Kunst an der Nahtstelle zum Leben
Kunstmuseum Liechtenstein präsentiert Jahresprogramm 2026
Karlheinz Pichler ·
Dez 2025 · Ausstellung
Das abgelaufene Jahr stand für das Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz ganz im Zeichen des 25-Jahr-Jubiläums. Neben vier Ausstellungen gab es zahlreiche Performances, Projekte und Festanlässe im letzten Programmjahr von Letizia Ragaglia, die das Kunstmuseum seit 2021 als Direktorin geführt hat und Anfang kommenden Jahres die Leitung des MASI (Museo d'arte della Svizzera Italiana) in Lugano antreten wird. Ihre designierte Nachfolgerin in Vaduz, Christiane Meyer-Stoll, präsentierte zusammen mit ihrem Team am Mittwoch das Jahresprogramm 2026, das sich sehr nah am Leben orientieren soll.
Per Stand Ende November statteten dem Kunstmuseum Liechtenstein in diesem Jahr bisher exakt 26.892 Personen einen Besuch ab. Bis Ende dieses Jahres sollte die letztjährige Gesamtbesucherzahl von 27.270 deutlich übertroffen werden.
Zentrales Anliegen von Letizia Ragaglia war es, das Museum zu öffnen und Kunst für alle Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, zum Beispiel durch die Einführung des eintrittsfreien Mittwochs. Die designierte neue Chefin des Hauses, Christiane Meyer-Stoll, wolle vieles, was war, weiterführen, und aber auch werde vieles unter ihrer Ägide neu sein, wie sie bei der Pressekonferenz betonte. Das Programm für 2026 hätten Ragaglia und Meyer-Stoll noch gemeinsam zusammengestellt.
Radical Hope
Die scheidende Direktorin habe sich zum Beispiel dafür stark gemacht, dass die 1970 in Leningrad (St, Petersburg) geborene und 1989 aus der damaligen Sowjetunion geflüchtete Künstlerin Anna Jermolaewa in Vaduz gezeigt werde. Jermolaewa war schon zwei Mal in Gruppenausstellungen im Kunstmuseum Liechtenstein vertreten, und zwar in „Parlament der Pflanzen“ (2020/2021) und „Auf der Strasse“ (2025). Zwei Werke der Künstlerin befinden sich mittlerweile auch in der Sammlung des Hauses. Beide waren Teil ihres Beitrags für den österreichischen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2024. Für ihre erste große Einzelausstellung im Haus werde sie neue Arbeiten entwickeln, heißt es. Seit einiger Zeit arbeite die Künstlerin, die während der Sommermonate 2021 auch im Rahmen einer Einzelschau im Bregenzer Magazin 4 und 2023 im Kunsthaus Bregenz zu sehen war, beispielsweise an einer Werkgruppe zu Objekten, die von Inhaftierten im Gulag geschaffen wurden. Diese Arbeit, „Radical Hope“, aus der sich auch der Ausstellungstitel ihrer Personale in Vaduz (23.10.2026–29.3.2027) ableitet, vertiefe ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Erinnerung, ihrem Weiterwirken in die Gegenwart und den Handlungsspielräumen des Individuums in repressiven Systemen, wie Meyer-Stoll betont.
Grundsätzlich thematisieren sämtliche Ausstellungen 2026 gesellschaftsrelevante und menschliche Fragen, so Meyer-Stoll weiters. Alle partizipierenden Kunstschaffenden stünden mit ihrem Werk ganz nah am Leben.
What is Wealth?
Während mit „Demons Are Tearing Me Apart“ von Henrik Olesen und Isidore Isou (bis 18.1.2026) und „Let Yourself be Free“ von Tony Cokes (bis 1.3.2026) zwei aktuellen Kunstschauen noch bis ins neue Jahr hinein laufen, wird am 6. Februar mit „What is Wealth?“ des Künstler:innenduos Relax (Chiarenza & Hauser & Co) die erste Neuproduktion unter Meyer-Stoll gestartet (bis 16.8.2026). Das Duo „Relax“, bestehend aus der 1957 in Tunis geborenen Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser, geboren 1959 in Bern, arbeitet laut Begleittext meist situationsbezogen und bezieht sowohl den Ausstellungsort als auch soziale, politische, ökonomische und ökologische Kontexte mit ein. Ihre multimedialen Werke hinterfragen gesellschaftliche Werte ebenso wie den Kanon und die Strukturen der Kunst. Für ihre Schau in Vaduz bildet die Rauminstallation „What is Wealth?“ (2010–2017) den Ausgangspunkt für weiterführende Gedanken über Wert, Besitz, Verantwortung, Erinnerung und Glück. „In verschiedenen Zonen – einem Tausch-Käfig, einem Waste Room und einem drehbaren Glücksrad – laden Objekte, darunter auch einige ausgewählte Werke aus der Sammlung des Museums, dazu ein, über Formen von Wert und Bedeutung nachzudenken – spielerisch, kritisch und ohne vorgegebene Antworten“, so Meyer-Stoll, die diese Ausstellung gemeinsam mit Leslie Ospelt kuratiert.
Antin-Retrospektive
Als nächstes wird dann am 27.3. (bis 27.9.2026) eine große Retrospektive zum Schaffen von Eleanor Antin eröffnet. Hier handelt es sich um eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Mudam Luxembourg (Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean), wo die Schau derzeit bereits zu sehen ist, sowie dem Mocak (Museum für Gegenwartskunst) in Krakau, wohin sie im November nächsten Jahres von Vaduz aus weiterzieht.
