Kunst im hochalpinen Landschaftsraum
Kunst im öffentlichen Raum prägt urbane und alpine Landschaften
Martina Pfeifer Steiner ·
Mär 2026 · Aktuell
Die Ausstellung „Beyond Decoration“ im Magazin 4 bereichert die alltägliche Wahrnehmung von Kunst im öffentlichen Raum und thematisiert auch spektakuläre Projekte in alpiner Landschaft mit begleitenden Veranstaltungen: diesmal ein Podium zu „Ästhetik, Funktion und kulturelle Verortung im ländlich-hochalpinen Kontext“, ausgehend vom „Skyspace-Lech“ und der aktuellen Initiative „Horizon Field“.
Eine Keynote zur Podiumsdiskussion wird von Otto Huber beigetragen. Er ist einer der Initiatoren von „Horizon Field“ und „Skyspace-Lech“ sowie Vorstand im „Verein Horizon Field – Kunstverein Vorarlberg“, der 2012 gegründet wurde, um das Kunstwerk von Antony Gormley – zwei Jahre lang war die Installation infolge seiner KUB-Ausstellung im Arlberggebiet zu entdecken – dauerhaft für die Region zu erhalten, was damals jedoch nicht gelang.
Die Motivation, Kunst von Weltrang nach Vorarlberg zu bringen, blieb und mündete 2018 in die Realisierung von „Skyspace-Lech“, dem Lichtraum am Berg des US-amerikanischen Künstlers James Turrell, „in dem das Zusammentreffen von Himmel und Erde in der hochalpinen Landschaft in neuer Dimension erlebbar wird“. Es gibt weltweit an die hundert „Skyspaces“, doch im Naturgebiet realisiert, nur diesen in Lech. Ein unbeschreibliches kollektives Kunsterlebnis sei es, wenn die Runde von dreißig Leuten in den Himmel schaut und beobachtet, wie sich dessen Farbe durch künstliches Licht verändert. 20.000 Besucher:innen pro Jahr ist die erfolgreiche Bilanz, doch damit so ein Projekt mit finanziellem Einsatz von 1,5 Millionen Euro überhaupt ohne öffentliche Mittel, nur mit einer breiten Crowdfunding- und Spendenaktion, realisierbar wird, ist die internationale Bedeutung des Künstlers Voraussetzung. James Turrell war der erste, der das Kunsthaus Bregenz zur Eröffnung mit seinen Raum-Licht-Installationen bespielte.
Die Eisenmänner in den Bergen
Aktuell ist der Kunstverein seinem ursprünglichen Ziel, der Rückkehr von „Horizon Field“ nach Vorarlberg, wieder sehr nahegekommen. In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler Antony Gormley sollen die hundert Eisenmänner erneut auf einer Linie von 2.039 Höhenmetern über Klostertal, Arlberg, Kleinwalsertal bis in den Bregenzerwald positioniert werden. Die größte Hürde sei bereits genommen, berichtet Otto Huber, denn alle Grundeigentümer haben den Pachtvertrag für den halben Quadratmeter auf 99 Jahre unterschrieben, jetzt ist noch die naturschutzrechtliche Prüfung und Bewilligung abzuwarten. Man kann sich vorstellen, wie viel Überzeugungsarbeit, Dialog und gute Argumente aufgebracht wurden.
Im Unterschied zur Kunst im öffentlichen Raum, die quasi am Weg liegt, ist bei jener im Naturraum ein bewusstes Aufsuchen nötig, das Kunsterlebnis muss die Mühe wert sein. Umso größer ist die Wirkung in der Wahrnehmung von Vorarlberg als besondere Kunst- und Kulturregion bei derartig außergewöhnlichen Projekten, die ganz neue Gruppen anziehen. Seit drei Jahren läuft nun schon der Genehmigungsprozess, ein aufwändiges Nachhaltigkeitskonzept wurde vorgelegt. Doch immer wieder kommen auch Bedenken bezüglich Nachahmungseffekten.
Die Kulturservice-Leiterin Judith Reichart nimmt den Faden auf und gibt dieses „Präjudiz-Problem“ in die Runde. Am Podium: Marina Hämmerle, Architektin, die als vormalige vai-Direktorin Bus:stop Krumbach – die Buswartehäuschen, entworfen von internationalen Architekten – initiiert hat; Andreas Neuhauser, von illwerke vkw AG, die sich aktiv in der Kunstförderung in Vorarlberg engagiert, insbesondere durch die Verbindung von Kunst, Raum und Umwelt wie bei „KunstRaumBerg“ auf der Silvretta-Bielerhöhe; die Künstlerin Miriam Prantl, die ebendort „Erdenlicht“ realisiert hat, eine von skulpturalen Spiegel-Segmenten umrundete Plattform, in deren Mitte – direkt auf dem Schützenschacht der illwerke vkw – ein Fernrohr in die Tiefe der Erde blicken lässt; und Gottfried Bechtold, der die riesige Staumauer zum Silvrettasee mit seiner 14 Meter langen, metallisch glänzenden Unterschrift schwungvoll signierte.
Für den Künstler ist die Signatur auf der Staumauer ein Zeichen für Verantwortungsübernahme: „Meine Kunst war immer so superpolitisch, dass ich die Watschen von links wie von rechts gekriegt habe“, sagt Bechtold und stellt die Frage in den Raum: Wer ist verantwortlich für Kunst? Und Neuhauser: „Wir tragen alle die Verantwortung für Architektur und Kunst und prägen damit die Region.“ Miriam Prantl gibt zu bedenken, dass ein Kunstwerk wie „Horizon Field“ sehr komplex und in dieser Dimension von hundert benötigten Grundstücken wohl einzigartig sei, die Orte sind damit besetzt und haben Strahlkraft.
Otto Huber: In diesem Fall würden wir zwar über Kunst im öffentlichen Raum sprechen und der Gesetzgeber habe großen Einfluss auf die Verwirklichung, aber die Eigentümer der Grundstücke sind allemal Private. Und ist der Raum damit besetzt? Ausgangspunkt für Weiteres sei jedenfalls der gleiche: Die Grundbesitzer können ein Projekt erlauben und die Behörden dies genehmigen oder nicht. Und im Tourismus sei man sich bereits bewusst, dass alte Erfolgsmodelle an Bedeutung verlieren und solch qualitative Projekte Zukunftschancen beinhalten.
Für Marina Hämmerle haben Kunstwerke wie „Horizon Field“ aber auch die Betonporsches von Bechtold oder Bus:stop Krumbach eine Anziehungskraft, die mit der von Museen vergleichbar ist. Und die Bedenken sind wohl nur Stellvertreter-Diskussionen, weil die Grenzen zur Natur immer weiter verschoben werden. Sie würde sich wünschen, dass die Genehmigung von Liftanlagen, Beschneiungsanlagen auch mit der gleichen Akribie beantwortet werden. Die Kunst halte uns ja an, die Natur zu achten. Antony Gormley sagt: „Die Realität des Klimawandels und die dringend notwendige Neuausrichtung unseres Verhältnisses zur Natur machen ‚Horizon Field‘ relevanter als je zuvor.“
Bis Ende März kann man in der Ausstellung noch zwischen den übersichtlich gestalteten Fahnen der 26 Bregenzer Standpunkte von Kunstwerken mäandern und dann mit dem vom Kulturservice aufgelegten Folder die Erkundung vor Ort fortsetzen.
„Beyond Decoration – Kunst im öffentlichen Raum“
bis 31.3.26
Magazin 4, Bregenz