Junge Stimmen zu Schreibworkshops
Zwischen Papier, Worten und Mut
HAK HAS Lustenau · Jul 2026 · Literatur

Schüler:innen der HAK Lustenau setzen sich mit Journalismus und Mediengestaltung auseinander. Hier bieten wir Raum für ihre Kulturerfahrungen und Meinungen. Dieses Mal berichtet Samantha Maurer (*2008) über ihren Selbstversuch im Schreibworkshop.

Ich komme rein, es riecht nach Papier.  Ich schaue mich um und das Erste, was mir ins Auge fällt, sind die wunderschönen alten Böden und die verzierte Decke. Ich fühle mich sofort wohl und spüre, dass das Literaturhaus Vorarlberg, das in der Villa von Franziska und Iwan Rosenthal in Hohenems beheimatet ist, ein einzigartiger Ort sein muss.
Dass das Literaturhaus etwas Besonderes ist, darin sind sich auch Frauke Kühn (Geschäftsführung) und Marina Höfler (Projektmanagement) einig. Besonders stolz sind beide auf das Format „#deinebuehne“. Hier können Menschen ihre eigens geschriebenen Texte, von Mundartwerken über Lyrik bis hin zu Rapsongs, präsentieren. Es sei ein „Safespace“ für die eigene Stimme, in dem Mut belohnt werde, erzählen mir die beiden. „Wir spüren, wie viel Mut das braucht. Das ist eine totale Liebeserklärung an uns. Man hat das Gefühl, im Literaturhaus Vorarlberg ist das möglich“, erklärt Frauke Kühn. 
Meine eigene erste Erfahrung mit dem Literaturhaus beginnt jedenfalls herzlich. Gleich am Eingang begrüßt mich eine sehr nette ältere Dame. Wir kommen sofort ins Gespräch, und sie erzählt mir mit leuchtenden Augen von ihren Erfahrungen in und mit diesem besonderen Ort. Ich selbst habe für heute einen Schreibworkshop gebucht und werde schon wieder positiv überrascht, als ich den Veranstaltungsort betrete. Der sonnendurchflutete Wintergarten lässt mich sofort so etwas wie kreative Energie spüren, die schon anwesenden Teilnehmer:innen scheinen ebenso gespannt auf den Beginn dieser Erfahrung zu sein wie ich. Auf dem Tisch vorbereitet warten schon zahlreiche Blätter und Stifte darauf, dass wir sie benutzen.

„Schreiben kann jeder – man muss anfangen und dranbleiben.“

Neugierig bin ich auch auf meine „Mitschreibenden“. Was sind das für Menschen, die Schreibworkshops besuchen? Bei der einleitenden Vorstellungsrunde erfahre ich, dass einige der Anwesenden im Wintergarten bereits in ihrer Jugend geschrieben haben; andere haben schon ein Schreibprojekt vor Augen und sind in den Workshop von Annette Böhler gekommen, um sich ein paar Tipps und Tricks abzuholen. Wieder andere wollen – gleich mir – einfach nur wissen, wie so ein Schreibworkshop abläuft. 

„Lass los, damit du Großartiges schaffen kannst.“

Im Wintergarten beginnen wir nun gleich mit dem praktischen Schreiben, auch Schreibübungen gehören laut Ankündigung zum Workshop. Mit der Technik „Writing Down the Bones“ (Natalie Goldberg) wird vermittelt, wie man vom Alltagsstress loskommen kann, um mit dem Schreiben zu beginnen. Die Aufgabe ist es, in zehn Minuten zu schreiben, was uns in den Sinn kommt und am besten, ohne zu stoppen und ohne über den Inhalt nachzudenken. Gar nicht so einfach.
Im Raum hört man plötzlich nur noch das Kratzen der Stifte und das Atmen der Personen. Ich ertappe mich dabei, wie ich zunächst einen Moment zögere und dann doch mit voller Begeisterung anfange, zu schreiben. Dieser Anfang ist zwar etwas holprig, aber bald schreibe ich immer schneller und verliere mich nach kurzer Zeit in den Wörtern, die nach und nach zu Sätzen werden und diese Sätze zu einer kleinen Geschichte. 
Es sind solche kleine oder auch größere Geschichten, die bei „#deinebuehne“, aber auch bei den „silent reading partys“ zum Thema werden. Diese „Partys“ finden abwechselnd im Literaturhaus in Hohenems oder in der Dornbirner Stadtbibliothek statt. Jede:r kann ohne Anmeldung mit einem eigenen Buch kommen und entweder in Ruhe lesen oder sich dort mit den Anwesenden in kleinen Gruppen über die mitgebrachten Bücher unterhalten. Wie mir Marina Höfler erzählt, waren es bisher immer sehr spannende Nachmittage, bei denen man neue Leute kennenlernen konnte und auch oft Tipps für neuen Lesestoff bekam. 

Woher die Inspiration nehmen?

Zurück zu meinem eigenen Workshop. Nach der Schreibzeit fragt uns die Kursleiterin Annette Böhler, ob jemand seine Arbeit mit der Gruppe teilen wolle. Im ersten Moment traut sich niemand, erst als sie uns berichtet, dass auch von ihr als Schriftstellerin nicht jeder Text für ein Buch geeignet ist, fasst jemand Mut. Mich hat dieses Geständnis jedenfalls sehr erleichtert. 
Na gut, der Einstieg ist somit schon mal gelungen. Aber wie das Thema herausfiltern, mit dem man sich wirklich in einem längeren Schreibprozess beschäftigen möchte? Womit lohnt es überhaupt, sich näher zu beschäftigen? Auch hier weiß Annette Böhler Rat. Sie zitiert Ernest Hemingway: „Schau dorthin, wo es weh tut, und dann setz dich an die Schreibmaschine und blute.“ Das bedeute, erklärt sie uns, über etwas zu schreiben, was einen intensiv beschäftige, es einem aber auch erleichtere, ins Schreiben zu kommen. 

Motivation: ein starkes WARUM

Nach dieser interessanten Erfahrung gibt uns Annette Böhler Einblick in ihre Motivationstechniken. Etwa sich vorzunehmen, nur zehn Minuten zu schreiben, weil jede:r zehn Minuten Zeit habe, sich hinzusetzen und wenigstens anzufangen. Das stimmt, konnten wir Teilnehmer:innen doch gerade bei der Übung „Writing Down the Bones“ selbst erfahren, wie viel man in zehn Minuten schaffen kann. Eines ist aber klar: Damit aus vielen kurzen Texten ein Buch wird, braucht es viele Überarbeitungen. 
Annette Böhler betont, wie wichtig auch ein starkes WARUM sei. Das eigene Wissen oder die eigene Geschichte für die Nachwelt zu erhalten, sei eine starke Motivation, um an einem Projekt zu arbeiten und es auch fertigzustellen, so die Workshopleitende. Energie zu tanken und Pausen zu machen, sei aber genauso wichtig und könne die Motivation steigern. 
In diesem Sinne für weitere Projekte gestärkt verlasse ich das Literaturhaus. Voller positiver Eindrücke und Motivation, demnächst bald wieder zu schreiben. 

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR" Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Das Projekt „Junge Stimmen“ wird von Double Check – Netzwerk für Kultur und Bildung in Vorarlberg unterstützt.

www.literatur.ist

 

Teilen: Facebook · E-Mail