Kreativität, Virtuosität und ein Höchstmaß an Kommunikationsfähigkeit
Das András Dés Quartet präsentierte am Spielboden sein neues Album „Decisions We Make“
Peter Füssl ·
Mär 2026 · Musik
Der in Budapest geborene Perkussionist und Komponist András Dés zählt ebenso wie die Mitstreiter seines Quartetts – Martin Eberle an der Trompete, Kenji Herbert an der E-Gitarre und Philipp Nykrin am Piano – schon seit einigen Jahren zu den Aktivposten der äußerst regen Wiener Jazz- und Improvisationsszene. Wie schon auf dem ebenfalls auf dem ungarischen Label BMC (Budapest Music Center Records) 2024 erschienen, international auf ein sehr reges Interesse gestoßenen Album „Unimportant Things“ wechseln sich auf dem soeben veröffentlichten Album „Decisions We Make“ durchkomponierte Stücke aus der Feder des Bandleaders nahtlos mit freien Improvisationen ab und fügen sich zu einem emotional ansprechenden, jegliche Genregrenzen hinter sich lassenden, farbenreichen musikalischen Kosmos zusammen. Auch am Spielboden spielte das Quartett ca. 1 ½ Stunden lang, unterbrochen von nur einer Ansage des Bandleaders, was der abwechslungsreichen Darbietung den Charakter einer Soundtrack-artigen musikalischen Reise verlieh. Das Publikum zeigte sich begeistert.
„Decisions We Make“: Kompositionen ...
Der als Zugabe gespielte, András Dés Frau gewidmete „3rd Song“ war das einzige Stück des Abends, das vom Vorgänger-Album stammte, eine zwischen einer wunderschönen Trompeten-Melodie und einer von Klavier und Drums evozierten unterschwelligen Spannung changierenden Komposition, die durch eine Reihe interessanter Twists und Breaks immer abstrakter wird und gleichzeitig an Dramatik zulegt. Nicht weniger vielschichtig, kontrastreich und interessant gebaut sind auch die Stücke des aktuellen Albums „Decisions We Make“. „Büntelem“, Eröffnungsstück sowohl des Albums, als auch des Konzerts, folgt einem ähnlichen Muster: Es wird von einer melancholischen, eingängigen Melodie am Piano eingeleitet, die von der anfangs samt agierenden Trompete aufgenommen wird, von der dezenten und dennoch wirkungsvollen Perkussion mit Spannung aufgeladen und von der E-Gitarre befeuert in immer ekstatischere Dimensionen abhebt, um schließlich wieder wirkungsvoll abzuebben. Ein stimmungsvolles und soundfarbenreiches Vergnügen. „People At Places“ ist ein rasant startendes, angriffiges, mit permanenten Rhythmus- und Stimmungswechseln gespicktes Stück mit einem alle spieltechnischen Raffinessen auskostenden Trompeten-Solo Eberles und einem rockigen, warmtönenden Gitarren-Solo Herberts, das in verzerrten Tönen endet. „Banán Klub“ ist rhythmisch ganz schön tricky und entwickelt einen sehr eigenwilligen Groove. Da beide im 20. Wiener Gemeindebezirk wohnten, hat András Dés die „Brigittenauer Ballad“ Martin Eberle quasi auf den Leib geschrieben, der mit einem langen, melancholischen, sich zu klagenden Seufzern steigernden Trompeten-Solo auf ein ebenso gefühlvolles, von warmem Wohlklang erfülltes Solo auf der E-Gitarre einstimmt. Das Ganze gewinnt zunehmend an Dringlichkeit und nimmt – vom Piano geleitet – fast schon rockige Züge an, ehe es wieder im Gemütlichen endet. „Obsession Unlimited“ ist von einem gleichförmig hämmernden Piano geprägt, von interessanten rhythmischen Figuren, wirkungsvollen Breaks und einem Duell zwischen Gitarre und Trompete. „Dad Jokes“ wird von einem rasanten, mit technischen Kabinettstückchen gespickten Trompetensolo eingeleitet und mäandert anschließend nervös, von düsteren Pianoklängen geleitert durch aufwühlende Gefilde, ehe es wieder zu nahezu hymnisch gefeierter Ruhe findet.
