Mick Goodrick / Fred Hersch Feebles: Fables and Ferns Peter Füssl · Jun 2026 · CD-Tipp

Manchmal braucht es nur am richtigen Ort zur richtigen Zeit jemanden, der auf den Aufnahmeknopf drückt, um beinahe 40 Jahre später die Jazzwelt mit der völlig unerwarteten Dokumentation vom einmaligen Aufeinandertreffen zweier großartiger Improvisatoren im privaten Rahmen zu begeistern. Dieser Jemand war kein Geringerer als der Pianist Fred Hersch, der im August 1988 den Gitarristen Mick Goodrick in sein kleines New Yorker Aufnahmestudio einlud, um ein bisschen miteinander zu improvisieren. Es ging rein um den Spaß am gemeinsamen Musizieren, es war keineswegs an eine Veröffentlichung gedacht, und anschließend ging man auch wieder getrennte Wege. Dementsprechend locker und ungezwungen spielten beide – mit hörbarem Interesse an den musikalischen Einfällen des Gegenübers – munter drauflos.

Goodrick wurde vor allem als langjähriges Mitglied in den Bands des Vibraphonisten Gary Burton bekannt, den er – aus Vorarlberger Sicht besonders interessant – 1973 und 1977 auch zu den Bregenzer Randspielen begleitete. Allerdings stand Goodrick der Sinn kaum nach Rampenlicht und Starruhm. Vielmehr galt sein Interesse dem Weitergeben seiner immensen gitarristischen Fähigkeiten als Lehrer am Berklee College of Music und am New England Conservatory in Boston, wo er zahlreiche, exzellente und mittlerweile weltbekannte Gitarristen maßgeblich beeinflusste – darunter John Scofield, Bill Frisell, Mike Stern, Wolfgang Muthspiel oder Julian Lage. Nach dem Tod Mick Goodricks im Jahr 2022 wurde allgemein bedauert, dass es von ihm höchstens ein Dutzend Alben als Leader oder Co-Leader gibt, was Fred Hersch – der selber schon rund 60 Alben unter eigenen Namen oder als Co-Leader veröffentlicht hat und auf mehr als 150 Alben als Sideman vertreten ist – auf die Idee brachte, sein zwar altersmäßig, aber keineswegs künstlerisch in die Jahre gekommenes Aufnahmematerial ECM-Chef Manfred Eicher vorzulegen. Dieser griff umgehend zu, zumal Goodrick in den 1970-ern via Burton, aber auch mit seinem bekanntesten eigenen Album „In Pas(s)ing“ quasi zum Label-Personal gehörte. Hersch extrahierte aus dem Zwei-Stunden-Mitschnitt 40 absolut hörenswerte Minute: Duo-Kunst auf allerhöchstem Niveau.


 

 


Den Auftakt macht die flott swingende und zuweilen durchaus zupackende Goodrick-Komposition „Feebles, Fables and Ferns“, in der sich Piano und Gitarre die Melodieführung teilen, sich kunstvoll verzahnen, aneinanderschmiegen, wechselseitig begleiten und kommentieren. Das gleiche Treatment erfährt der aus der Feder von Hersch stammende und von ihm schon in unterschiedlichen Konstellationen aufgenommene, eine enorme Lebensfreude ausstrahlende „Heartsong“ – ein höchst intensives Vergnügen, in dem sich die Akteure die musikalischen Impulse wie Ping-Pong-Bälle zuspielen. Bei der lebhaften Post Bop-Nummer „Falling Grace“ von Steve Swallow (übrigens 1966 erstmals von Gary Burton veröffentlicht) wird das Tempo kräftig angezogen, wundervoll lyrische Töne werden hingegen bei seiner Komposition „Amazing“ angeschlagen, die nahtlos in Goodricks „Away 10“ übergeht. Aus dem gängigen Live-Repertoire des Gitarristen stammen der von den 1930-ern bis in die 1950-er von unzähligen Musikern interpretierte Song „Out of Nowhere“ von Johnny Green/Edward Heyman, sowie „Soul Eyes“, das der Pianist Mal Waldron 1957 – vom jungen John Coltrane inspiriert – geschrieben hatte. Beides respektvolle Rückgriffe auf die Jazz-Historie, mit denen Standards aus der Sicht zweier großartiger Improvisatoren Ende der 1980-er Jahre frisch in Szene gesetzt wurden. Weit experimentierfreudiger – geräuschhaft, impressionistisch, zupackend, frei mäandernd – geht es in den „Five Excursions“ zur Sache, fünf vom Pianisten zu einem gut neun Minuten langen Stück zusammengefassten, höchst unterschiedlichen, freien Improvisationen. Fred Hersch hat Mick Goodrick mit diesem Album ein wundervolles Denkmal gesetzt – und sich selber gleich mit dazu.

(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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