„Maria, woran denkst du?“
Berührende Premiere von „Maria“ (walktanztheater.com) im Alten Hallenbad
Miriam Gartner · Nov 2025 · Theater

Im ausverkauften Alten Hallenbad Feldkirch feierte gestern mit „Maria“ die neue Produktion des walktanztheater.com Premiere. Im Zentrum stehen dabei die Lebensrealitäten von 24-Stunden-Pfleger:innen in Vorarlberg, die Brigitte Walk in Kooperation mit dem Teatrul Basca in Timișoara als grenzüberschreitendes „Roadmovie“ inszeniert hat. Ein eindrücklicher Abend zwischen persönlichen und strukturellen Abhängigkeiten in der Carearbeit.

Zuerst sind es nur Landstraßen und Autobahnen, die als Videoprojektion auf einer Leinwand vorbeiziehen – eine transeuropäische Kulisse von Feldkirch bis Timișoara (Temeswar) in Westrumänien. Vor diesem Hintergrund dann drei Frauen: eine Tänzerin (Marina Rützler), eine Musikerin (Philomena Juen) und eine Schauspielerin (Simona Vintilă). Gemeinsam stellen sie Szenen aus einem realen Frauenleben dar, dem von Maria A. Sie pendelt als 24-Stunden-Pflegerin alle vier Wochen zwischen Österreich und Rumänien und kümmerte sich auch um Brigitte Walks mittlerweile verstorbene Mutter. Es sind Episoden aus einer ganz konkreten Lebensrealität, in der sich jedoch Tausende Pfleger:innen wiederfinden – in Österreich in der überwiegenden Mehrheit Frauen, vor allem aus Osteuropa.

 

Persönliche und rumänische Zeitgeschichte
 

Ihre Geschichten hat Brigitte Walk als eine mehrsprachige Collage aus Text, Musik, Tanz und Film konzipiert. Im Zentrum stehen Gespräche und Interviews, vor allem mit Maria selbst, aber auch mit anderen Pfleger:innen in Vorarlberg. Ihre Erzählungen wurden von Irmgard Kramer zu einem vielseitigen Text verdichtet – auf der Bühne großartig umgesetzt von Simona Vintilă, die mühelos zwischen verschiedenen Rollen, Sprachen und Registern wechselt, immer im Austausch mit Marina Rützlers ausdrucksstarkem Tanz und Philomena Juens stimmungsvoller Musikbegleitung. Dazu kommen Foto- und Videoaufnahmen von der Busreise zwischen Vorarlberg und Rumänien, die Brigitte Walk gemeinsam mit Céline Meier und Sarah Mistura dokumentiert und entwickelt hat. 

Entlang ihrer Biografie führt Maria durch Eckpunkte aus der rumänischen Zeitgeschichte: die kommunistische Diktatur unter Nicolae Ceaușescu, das Dekret 770, die Revolution 1989. Sie richtet sich ans österreichische Publikum, erklärt, berichtet – aber wendet sich auch immer wieder an ihre eigenen Kinder in Rumänien. Bewegend schildert sie, wie sie als Pflegerin in Österreich von Ort zu Ort wechselt, um Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten – zuerst noch abwechselnd mit ihrer Mutter, die ebenfalls als Pflegerin tätig ist. Das bedeutet anfangs nicht nur Schwierigkeiten mit dem Dialekt, sondern auch Anpassung an die sehr unterschiedlichen Bedingungen und Pflegeanforderungen, die jede neue Stelle mit sich bringt. Dabei auch immer die Auseinandersetzung mit Abschied, Tod und Trauer. Am Ende ist es oft Maria, die Menschen in ihren letzten Momenten betreut: „Frau Rosa ist bei mir gestorben. Wir haben sie ins letzte Haus gelegt.“ Im Wechselspiel zwischen Musik, Tanz und Schauspiel arbeiten die Darsteller:innen dabei heraus, wie eng und liebevoll diese Beziehungen sein können, die zwar plötzlich entstehen, aber dennoch oft sehr innig sind. Immer wieder stützt sich Simona Vintilă auf Marina Rützler, wird von ihr in den Armen getragen oder behutsam berührt. „Bitte bleib, Maria“, bittet eine Frau kurz vor dem Sterben, als Maria eigentlich schon auf den Bus zurück nach Rumänien sollte. Sie bleibt.

 

Zwischen Zuwendung, Aufopferung und struktureller Ausbeutung

 

Dabei auch immer präsent: die Ausbeutung, prekären Bedingungen und rassistischen Vorurteile, mit denen Pfleger:innen in Österreich oft konfrontiert sind. Besonders effektvoll kommt das in zwei satirischen Zwischenspielen zum Ausdruck, in denen Schauspielerin, Musikerin und Tänzerin – jetzt in der Rolle von drei Vorarlberger:innen – beim Kaffee ihre neuen Pfleger:innen „aus dem Ostblock“ verhandeln: „Mir hend jetzt o uane …“ „Da Papa hett sich zwor a Einheimische gwünscht …“ Als Maria kurzfristig nach Rumänien zurückreisen muss, um ihren eigenen Vater zu unterstützen, werden die Arroganz und Doppelstandards deutlich, mit denen Österreich oftmals auf Osteuropa blickt: Mit bedauerndem Schulterzucken wird die medizinische Versorgung in Rumänien bemängelt, während das Gesundheitssystem in Österreich selbst komplett abhängig ist von der Arbeit, die Pfleger:innen aus vorrangig osteuropäischen Ländern leisten. Aber nicht mehr lange, erinnert Maria: Ihre Generation ist die letzte, die nach Österreich kommen wird – ihre Kinder studieren, die Ausbildungsstandards in Rumänien steigen stetig. Eine nachhaltige, faire Lösung für den Pflegenotstand ist dabei in Europa jedoch noch lange nicht in Sicht. Vielmehr – auch das ist im Stück impliziert – verschieben sich die ökonomischen Abhängigkeiten bereits jetzt schon in Richtung Globaler Süden.
Diese Spannungen zwischen Zuwendung, Aufopferung und struktureller Ausbeutung sind in „Maria“ sorgsam herausgearbeitet. Sie kommen besonders im letzten Abschnitt zur Geltung, in dem Brigitte Walk ihre persönliche Beziehung zu Maria ins Zentrum rückt: Wie sie deren liebevolle Fürsorge für ihre pflegebedürftige Mutter wertschätzt, aber zugleich immer ein schlechtes Gewissen hat, „weil ich es so ausbeuterisch finde“. Am Ende begleitet sie Maria auf der 20-stündigen Busfahrt nach Timișoara, stellt viele Fragen und lernt andere Pfleger:innen kennen: „Frauen übermalen mit Schminke ihre Müdigkeit“, bevor sie in ihren Heimatorten wieder von ihren eigenen Familien gebraucht werden. „Maria, woran denkst du? (…) Maria, kann es sein, dass diese Fahrt deine einzige Erholung ist?“
Es ist ein sehr bewegendes Stück, und als am Ende Maria selbst, die reale Person und Vorlage für das Stück, die Bühne im Alten Hallenbad betritt, will der Applaus nicht enden. 

 

Weitere Vorstellungen:
15./19./20./21.11., 20 Uhr sowie 16.11., 18 Uhr mit anschließendem Fachgespräch und 23.11., 18 Uhr
Altes Hallenbad, Feldkirch
(ab April 2026 im Teatrul Basca in Timișoara)
www.walktanztheater.com

 

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