Klangpoesie und symphonische Schubkraft
Das Symphonieorchester Vorarlberg startete ausdrucksstark in die neue Saison.
Silvia Thurner ·
Sep 2026 · Musik
Zum Auftakt in die Spielzeit 2026/2027 trumpfte das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Leo McFall mit einem Konzert auf, das sich durch eine spannende Werkauswahl und aussagekräftige Interpretationen auszeichnete. Herbert Willis Klarinettenkonzert „ego eimi“ mit der herausragenden Solistin Sharon Kam bildete den Mittel- und Höhepunkt, und die Interpretation von Schuberts „Großer Symphonie“ in C-Dur (D 944) bescherte dem Publikum im Bregenzer Festspielhaus ein fulminantes Finale. Eingangs wurde eine Arbeit von Studierenden der FH Dornbirn gezeigt, die das Publikum mit imposanten Naturbildern in die musikalische Atmosphäre von Herbert Willis Musik führte.
Herbert Willi hat vor rund 20 Jahren das Klarinettenkonzert „ego eimi“ im Auftrag der Salzburger Festspiele komponiert. Schon damals schrieb er die Musik der Klarinettistin Sharon Kam auf den Leib. Umso erfreulicher war ihre Zusage, das Klarinettenkonzert in Vorarlberg erneut zur Aufführung zu bringen. Die israelisch-deutsche Klarinettistin bringt alle Vorzüge mit, die Herbert Willis Musik benötigt. Sie hat auf ihrem Instrument eine betörend vielgestaltige Tongebung, einen bewundernswert langen Atem für die weitgespannten Kantilenen, Mut zum Risiko und viel Temperament, um Phrasierungen in unterschiedliche musikalische Genres zu führen, bis hin zum Jazz. So kamen die Weiten des musikalischen Raumes, den dieses auch autobiografisch gefärbte Werk umschließt, eindrücklich zur Geltung. Sharon Kam zelebrierte auch die Kommunikation mit den Orchestermusiker:innen, die aufmerksam auf den Solopart eingingen, ihn unterstützten, unterstrichen und in Widerstreit traten.
„ego eimi“ eröffnete die Solistin mit einer großen Kantilene und war dabei ganz mit sich selbst im Dialog. Der Solopart bewirkte eine große Erwartung und ließ die Frage aufkommen, wie das Orchester auf dieses Solo reagieren würde. Alsbald entwickelte sich eine behutsame Zwiesprache mit den Orchestermusiker:innen. Unterstützt durch die zusätzliche Besetzung mit Akkordeon, Sopransaxofon und Klavier breitete das Orchester fein nuanciert schillernde Flächen aus. Aus diesen formierten sich mächtig entladende Klangtürme und rhythmisch vorwärts preschende Passagen. Insbesondere die rhythmischen Abschnitte bewirkten Unterbrechungen, die teilweise belebend wirkten und sich abschnittweise auch über den Solopart stülpten. Bogenförmig beendete die Soloklarinette die wirkmächtige Komposition und führte wieder zurück ganz zu sich selbst.
Dem Klarinettenkonzert haben Leo McFall und das Symphonieorchester Vorarlberg die Ballettmusik zu „Idomeneo“ (KV 367) von Wolfgang Amadeus Mozart vorangestellt. Straff phrasiert wurde die Chaconne eingeleitet, doch die Orchestermusiker:innen mussten sich zuerst finden, denn manche Nahtstellen zwischen Themenabschnitten wirkten etwas undifferenziert, mitunter waren auch die Bassgänge etwas zu behutsam ausgestaltet.
Die Klangfarben mischten sich brillant, und eindrücklich gelang der dramatische Einbruch in den Mollteil. Zum Schluss hin verdichteten das Orchester und Leo McFall die musikalische Aussage. Als gute Idee erwies sich das besondere Orchestersetting mit den beiden Flöten, Oboen und Fagotten in der ersten Reihe, denn so ergaben sich unter anderem gut nachvollziehbare Klangfarbenkombinationen in den Themenführungen mit den Streichern.
Erzählton, federnder Duktus und Klangdichte
Die große Symphonie in C-Dur von Franz Schubert ist im Konzertsaal stets ein Ereignis, denn das monumentale Werk vereint eine große Palette an Emotionen und erschließt ein facettenreiches Panorama aus sich entwickelnden Motiven, Themen und Kantilenen.
Leo McFall modellierte die musikalischen Phrasierungsbögen prägnant aus und agierte mit einem großen Aufforderungscharakter. Von Beginn an wirkten die Musiker:innen präsent, und sie loteten in allen Stimmgruppen die Themen mit transparenten Linienführungen aus. So erklangen dynamische Schübe mit eindrücklicher Kraft und entfalteten rhythmische Akzentuierungen. Der erste Satz zeichnete sich durch einen federnden Duktus aus. Vielsagend wurde der musikalische Fluss von den Posaunen aus nach oben geführt. Sämtliche Soli unterstrichen dabei den sensiblen Charakter der Musik.
Der schreitende Grundrhythmus des Andante erklang sehr stark betont. Darin eingebettet entfalteten die Themen eine expressive Tiefe. Die sich stets verändernden Themencharaktere wurden mit einem feinfühligen Erzählton geformt, und die dynamischen Steigerungen erzeugten eine mitreißende Wirkung. Motivische Wechselspiele zwischen den Holzbläser:innen und den Streicher:innen zeichneten das Scherzo aus. Wirkungsvoll wurden dabei die Gesten vergrößert. Im Trio hielten die Musiker:innen inne und verliehen dem musikalischen Ausdruck einen etwas betulichen Touch. Extrem spannend lotete das Orchester im Finalsatz die langen Übergangsphasen mit den tragenden Motiven über einem starken Fundament des tiefen Blechs aus. So endete die Symphonie strahlend, imposant und mit enormer Schubkraft.