Körperhafte klangliche Dynamik
Die Cellistin Anna Grenzner stimulierte mit neuen Werken den Geist
Silvia Thurner · Dez 2025 · Musik

Vor gut einem Jahr verlegte die aus Litauen stammende Komponistin Juta Pranulytė ihren Lebensmittelpunkt nach Vorarlberg. Die international bestens vernetzte Künstlerin arbeitet unter anderem mit der Cellistin Anna Grenzner zusammen. Sie ist eine kreative Musikerin, die dem Wesen und dem resonierenden Körper der Klänge viel Beachtung schenkt. Gemeinsam initiierten sie im Alten Hallenbad in Feldkirch unter dem Motto „A body to the world“ ein Konzert für Violoncello und Electronics. Die inspirierende Atmosphäre und die gute Akustik boten einen stimmigen Rahmen für die Uraufführung von Juta Pranulytės neuestem Werk „Schrei in 15 Szenen“ sowie weiteren Kompositionen von Wolfram Schurig, Gerard Erruz und Henrik Ajax.

Juta Pranulytė schuf mit „Schrei in 15 Szenen“ eine intime und autobiografische Komposition, die Einblick in ihre derzeitige Lebenswelt als Mutter gibt. Das Schreien ihres neugeborenen Kindes berührt sie emotional stark und wühlt sie auf. Gleichzeitig regen die klangliche Qualität und der ausdrucksstarke Gehalt des Babyweinens die Fantasie der Komponistin an. Auf Grundlage von Tonaufnahmen, die sie transkribierte und kompositorisch weiterverarbeitete, entstand ein mitteilsames Werk, das durch die Zuspielungen des originalen Babyweinens einen dokumentarischen Charakter erhielt. Die „naturgetreuen“ Tonbandaufzeichnungen bildeten einen großen Kontrast zu den Übertragungen in den Cellopart. Ohne die Originalaufzeichnungen hätten die spannenden, auf das Solocello übertragenen Passagen möglicherweise eine noch stärkere Gesamtwirkung entfaltet.
„Fenster“ von Wolfram Schurig spielte Anna Grenzner mit einer intuitiven Gestaltungskraft, die die musikalischen Ideen des Komponisten hervorragend zur Geltung brachte. Die Art, wie die Cellistin die Töne klanglich aufspreizte, die Zielpunkte ausreizte, sich ihnen immer wieder annäherte, neue Bezugspunkte ausformte und die klanglichen Perspektiven verschob, ergab ein geistreiches musikalisches Erlebnis. Zudem bot die gute Akustik im Alten Hallenbad ideale Voraussetzungen für die Wahrnehmung der vielgestaltig entfalteten Tonqualitäten und Obertöne.

Eine Musikerin, die viel mitzuteilen hat

Inspiriert von der Phänomenologie des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty schuf Henrik Ajax mit „A body to the world“, das in engem Austausch zwischen dem körperhaften Klang des Violoncellos und den ätherischen Qualitäten der Electronics changierte. Zart entfaltete die Musikerin zu Beginn eine feine musikalische Geste, die die Aufmerksamkeit auf nuancierte Tonschattierungen lenkte. Allmählich nahmen die Gestalten größere Formen an und traten in Beziehung zueinander. Klanggebilde und Kommunikationsmuster entwickelten sich subtil. Abschnittweise wirkten sie naturhaft und mitunter erhielten sie durch das Erklingen von Crotales und des Tam-Tams auch einen esoterischen Touch.
Gerard Erruz weckte mit seinem Werk „Ripples“ Anna Grenzners Freude am kammermusikalischen Zwischenwirken des Instrumentalklanges mit elektronischen Klängen. Fantasiereich und mit großem Aufforderungscharakter lotete sie in der freien Improvisation die konkret greifbaren Instrumentalklänge mit den synthetisch erzeugten Klangcharakteristika aus.
Anna Grenzner stammt aus Spanien und lebt in Graz. Sie begeisterte durch ihr zugleich intuitives und souveränes Spiel. Mit ihrer feinsinnigen Spielart und elegant wirkenden Ernsthaftigkeit zog sie die Zuhörenden in ihren Bann. Überdies stellte sie Wolfram Schurig, Juta Pranulytė und Henrik Ajax kluge Fragen und führte spannende Gespräche mit ihnen. Eine Fortsetzung dieser ausdrucksstarken Performance wäre sehr willkommen.

 

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