Magische Tanz-Performance der L-E-V Dance Company
„Into The Hairy“ von Sharon Eyal/Gai Behar begeisterte beim “Bregenzer Frühling”
Peter Füssl · Mai 2024 · Tanz

„I don’t want to see the choreography, I want to see the magic“, so lautet das häufig zitierte Motto von Sharon Eyal, die aus dem Stall der legendären Basheva Dance Company aus Tel Aviv stammt, wo sie von 1990 bis 2008 als Tänzerin und anschließend als Hauschoreographin engagiert war. 2013 gründete sie mit dem in der Multimedia-Event- und Club-Szene aktiven Gai Behar die L-E-V Dance Company, die mittlerweile in Frankreich beheimatet ist und international schon großes Aufsehen erregt hat. So schlossen sich für das nun in Bregenz gezeigte, 2023 uraufgeführte „Into The Hairy“ so renommierte Tanz- und Kultur-Institutionen wie das Montpellier Danse Festival, La Villette Paris, die Salzburger Festspiele, Sadler’s Wells London, Julidans Amsterdam, Spoleto Festival die Due Mondi, Mart Foundation New York, Dampfzentrale Berlin, deSingel Antwerpen und das Théâtre Sénart Paris zwecks Co-Produktion zusammen. Und es hat sich rentiert, wie der durchaus magische Abend beim „Bregenzer Frühling“ eindrucksvoll unter Beweis stellte!

Weitgehende Reduziertheit

Aus der völligen Dunkelheit löst sich zum Geräusch von Wassertropfen langsam ein seltsames amorphes Wesen heraus, das aus den Körpern von acht Tänzerinnen und Tänzern gebildete wird. Sie wirken, als wären sie in die uniformen, hautengen Ganzkörperhüllen aus Spitze eingeschweißt, die von Maria Grazia Chiuri, der Chef-Designerin des renommierten Mode-Labels Dior (für das L-E-V auch schon Modeschauen performte) entworfen wurden. Da auch noch alle Augen stark überschminkt und die Haare straff anliegend sind, gehen die individuellen Merkmale weitgehend verloren und die Akteur:innen wirken androgyn und sind kaum mehr zu unterscheiden. Light-Designer Alon Cohen lässt spärliches warmes Scheinwerferlicht ausschließlich senkrecht von oben in Form von Lichtkegeln auf die Szenerie fallen, zwischendurch mal etwas heller und in Blau oder in Rot gehalten, durchwegs aber eine traumhafte, mysteriöse Atmosphäre kreierend. Die Bühne ist, von den Tänzer:innen abgesehen, völlig leergefegt. In Sachen Bühnenbild, Beleuchtung und Kostüm scheint man also auf das berühmte „Weniger ist mehr“ zu setzen. Und „Into The Hairy“ erzählt auch keine Geschichte, hat weitestgehend nicht mal einen nennenswerten Handlungsstrang. 

Geniale Kombination aus tranciger Musik ...

Dafür zielt die Performance als sich gegenseitiges Hochschaukeln von Musik und Bewegung treffsicher auf die emotionale Ebene ab und löst beim Publikum eine Unmenge an Assoziationen aus. Hier kommt auch der walisische Electronic-Musiker, Komponist, DJ und Produzent Lewis Roberts, besser bekannt als Koreless, als weitere zentrale Figur dieser Produktion ins Spiel. Denn Tanz und Musik fanden in einem gemeinsamen Entstehungsprozess zusammen, beeinflussten sich wechselseitig und gipfelten schließlich in einer tiefgehenden Synergie. Der unter anderem von Kooperationen mit experimentellen Acts wie FKA Twigs, Caribou oder Jamie xx her bekannte Electronics-Spezialist schuf den eher minimalistischen Soundtrack sogar im selben Raum des Tanzstudios, während die Tänzerinnen und Tänzer gleichzeitig ihr Bewegungsrepertoire erarbeiteten. So harmoniert der trancige Mix aus kraftvollem, sphärischem Gesang, wummerndem Bass, kristallklaren Beats und unterschiedlichsten, teils auch sanfteren und Melodie-orientierten Ethno-Einflüssen perfekt mit dem höchst eigenwilligen Tanzvokabular. Aus dem oben erwähnten amorphen Wesen reckten sich immer wieder Hände, Füße und Köpfe heraus, wie die synchron schwingenden Tentakel einer riesigen, urtümlichen Seeanemone. Oder ist der Knäuel eine Pflanze? 

