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27.10.2011 |  Raffaela Rudigier

Jedes zweite Wort ist wahr – „Hitlers Großmutter“ von Ilse Krumpöck

Adolf Hitler hatte einen jüdischen Großvater – das behauptet die Vorarlberger Autorin und Wahl-Waldviertlerin Ilse Krumpöck in ihrer soeben erschienenen Romanbiografie „Hitlers Großmutter“. Wobei sie schon auf der ersten Seite ihre vorgelegte Theorie mit dem Satz kommentiert: „Jedes zweite Wort ist wahr.“ Krumpöck hat eine spannende Dienstboten-Geschichte aus dem 19. Jahrhundert geschrieben und legt dabei eine neue, durchaus interessante These zur Abstammung Adolf Hitlers vor.

Widerlegte Thesen

Es ranken sich zahlreiche Geschichten rund um mögliche jüdische Vorfahren des Judenhassers Hitler. Die meisten von ihnen stehen im Zusammenhang mit den sogenannten „Frankenberger-Thesen“, die Hitlers Anwalt Hans Frank in der Zelle des Nürnberger Justizgefängnisses vor seiner Hinrichtung durch den Strang in seinem Manuskript „Im Angesicht des Todes“ aufgeschrieben hat. Darin behauptet Frank, Hitlers Großmutter Anna Schicklgruber habe in Graz in einem „jüdischen Familienhaushalt mit Namen Frankenberger (oder so ähnlich!)“ als Köchin gearbeitet und sei dort von einem Juden geschwängert worden. Erst später habe sie Georg Hitler geheiratet, dessen Nachname das uneheliche halbjüdische Kind Alois (Adolf Hitlers Vater) mit 14 Jahren angenommen habe. Die Theorie Hans Franks weist jedoch zahlreiche Widersprüche und Fehler auf und wurde schon lange widerlegt.

Hitlers zerstörte Heimat

Weitere Gerüchte besagen, dass Adolf Hitlers Eltern Klara und Alois in einem inzestuösen Verhältnis zueinander standen und Onkel und Nichte zweiten Grades gewesen seien. Adolf Hitlers Abstammung konnte nie eindeutig geklärt werden – ein Umstand, der auch dadurch erschwert wurde, dass Hitler selbst seine Herkunft so gut wie möglich zu verschleiern versuchte. So hat er etwa die Heimatdörfer seiner Eltern und Großeltern (Döllersheim und Strones in Niederösterreich) evakuiert, um daraus Truppenübungsplätze zu machen (heute: Truppenübungsplatz Allentsteig).

Anna Maria Schicklgruber – Hitlers Großmutter

Die Autorin Ilse Krumpöck, selbst langjährige Leiterin des kunsthistorischen Referates im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien, stellt nun eine neue Theorie auf und belegt sie in ihrer „Romanbiografie“ mit zahlreichem Archivmaterial. Krumpöck spürt dem Leben von Hitlers Großmutter Anna Maria Hiedler (geborene Schicklgruber) nach und zeichnet dabei ein faszinierendes Bild der Gesellschaft im Waldviertel um 1830. Inmitten von Knechtschaft und Ausbeutung, reichen Gutsherren und aufkeimendem Judenhass schlägt sich die junge Anna Maria nach dem Tod ihrer Mutter alleine durch, nachdem sie von ihrem Vater mehrfach vergewaltigt wurde. Sie läuft von zuhause weg und findet Arbeit auf dem Herrschaftssitz Schloss Greillenstein, wo sie sich zu einer passablen Köchin mausert. Von dort wird sie als Köchin weiter vermittelt nach Schloss Wetzlas, wo die jüdische – inzwischen jedoch katholisch getaufte – Familie des Heinrich Pereira-Arnstein lebt. Sie verliebt sich in den reichen und noblen Juden Heinrich, während ihr dessen Sohn Adolf ständig nachstellt. Vom jungen Pereira-Arnstein will sie jedoch nichts wissen und wird schließlich auch von ihm vergewaltigt.

Aus Hiedler wird Hitler

Mit 42 Jahren bekommt die ledige Köchin ihr erstes Kind Aloys (Adolf Hitlers Vater) und steht arbeitslos auf der Straße. Sie findet einen vorerst gutmütigen Mann in Georg Hiedler, ein Hallodri und Taugenichts, der sie jedoch ehelicht und vor weiterer Schmach bewahrt. Der kleine Aloys wird alsbald zu dessen Bruder Johann in Pflege gegeben, wo er aufwächst. Erst mit 40 Jahren lässt sich Aloys Schicklgruber umtaufen und nimmt den Namen seines bereits verstorbenen Stiefvaters Georg Hiedler – in neuer Schreibweise – an. Später wird Aloys Hitler Johanns Tochter Klara (mit der er jedoch nicht wirklich verwandt ist) heiraten und mit ihr sechs Kinder zeugen, von denen die ersten drei das Kleinkindalter nicht überleben. Das vierte Kind jedoch überlebt – es ist Adolf Hitler.

Fazit

Krumpöck erzählt spannend und einfühlsam vom bitteren Leben einer armen Frau im 19. Jahrhundert. Belegt dabei zahlreiche Tatsachen mit historischem Archivmaterial, widerlegt Thesen und Theorien rund um Adolf Hitlers Ahnen und haucht dem Faktenberg Leben mit frei erfundenen biografischen Details ein. In stark dialektgefärbter Sprache versucht sie zu erklären, wie Hitlers Großmutter, Anna Maria Schicklgruber, zu einer moralisch verkommenen Frau mit stark ausgeprägtem Judenhass wurde. Ein Buch, das für einen Roman teilweise zu viele Fakten allzu ausführlich auflistet und gleichzeitig das Leben einer realen Frau über weite Strecken frei erfindet und ihr Meinungen und Überzeugungen unterstellt. Trotzdem ist Ilse Krumpöcks Romanbiografie eine spannende Geschichte und die darin angestrengte Ahnenforschung hochinteressant. Die Autorin ist jedenfalls davon überzeugt, dass der Wahrheitsgehalt ihrer Theorie auch einem DNA-Vergleich standhalten würde.

Ilse Krumpöck, Hitlers Großmutter, Steinverlag, Bad Traunstein 2011, 288 Seiten, Gebunden, € 19,90, ISBN 978-3-3901392-21-4

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