Kleines Festival auf Weltklasseniveau
Fünf Konzerte mit jungen Topmusiker:innen in Nendeln
Michael Löbl ·
Apr 2026 · Musik
Kammermusikfreunde, die über das Osterwochenende nicht weggefahren sind, konnten im benachbarten Liechtenstein ein Kammermusikfestival der Extraklasse besuchen. Angesiedelt im Hagenhaus, der Heimstätte der Musikakademie in Liechtenstein, hat Intendantin Sara Domjanic bereits zum zweiten Mal Freunde und Kollegen eingeladen, mit ihr gemeinsam fünf Tage lang Kammermusikwerke zu erarbeiten und im Konzert zu präsentieren.
Vier Konzerte fanden im Peter-Kaiser-Konzertsaal im Hagenhaus statt, eines am Ostersonntag-Nachmittag in der Kapelle St. Sebastian in Nendeln. Dort konnte man – bei freiem Eintritt! – ein erlesenes Programm mit Werken von Bach, Mozart und Dvořák genießen.
Das Konzept dieses Festivals ist eigentlich einfach: Der architektonisch und akustisch perfekte Kammermusiksaal im Hagenhaus in Kombination mit jungen Spitzenmusiker:innen garantiert Kammermusik auf höchstem Niveau. In Nendeln traf sich über Ostern eine durch Sara Domjanic handverlesene Truppe, viele von ihnen sind ehemalige Stipendiat:innen der Musikakademie oder Kolleg:innen aus verschiedenen Orchestern und Ensembles.
Junge Musiker:innen auf Topniveau
Beim Studium des Line-ups fällt sofort auf, welche Kapazunder sich im Hagenhaus Nendeln versammelt haben. Die junge niederländische Stargeigerin Noa Wildschut beispielsweise. In welcher Liga sie spielt, zeigt sich unter anderem an ihrem Instrumentarium. Eine Guarneri del Gesú und einen Bogen von Léonard Tourte hatte sie im Reisegepäck. Besser (und teurer!) geht es nicht. Ebenfalls aus den Niederlanden stammt der Cellist Alexander Warenberg, Absolvent der Barenboim-Said-Akademie in Berlin sowie der Kronberg Academy und Preisträger beim ARD-Musikwettbewerb 2024. Der Bratschist Marko Milenković stammt aus Serbien und ist derzeit Stimmführer im WDR Sinfonieorchester Köln. Bei den Bläsern sind die Spanier stark vertreten, neben dem Klarinettisten Pablo Barragán auch Ramón Ortega Quero, Solooboist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und natürlich die Familie Domjanic. Sara, Konzertmeisterin der Düsseldorfer Symphoniker und Intendantin des Festivals sowie ihr Bruder Andreas als Pianist in Antonín Dvořáks Klavierquintett op. 81. Über allem schwebt noch immer der Geist ihres Vaters Drazen Domjanic, dem Gründer und Mastermind der Musikakademie in Liechtenstein, der sich zwar aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, im Hintergrund aber noch immer – zumindest einige – Fäden zieht.
Durch eine derartige Besetzung ist es möglich, innerhalb kürzester Zeit ein Programm mit neun großen Kammermusikwerken zu proben und auf höchstem Niveau aufzuführen. Mit Schuberts Forellenquintett, dem Beethoven Septett, den beiden Quintetten für Klavier und Bläser von Mozart und Beethoven, Dvořáks Klavierquintett und dem Klarinettenquintett von Brahms haben die Programmgestalter in diesem Jahr allerdings schon einiges an Pulver verschossen, zahlreiche der beliebtesten Werke in der Kombination Bläser, Klavier und Streicher standen zwischen Ostersamstag und Mittwoch nach Ostern auf dem Programm des Festivals Musik:Arte. Einen starken Kontrast bot das vierte Konzert am Dienstag. Sorgte im letzten Jahr portugiesischer Fado für Abwechslung, übernahm in diesem Jahr das virtuose Crossover-Ensemble „Sárközy Collective“ aus Ungarn mit ihrer speziellen Mischung aus Klassik, Gypsy, Jazz und Folk diese Aufgabe.
Programmänderung am letzten Abend
Dass der Peter-Kaiser-Konzertsaal ein architektonisch-akustisches Juwel ist, hat sich mittlerweile in Musikerkreisen herumgesprochen. Nirgends hört man so detailreich und klangschön, nirgends sonst sitzt man so nahe an den Ausführenden. Im sehr reizvollen Programm des Abschlusskonzertes sollte das Quintett für Klarinette und Streicher von Johannes Brahms dem großartigen Sextett op. 37 für Klarinette, Horn, Streicher und Klavier von Ernst von Dohnányi gegenübergestellt werden. Wegen einer Armverletzung von Sara Domjanic musste man das Programm ganz kurzfristig ändern, Dohnányi musste Platz machen für das Klavierquartett op. 25 von Brahms.
Der Abend wurde mit dem Klarinettenquintett eröffnet. Die Streicher Noa Wildschut und Alexander Won-Ho Kim (Violine), Dagmar Korbar (Viola) und Alexander Warenberg (Violoncello) verschmolzen perfekt mit dem runden und sehr flexiblen Klang des Klarinettisten Pablo Barragán. Die fünf Musiker:innen kosteten die Kontraste zwischen der lyrischen Grundstimmung und den dramatischen Ausbrüchen aus, vor allem im langsamen Satz. Insgesamt war das eine hervorragend gespielte und musikalisch stimmige Aufführung dieses Brahms’schen Spätwerkes. Nach der Pause nahmen Won-Ho Kim (Violine), Marko Milenković (Viola), Alexander Warenberg (Violoncello) und der deutsch-usbekische Pianist Nuron Mukumi auf der Bühne Platz. Mit nur einer einzigen Probe boten sie eine außergewöhnlich intensive und energiegeladene Wiedergabe des Klavierquartetts op. 25 von Johannes Brahms, das 1937 von Arnold Schönberg für großes Orchester bearbeitet wurde. So etwas funktioniert nur mit Musiker:innen auf diesem Niveau. Der letzte Satz „Rondo alla Zingarese“ riss das Publikum von den Sitzen, es gab Standing Ovations und natürlich eine Zugabe.
Der Termin für das Festival Musik:Arte im nächsten Frühjahr wurde auch schon verraten: Von 8. bis 12. Mai wird Intendantin Sara Domjanic wieder junge Topmusiker:innen nach Nendeln bringen. Das Datum sollte man sich eintragen.