Mammal Hands: Circadia Peter Füssl · Apr 2026 · CD-Tipp

Der Pianist Nick Smart und sein Bruder Jordan Smart zählen seit dem 2014 gemeinsam mit dem Schlagzeuger Jesse Barrett veröffentlichten Debütalbum „Animalia“ zu den angesagtesten Protagonisten der neuen britischen Jazz-Welle.

Nach fünf erfolgreichen Alben auf dem in Manchester beheimateten Indie-Label Gondwana Records, wo mit GoGo Penguin ungefähr zur selben Zeit ein stilistisch vergleichbares Trio in den Startlöchern zu einer steilen internationalen Karriere stand, wechseln Mammal Hands nun zum erfolgreichen Münchner Jazz-Label ACT. Der Label-Wechsel ist gleich auch mit einem Personalwechsel verbunden, denn die Brüder haben nun statt Barrett mit Rob Turner jenen Drummer an Bord, der bei GoGo Penguin zehn Jahre lang mit gleichermaßen präziser wie spannungsgeladener und kraftvoll-sensibler Rhythmusarbeit brillierte.


 

 


Die neun neuen, im Kollektiv komponierten Stücke auf „Circadia“ markieren gleichermaßen einen Neustart, wie die erfolgreiche Weiterentwicklung des Bandkonzepts, das auf einer sehr speziellen Mischung aus Minimal Music, Ambient, Neo-Classic, Post-Rock und Electronic Music basiert. Vielfach gibt Nick Smart mit eingängigen Piano-Melodien die Richtung vor, über die Jordan Smart dann zumeist nachdenkliche, melancholische, seltener auch kraftvoll-expressive Saxophon-Linien legt – angetrieben von Turners voranpeitschenden Beats. Die Stücke entwickeln oftmals einen unwiderstehlichen, hypnotischen Sog, in den sich die geneigte Hörerschaft – entrückt von Zeit und Raum – fallen lassen kann. Dabei werden die repetitiven Muster durch geringfügige Verschiebungen und geschickte dynamische und tempomäßige Steigerungen in ihrem Reiz potenziert. Ohne die aus dem Zusammenspiel meditativer und spannungsgeladener Momente entstehende Grundatmosphäre zu stören, tanzen einige Kompositionen etwas aus der Reihe: Auf dem knapp zweieinhalbminütigen „Fallow Tide“ mischen sich ruhige, aber schwere Piano-Akkorde – unter Verzicht auf Sax und Drums – mit Electronics und Vogelgezwitscher. Das wundervoll sanfte „A Thread in the Dark“ würde auch im Folk-Pop-Genre seine beruhigende Wirkung entfalten. Und auf dem Closer „Submerge“ – mit sechseinhalb Minuten das längste Stück des Albums – präsentierte sich Jordan Smart von seiner besonders ausdrucksstarken Seite und zaubert zum hämmernden Piano und den flirrenden Drums auf dem klagenden Sax eine düster-bedrohliche Atmosphäre ins insgesamt durchaus freundliche und optimistisch stimmende Gesamtkonzept. Trotz minimalistischer Grundausrichtung ist man bei weiteren Hördurchläufen verblüfft, wie viele Details sich immer neu entdecken lassen. Hier lässt sich auch ein Bogen zum berühmtesten Piano-Trio des ACT-Labels überhaupt spannen, dem Esbjörn Svensson Trio, das die Briten zu ihren großen Vorbildern zählen. 
(ACT) 

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Konzert-Tipp: 12.4. Kaufleuten Zürich

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