegangen und haben ab 1985 in knapp 80 Auftritten in Hohenems, Feldkirch und Schwarzenberg gezeigt, „wo Bartle den Moscht holt“, wie ihre Altvorderen Z’Luschnou gesagt hätten. Nun soll endgültig Schluss sein. 
Das Abschiednehmen begann bereits am Montag mit dem ersten von zwei Konzerten, die für Hagen- und Schubertfans zu lange vorbestellten und sehnlichst erwarteten Pflichtübungen werden sollten. Was tat’s, dass es inmitten der Hitzewelle ein glühend heißer Nachmittag am längsten Tag des Jahres war, mit unbarmherzigen Sonnenstunden, deren Wirkung erst von einer leistungsstarken Klimaanlage im Saal auf Betriebstemperatur gebracht werden musste? Das war alles vergessen, denn man hatte hier, an diesem Schubert-Kraftplatz Schwarzenberg, ein letztes Mal die drei Hagen-Geschwister leibhaftig vor sich: Primarius Lukas, Veronika an der Bratsche und Clemens am Violoncello, seit 1987 gemeinsam mit ihrem Partner Rainer Schmidt an der zweiten Geige, dazu zwei Kostbarkeiten Schuberts, die das Quartett hier mit schöner Regelmäßigkeit bereits früher veredelt und zu Triumphen geführt hat: das „Rosamunde“-Quartett sowie das singuläre Streichquintett in C-Dur, bei dem Julia Hagen, die Tochter von Cellist Clemens Hagen, am zweiten Cello mitwirkt. Ein Abschied also wie aus dem Bilderbuch, bei dem wie gewohnt fast alles in der Familie bleibt. 

Ein letztes Mal …

Für viele der erwartungsvollen Besucher:innen ist es schwer zu begreifen: Ein letztes Mal hier und heute das Hagen Quartett im Original und dann nie mehr wieder live, höchstens auf CD, anderen elektronischen Übertragungswegen oder im Radio. Trübe Aussichten und kein Vergleich mit einem direkten Erlebnis. Vor allem deshalb, weil gerade bei den Hagens ihre Live-Darbietungen, deren spontane Lebendigkeit sie sich bis zuletzt bewahrt haben, stets zu schwer übertreffbaren Ereignissen wurden. Die Art ihrer künstlerischen Kommunikation untereinander, die farbliche Abstimmung, die gerade bei Schubert ungeschönt freigelegten Emotionen seiner Musik sind nur einige der Kernpunkte, an denen sich die Liebhaber:innen dieses Quartetts seit Generationen delektieren und auch nach 40 Jahren nicht satthören können.
Und so ist es auch diesmal, als das Hagen Quartett zum allbekannten und vielfach geschätzten „Rosamunde“-Quartett anhebt und bei diesem reifen Spätwerk von 1824 gleich mit einer Überraschung aufwartet. Kaum einmal hat man dieses Werk, das landläufige Besucher:innen meist auf seine wohligen Melodien aus dem Schauspiel „Rosamunde“ im zweiten Satz reduzieren, schon in den ersten Takten so abgeklärt, so wundersam leise und fahl gehört, dass allenthalben die Ohren gespitzt und Huster zurückgehalten werden, um ja keinen Ton zu versäumen. 
Wie ernst es dem Komponisten dabei wirklich ist, verrät wenig später ein verminderter Septakkord, der als Scheinfinale Mozarts Introitus aus seinem Requiem abgelauscht sein könnte. Der lyrisch-versonnene Charakter bleibt dem Werk dennoch erhalten, weil sich Schuberts Genialität hier im Besonderen darin spiegelt, wie er dem Thema des zentralen Andantes auch in den danebenliegenden Sätzen Raum und Anspruch gibt. Ernst ist es auch den Musiker:innen des Hagen Quartetts, die ihre Interpretation immer wieder auf ein Minimum zurücknehmen, es auch im Tempo nicht übertreiben. Es ist schließlich ein ernster Anlass.

Tiefe seiner Gedanken

Das folgende singuläre einzige Streichquintett Schuberts, C-Dur, D 956, ist ein Werk, das größte Popularität beim Publikum besitzt und dennoch nicht einfach so locker in die Gehörgänge dahinflutscht, sondern den Zuhörer:innen allein durch die Tiefe seiner Gedanken, durch die Dichte seiner thematischen Verarbeitung und seine schwermütige Stimmung ergreift. Ich habe in meinen 50 Schubertiade-Jahren als Besucher und Musikkritiker des Festivals dieses Werk wohl Dutzende Male erlebt, in verschiedenen Deutungen, von denen mir aus den früheren Jahren die Aufführungen mit dem längst als legendär geltenden Alban Berg Quartett und Heinrich Schiff am zweiten Cello durch seine überragende Konsequenz bis heute schwer zu übertreffen schien. Das Hagen Quartett hat es geschafft! Da schien die Tiefe des Ausdrucks anlassbezogen besonders ausgeprägt, dazu eine Intensität, Dichte und Abgeklärtheit, die schon fast als überirdisch gelten kann. Auch hier ist der zweite Satz, das Adagio, das Zentrum, in dem Cellist Clemens Hagen mit seinen geheimnisvoll zarten, sich bis in zornige Ausbrüche steigernden „Plum – Plums“ den Rhythmus unerbittlich dem Ende zutreibt. Das ist wohl einfach „Musik für die Ewigkeit“, die Schubert hier in diesem einstündigen Kammermusikwerk auf das Schönste gelungen ist. Das Hagen Quartett hat daraus einen Markstein für seinen Abschied von der Schubertiade gemacht, der wohl für immer Gültigkeit haben wird. 
Mit Standing Ovations wird das erweiterte Quartett vom Publikum gefeiert. Zugabe gibt es keine, denn: Einmal muss Schluss sein!

Zweites Abschiedskonzert des Hagen Quartetts: 
Schubertiade Schwarzenberg
Di, 23.6., 20 Uhr
Angelika-Kauffmann-Saal 

   

 

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