Mitski: Nothing’s About to Happen to Me Peter Füssl · Apr 2026 · CD-Tipp

In musikalischer Hinsicht verbindet Mitski – bürgerlich: Mitski Miyawaki – auf ihrem nunmehr achten Album die orchestrale Opulenz ihres letzten, 2023 erschienenen Albums „The Land Is Inhospitable And So Are We“ mit der grungeartigen Gitarren-Rotzigkeit mancher älterer Produktionen. Indie-Rock, Art-Pop, Folk, Country, Noise, Electronics und Singer-Songwriting verbinden sich in ihrem Œuvre zu einer unkonventionellen Mischung.

Von den Lyrics her – und viele halten diese für ihre ganz besondere Stärke – lässt die mittlerweile 35-Jährige mit japanischen und US-amerikanischen Wurzeln an Deutlichkeit keinerlei Wünsche offen und präsentiert sich im Spannungsfeld von Identitätskrisen, Liebesleid, Daseinsängsten, Beklemmungsgefühlen und Todesphantasien. Irgendwie passend zu ihrem realen Leben als zum Ruhm verdammte Frau der Gegensätzlichkeiten. Denn sie verbucht gerade in der von ihr immer schon kritisch beäugten Social-Media-Szene enorme Erfolge, und auch die Menge ihrer Fans, deren Übergriffigkeit und Distanzlosigkeit sie früher immer wieder in Rage versetzte, erhöht sich in rasantem Tempo. Aber Mitski-Kenner:innen wissen längst: scheinbar Unvereinbares steht der längst zur New Yorkerin gewordenen ganz besonders gut. Den Opener „In a Lake“ lässt sie mit Banjo und Akkordeon und ihrer Stamm-Band The Land countrymäßig instrumentiert gemütlich schunkelnd starten, ehe plötzlich vier Streicher, vier Bläser und verstörende Geräusche einfallen, um klarzumachen, dass man kleinstädtischer Beengtheit bestenfalls durch die Flucht in eine Großstadt entkommen kann. Darauf folgt mit dem auch als erste Single ausgekoppelten Fuzz-Gitarren-Rock-Song „Where’s My Phone?“ ein Song über das uns allen bekannte Phänomen, dass ein verlegtes Handy nahezu in eine existentielle Krise führen kann – sehr empfehlenswert ist der Videoclip dazu, eine in einer viktorianischen Villa spielende witzige, melodramatische, im Wahnsinn endende Paranoia-Studie.



Die wunderschöne Ballade „Cats“ entpuppt sich – wie viele andere Mitski-Songs – als imaginäre Worte einer verlassenen Frau an ihren Ex-Partner. Dasselbe gilt für das eindringliche, minimalistisch instrumentierte und mit krachender Rock-Gitarre garnierte „If I Leave“. Mit bedeutend härteren Bandagen begegnet Mitski uns im albtraumhaften „Dead Women“, in dem die Schere zwischen gnadenlosem Text und sanfter Musik besonders weit geöffnet ist: „While I dream of flying, stab me twenty-seven times / Ransack the house for what you’ll auction, what you’ll keep / Then embalm me up ‘cause you’re hosting the viewing / Saying: ,She gave her life so we could have her in our dreams / She gave her life so we could fuck her as we please'.“ Nicht weniger unter die Haut geht „Instead of Here“ mit seinen Suizidvorstellungen („To feel like myself again / I won’t be here, I’ll be where nobody can reach“). Den Trennungsschmerz im Bossa Nova-Feeling (und vielleicht auch etwas Härterem) ertränkend, bietet sie ihrem verlorenen Liebhaber in „I’ll Change For You“ an, sich für ihn ändern zu wollen, wenn sie ihn nur zurückbekommt. In „Rules“ dasselbe Spiel, textlich eine Spur härter und zu vergnügtem 7oer-Pop-Sound. Sogar „That White Cat“ aus dem Nachbarhaus – vielleicht jene auf dem Cover – macht dem lyrischen Ich den Lebensraum und die Privatsphäre streitig, indem sie dessen Haus markiert – der hämmernde Bass und die im aufgeregten Chorgesang untergehende Surf-Gitarre weisen auf die existenzielle Dringlichkeit hin. „Charon’s Obol“ bezieht sich auf den antiken griechischen Gott Charon, der für einen Obulus die Seelen der Toten auf dem Fluss Styx in die Unterwelt bringt. Mitski verbindet die Sage mit der gespenstischen Geschichte über eine Frau, die ein Haus kauft und fortan immer um Mitternacht die Hunde der in diesem Gebäude verstorbenen Frauen füttern muss. Als Soundtrack dafür wählt sie einen mit expressiven Streichern und Background-Chor angereicherten Wohlfühl-Country-Sound. Nach genau 34 Minuten und 27 Sekunden findet das Album mit „Lightning“, das wie die mysteriöse, sich zwischendurch in dramatische Höhen schraubende Musik zu einem David Lynch-Film klingt und den dazu passenden Todesgedanken ein stimmiges Ende: „When I die / Could I come back as the rain? / See the world again, to fall again?“ Die gute halbe Stunde reicht vollkommen aus für den faszinierenden Blick in die seelischen Abgründe, in die Schattenseiten des Lebens, den uns Mitski werfen lässt. Wie Text und Musik einander oftmals konterkarieren, sich Melancholie, Verzweiflung, Aufbegehren und Kapitulation auf ungewohnte Weise vereinen, wie ihre ausdrucksstarke Stimme gerade durch den Verzicht auf exzessive Höhenflüge enorm an Intensität gewinnt, das alles macht Mitski zur absoluten Ausnahmeerscheinung. 
(Dead Oceans)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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