... und Improvisationen
Die meisten Stücke gehen nahtlos in Improvisationen über, die manchmal einzelne Instrumente oder Duos in den Fokus stellen, manchmal auch kollektiv durchgeführt werden. Sie nehmen die Stimmungen des Gehörten auf, variieren, führen fort oder setzen Kontrapunkte – und leiten schließlich zur darauffolgenden Komposition über. Hier treffen der Wunsch nach Spontaneität und kreativer Freiheit sowie jener nach dem Spannen größerer musikalischer Bögen aufeinander – das mag für manche wie eine Gegensätzlichkeit klingen, aber es funktioniert bestens.
Ein Quartett ist im Idealfall mehr als vier Musiker
Zumindest bei dieser exzellenten, aus kreativen Individualisten bestehenden Band, die alle ihre individuellen Fähigkeiten auszuspielen verstehen und dennoch immer auch den Gruppensound im Auge behalten, ist das der Fall. Während des Konzertes sucht man immer wieder den Blickkontakt zu den musikalischen Gesprächspartnern, lächelt sich zufrieden an und freut sich sichtlich über besonders gut gelungene Passagen oder die überraschenden Ideen der anderen. András Dés sitzt auf einer Cajón, die er permanent mit der linken Hand bearbeitet, während er gleichzeitig mit der rechten Hand den Drumstick führt. Erscheint unspektakulär, ist aber höchst effektiv, zumal er bei Bedarf auch noch mit einem interessanten Arsenal an Perkussionsutensilien Stimmungen und verblüffende Geräusche zaubern kann oder sich als Bodypercussionist der Einfachheit halber gleich selber zum Instrument macht. Nicht weniger unorthodox sind seine Kompositionen, die durch eingängige Melodien, herausfordernde rhythmische Strukturen und detailreiche Sounds geprägt sind. Das bewegt sich alle Genregrenzen negierend im Spannungsfeld von zeitgenössischem Jazz, Kammermusikalischem (im persönlichen Gespräch fällt der Name Kurtág, und beim Namen Bartók strahlt das ganze Gesicht) und Improvisation – und möglicherweise spielen auch seine reichhaltigen Erfahrungen mit ungarischer Volksmusik mit. Für seine Musik, die Kreativität, Virtuosität und ein Höchstmaß an Kommunikationsfähigkeit erfordert, hat er die idealen Partner gefunden. Martin Eberle – für ihn war das Spielboden-Konzert natürlich ein Heimspiel – kann seine Trompetenlinien in Melancholie tauchen, sanft schmelzen oder sich feurig aufbäumen lassen, oder mit verblüffenden Spieltechniken aus dem Avantgarde-Bereich anreichern. Einen nicht weniger abwechslungsreichen Umgang mit seinem Instrument pflegt der einfallsreiche, sensibel und dezent agierende Gitarrist Kenji Herbert, der hierzulande ebenfalls bestens bekannte, japanisch-österreichische Neffe des Kontrabassisten Peter Herbert. Sein in jeglicher Hinsicht fabelhafter Auftritt animierte nebenbei dazu, sich sein letztes Jahr mit dem Österreichischen Jazzpreis ausgezeichnetes Trio-Album „A Million Forests of the Fall“ (Unit Records) wieder einmal anzuhören. Und last but not least brillierte der aus Salzburg stammende Philipp Nykrin auf dem Seiler-Flügel mit eingängigen Melodien und einfallsreichen Harmonien, schuf – oft mit wenigen Tupfern – eindrucksvolle Stimmungsbilder und setzte auch rhythmische Akzente, etwa indem er (wie fallweise auch Kenji Herbert) die Funktionen des fehlenden Basses übernahm. Ein exzellenter Vierer, bei dem die Chemie bestens stimmt und bei dem – um nochmals auf den Album-Titel zurückzukommen – durchwegs die richtigen Entscheidungen getroffen wurden.
Nächste Jazz-Konzerte am Spielboden
30.4., 20.30 Uhr: Marie Spaemann & Christian Bakanic
20.5., 20.30 Uhr: E C H O Boomer
www.spielboden.at