L’Antidote: L‘Antidote Peter Füssl · Nov 2025 · CD-Tipp
„Oriental-Jazz der feinsten Art!“, denkt man sich nach ein paar Takten und wird nicht enttäuscht, zumal sich auch noch Balkan-Einflüsse und eine Prise süditalienischer Folklore dazugesellen. Die neun Stücke auf diesem Album sind gleichermaßen kraftvoll wie kontemplativ, farbenreich wie poetisch, melodisch eingängig und voller rhythmischer Raffinesse, sie wecken Emotionen, verführen zum Träumen und wirken vielfach hypnotisch. Die Stücke entstanden beim gemeinsamen Improvisieren und man merkt gleich, dass hier drei Virtuosen mit wachsamen Ohren aufeinander hören und freudvoll und intensiv miteinander kommunizieren.
Hinter dem Bandnamen L’Antidote stehen nicht nur drei äußerst interessante Musiker, sondern auch drei ganz spezielle Schicksale. Der in den 199o-er Jahren aus Albanien geflohene und seither in Apulien lebende Redi Hasa ist vor allem als langjähriger Cellist von Ludovico Einaudi bekannt geworden, veröffentlichte aber auch ein Solo-Album mit Nirvana-Songs, spielte mit Bobby McFerrin, Boban Markovic oder Paolo Fresu und befasste sich im Duo mit der Sängerin Maria Mazzotta mit mediterraner Folklore. Der Pianist Rami Khalifé, Sohn des renommierten Oud-Virtuosen Marcel Khalifé, emigrierte mit seiner Familie aus dem Libanon nach Frankreich und erregte 2013 großes Aufsehen mit seinem „Requiem for Beirut“, in dem er Eindrücke vom Arabischen Frühling verarbeitete und das er mit dem Qatar Philharmonic Orchestra und dem MDR Chor Leipzig einspielte und auf dem Platz der Märtyrer in Beirut open-air aufführte. Auch der auf der Zarb und anderen traditionellen persischen Rhythmusinstrumenten brillierende Bijan Chemirani, der unter anderem mit Sting, Sylvain Luc, Ballaké Sissoko oder Renaud Garcia-Fons unterwegs war, trägt einen großen Namen, ist doch sein ebenfalls nach Frankreich emigrierter Vater Djamchid ein Großmeister unter den persischen Perkussionisten. Die drei vielbeschäftigten Musiker trafen erstmals 2020 im süditalienischen Lecce zusammen, als alle Welt angesichts der grassierenden Corona-Pandemie nach einem Gegenmittel (also Antidote) suchte.
Die Wahl des Bandnamens hat für die Musiker aber gerade in unserer von Kriegen und Katastrophen durchgerüttelten Welt eine universellere Bedeutung: „Musik ist ein Gegenmittel zur Realität, die oft von Enttäuschung und zerplatzten Träumen geprägt ist. Sie hat eine heilende Wirkung auf Körper und Geist, beruhigt, schenkt Hoffnung und lässt uns die Dinge anders sehen. Musik kennt keine Grenzen“, ist Rami Khalifé überzeugt. Folglich zeigt sich in den mit mitreißender Intensität musizierten Titeln die Melancholie von ihrer stimmungsvollsten und schönsten Seite. Und es gibt auch ekstatische Titel wie „Na Na Na“ oder „Dates, Figs and Nuts“, in denen die elektronisch unterstützten Rhythmen förmlich explodieren und die Hörer:innen mit Lebensfreude aufladen. „Kann Schönheit die Welt retten?“ fragen die Musiker. Keine Ahnung, aber auf diesem Niveau ist es ganz sicher einen Versuch wert!
(Ponderosa Music Records/edel)