Die New Yorker Künstlerin Eleanor Antin (geb. 1935) zählt zu den Schlüsselfiguren der Konzeptkunstbewegungen der 1970er Jahre sowie der feministischen Kunst. „Ihr Werk befragt Grenzen von Identität, Geschichte und Repräsentation und verbindet tiefgründigen Humor mit feinsinniger Erzählkunst und Performativität“, so Meyer-Stoll, die die Vaduzer Retrospektive zusammen mit Henrik Utermöhle kuratiert. Mit ihrer medienübergreifenden künstlerischen Praxis, die von der Fotografie, über Film, Text, Performance und Skulptur bis zur Installation reicht, lade Antin dazu ein, vertraute Narrative neu zu betrachten und verblüffende Perspektiven auf unser individuelles und gesellschaftliches Selbstverständnis zu entdecken.
Zur Finissage am 27.9.2026 wird übrigens der 1970 im französischen Vendôme geborene Künstler Saâdane Afif mit einer Performance als einem vielschichtigen, selbstreflexiven Ereignis aufwarten, das sein eigenes Schaffen humorvoll beleuchtet und neu akzentuiert.
„CaccHho CucchhA“
Als „Ausstellung für Kinder und Erwachsene im Kollabor“ konzipiert ist die von Mercedes Azpilicueta gestaltete Schau mit dem ominösen Titel „CaccHho CucchhA“ im ebenerdigen Seitenlichtsaal des Museums. In der begehbaren, multisensorischen Installation lädt die 1981 in La Plata (Argentinien) Künstlerin zum Spielen als erfinderische, emanzipierende und Gemeinschaft stiftende Handlung ein. „CaccHho CucchhA“ wird zu einem „Resonanzraum, in dem durch Bewegung, Berührung und Interaktion leise Klänge und Rhythmen entstehen“, ist dem Pressetext zu entnehmen. Auf dem zentralen Wandteppich sind unter anderem Bilder spielender Kinder in Gaza mit Zeichnungen der Künstlerin und Fotografien der Spielskulpturen von Aldo van Eyck verwoben.
„Cacho“ bezeichnet laut den Infos ein unermessliches, übrig gebliebenes Fragment Zeit. „Cucha“ wiederum bedeutet im argentinischen Jargon Unterschlupf oder sicherer Ort. „CaccHho CucchhA“ soll der Intention der Organisator:innen zufolge auf eine Zeit jenseits aller produktivitätsorientierter Logiken verweisen.
Übers Wasser gehen
Die vierte neue Ausstellung im nächsten Jahr ist dem Schaffen der 1946 geborenen und in Vaduz lebenden Malerin, Bildhauerin, Schriftstellerin, Lyrikerin, Publizistin und Kunstvermittlerin Evi Kliemand gewidmet. Kuratiert wird diese Eigenproduktion von Annett Höland. Die Ausstellung im Rahmen des Formats „Im Kontext der Sammlung“, die den Titel „Übers Wasser gehen“ trägt, nimmt Kliemands Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums zum Ausgangspunkt und soll verschiedene Schaffensphasen der Künstlerin spür- und erlebbar machen. Kliemand, die über Ateliers in Triesenberg und im Tessin verfügt, arbeitet in unmittelbarer Nähe zur Landschaft. „Alles liegt vor mir“, sagt sie. Entsprechend poesievoll sind denn auch ihre bildnerischen Werke. Malen habe den Zweck, zu heilen und dem Verlust vorzubeugen, so Kliemand, die zumeist an Wassern arbeitet. Neben großformatigen Leinwänden der mittleren Schaffensphase aus der Schenkung des 2002 jung verstorbenen Kulturwissenschaftlers Ralph Kellenberger sind im Rahmen der Ausstellung, die von 4.9.2026 bis 10.1.2027 dauert, erstmals gezeigte Skizzenbücher zu sehen, wie Kuratorin Annett Höland wissen lässt.
Hilti Art Foundation
In der dem Kunstmuseum Liechtenstein angeschlossenen Hilti Art Foundation (HAF) sind noch bis 12.4.2026 im Rahmen der Ausstellung „In Touch – Begegnungen in der Sammlung“ 40 hochkarätige Gemälde und Skulpturen von 23 Künstler:innen aus der Sammlung der Foundation zu bewundern. Das Spektrum reicht von Max Beckmann und Alexander Calder über Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner und Piet Mondrian bis zu Emil Nolde und Pablo Picasso. Als besonderer Leckerbissen ist im dritten Stockwerk eine exquisite Gegenüberstellung von teils großformatigen Werken des grandiosen irischen Künstlers Sean Scully und dem Giganten der Moderne, Paul Klee, zu sehen.
Abstraktionen
Am 8.5.2026 beginnt die Neuproduktion „Abstraktionen“, die dann bis 17.5.2027 bestehen bleibt. Im Zentrum dieser Ausstellung mit rund 60 Werken aus der Sammlung der Hilti Art Foundation stehen drei bedeutende Neuerwerbungen von Carmen Herrera, Wassily Kandinsky und Mark Rothko. Dazu Karin Schick, Direktorin der HAF: „Umringt von weiteren Gemälden und Skulpturen der eigenen Sammlung veranschaulichen die Neuerwerbungen drei unterschiedliche Spielarten der Abstraktion – das Lösen vom Gegenstand, die geometrische Konstruktion und die Farbfeldmalerei.“
Im Rahmen der Pressekonferenz gab Michael Hilti, Präsident der Hilti Art Foundation, außerdem bekannt, dass er im nächsten Jahr zurücktreten werde. Mit 80 Jahren sei es an der Zeit, leiser zu treten. Die Präsidentschaft bleibt jedoch in der eigene Familie, das Amt wird künftig von seiner Tochter bekleidet.