... und unorthodoxem Bewegungsrepertoire

Oder doch ein Menschenhaufen, der in langsamen, unorthodoxen Bewegungen ein uns unverständliches, geheimnisvolles Ritual abfeiert? Immer wieder lösen sich einzelne Akteur:innen aus diesem Ganzen heraus, unternehmen kleine Solo-Ausflüge und werden wieder in den Klumpen absorbiert. Schließlich vollführen die Tänzer:innen auch in Reih und Glied aufgefädelt ihre eigentümlichen Tanzschritte, die Klassisches bestenfalls noch erahnen lassen. Etwa indem sie mit dem einen Fuß nur auf der Zehenspitze auftreten, mit dem anderen nur auf der ganzen Fußsohle – was eine befremdliche, irgendwie humpelnde Fortbewegungsart zur Folge hat. Dazu kommen wilde Verdrehungen der Körper aus der Hüfte heraus, oder der Schultern und der Arme, die Köpfe nicht selten in einer eigenartigen Schräglage platziert. Manche Bewegungen wirken als wären sie in ihre einzelnen Facetten aufgelöst worden. Flottere Einschübe lockeren das Geschehen, das sich vorwiegend im Zeitlupentempo abspielt, auf, immer wieder richten sich Lichtkegel von oben auf kurze Soli, die eindrucksvoll die Körperbeherrschung der Performer:innen demonstrieren. Es gibt kaum Höhepunkte, aber eine permanent anhaltende Spannung, die sich aus den ungemein synchronen Bewegungen und den unzähligen kleinen Variationen speisen.

Gegen Schluss entblößt eine Person ihren Oberkörper, nimmt somit quasi Menschengestalt an – und wird von dem aus den anderen Körpern bestehenden amorphen Wesen umschlungen. Aber auch hier sind unterschiedlichste Interpretationen möglich: das Wesen umschließt den Menschen in behütender Weise zum Schutz nach außen, oder es verschlingt ihn, einer riesigen fleischfressenden Pflanze gleich. Geht es um den Zyklus des Lebens? Um das Verhältnis von Masse und Individuum? Um Umweltproblematiken? Um politische und soziale Verwerfungen? Rätsel über Rätsel!

Das Publikum im Bregenzer Festspielhaus fühlte sich von der doch eher düsteren und emotional aufwühlenden Performance jedenfalls durchwegs angesprochen, war der Magie offenbar restlos erlegen und bedankte sich mit begeistertem Applaus. Fünfzig Minuten, nachdem sich der Bühnenvorhang gehoben hatte, befand man sich schon wieder vor dem Festspielhaus, wo die Abenddämmerung immer noch im Gange war. „Was war denn das für ein Quickie“ fragte ein Paar, das schon seit Jahren zum begeisterten „Bregenzer Frühling“-Publikum zählt, lachend in die Runde. Keine Ahnung, jedenfalls ein exzellenter!

Weitere Termine beim „Bregenzer Frühling“ 2024
10.5.2024       Nadav Zelner/Crystal Pite/Ohad Naharin – Nederlands Dans Theater 2
18.5.2024       Igor Levit/Richard Siegal – Ballet of Difference
16.-25.5.2024 aktionstheater ensemble „All About Me – Kein Leben nach mir”
www.bregenzerfruehling.com

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