Junge Stimmen zum W*ORT in Lustenau
Kreativität. Teamgeist. Leidenschaft.
HAK HAS Lustenau ·
Apr 2026 · Literatur
Schüler:innen der HAK Lustenau setzen sich mit Journalismus und Mediengestaltung auseinander. Hier bieten wir Raum für ihre Kulturerfahrungen und Meinungen. Mit 31. Jänner 2026 musste der Verein W*ORT aus seiner Wohlfühloase ausziehen. Melanie Bösch (*2007) und Elif-Gül Ünal (*2008) haben selbst schon im W*ORT mitgeholfen und wissen, wie viel Herz in diesem Verein steckt. Begeistert von der Arbeit, die Geschäftsführerin Gabi Hampson leistet, wollten sie wissen, wie es mit dem W*ORT weitergeht.
Melanie Bösch: Hey Gabi, letztes Jahr haben wir mit Maria den Kleideraustausch gestartet. Was hat sich da noch getan?
Gabi Hampson: Das war ein superbeliebtes Projekt! Bei den jungen Familien ist das wirklich hervorragend angekommen. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, dass Chaos entsteht oder dass nicht so schöne Sachen zurückgebracht werden. Das war aber überhaupt nicht der Fall. Einmal hat jemand sogar im Sommer Skier gebracht – und sie waren innerhalb einer Stunde weg. Ich glaube, die Eltern haben es sehr geschätzt, dass sie schöne Sachen gratis mitnehmen durften und gleichzeitig ihre gut erhaltenen Sachen zu uns bringen konnten.
Elif-Gül Ünal: Das freut uns! Kommen wir zu einem aktuelleren Thema: Warum musste das W*ORT nach 11 Jahren aus der Raiffeisenstraße in Lustenau ausziehen?
Hampson: Wir durften den Raum all die Jahre nutzen. Wir sind ein unabhängiger Verein, jedoch hat die Gemeinde die Miete für uns übernommen. Wie man hört, wird derzeit an allen Enden und Ecken gespart – quer durch alle Bereiche. Uns wurde deshalb von der Gemeinde mitgeteilt, dass es gemeindeeigene Räume gibt, die wir für einen Betriebskostenbeitrag nutzen dürfen. Die Gemeinde kann es sich nicht mehr leisten, zusätzlich unsere bisherige Miete zu zahlen, wenn ohnehin öffentliche Gebäude zur Verfügung stehen. Diese Logik kann ich durchaus nachvollziehen. Für uns ist es natürlich traurig, viele Menschen identifizieren das W*ORT mit diesem Raum. Aber als Bürgerin verstehe ich auch, dass man sorgsam mit öffentlichen Geldern umgehen muss.
Minimalbüro mit Tapetenwechsel
Bösch: Das W*ORT hat also aktuell keinen festen Standort und ihr setzt eure Projekte an unterschiedlichen Orten um, wie zum Beispiel in der Mittelschule Rheindorf in Lustenau. Wie gelingt euch die Organisation?
Hampson: Es ist gerade eine sehr spannende und intensive Phase. Wir haben nun sechs Monate hinter uns, in denen wir neben den Gesprächen mit der Gemeinde parallel unsere reguläre Arbeit weitergeführt haben und überlegen mussten, wie wir unsere Projekte umsetzen können, wenn wir keinen eigenen Raum und kein Büro für unsere Arbeit haben. Das ist natürlich herausfordernd. Gleichzeitig ist es aber auch spannend, weil man gezwungen ist, kreativ und innovativ zu sein. Wir haben überlegt: Was ist eigentlich das „Minimalbüro“? Für meine Mitarbeiterin Maria und mich ist das ganz klar der Laptop. Wir nehmen ihn mit, suchen uns einen Tisch und schon können wir arbeiten. Das Schöne daran ist, dass wir dadurch auch Freunde im beruflichen Sinne besuchen können. Wir waren zum Beispiel im Druckwerk Lustenau, im Literaturhaus oder beim dô. Auch die Bibliothek Lustenau ist immer wieder ein Standort für uns. So kommen wir mit diesen Organisationen ins Gespräch und entwickeln wieder neue Ideen. Dieser Tapetenwechsel inspiriert uns.
Miteinander gestalten
Ünal: Blicken wir zurück: In der Raiffeisenstraße wurden mit ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen unzählige Geschichten geschrieben, es sammelten sich viele schöne Erinnerungen an. Was war für dich ein unvergesslicher Moment, der dir für immer im Kopf bleibt?
Hampson: Da gibt es unzählige Momente. Gerade aktuell habe ich eine Schreibwerkstatt im Kopf. Dort war ein Junge, der schon sehr oft bei uns in unterschiedlichen Workshops war. Normalerweise ist er eher der Handwerker-Typ. Beim letzten Mal aber saß er zwei Stunden hochkonzentriert da und schrieb an einer genialen Geschichte. Sie war voller Rechtschreibfehler, aber das ist uns völlig egal. Es war eine großartige Geschichte. Genau das sind die Momente, in denen man spürt: Jetzt hat das Kind etwas für sich entdeckt. Sehr besonders war auch die Wertschätzung, die wir bei unserer Auszugsfeier erlebt haben. Es kamen ständig Menschen vorbei. Das ist genau das, was das W*ORT für mich ausmacht: das gemeinsame Miteinander-Gestalten.
Bösch: Im Dezember 2025 habt ihr den 1. Platz des Freiwilligenstaatspreises für Inklusion für das „Café Donnschta“ gewonnen. Durch den Umzug jedoch muss das „Café Donnschta“ eine Pause einlegen oder ist sogar in seiner Existenz bedroht. Was ist der aktuelle Stand?
Hampson: Wir nehmen es als Möglichkeit, das Café neu zu denken. Wir merken, wie wichtig ein Ort ist, der Menschen verbindet, ohne Konsumzwang, wo man einfach kommen darf. Ein älterer Herr hat einmal eine Frau, die auf der Straße um Geld gebeten hatte, um Essen für ihre Kinder zu kaufen, mit ins Café gebracht, weil er wusste: Hier kann man ihr helfen. Genau deshalb ist ein solcher Begegnungsort gesellschaftlich ganz wichtig, gerade jetzt, wo vieles teurer wird und mehr Menschen an der Armutsgrenze leben. Deshalb ist es uns ein großes Anliegen, das Café weiterzuführen. Wir müssen allerdings schauen, ob der neue Ort genau das hergibt, was wir brauchen. Außerdem ist das Café der Ort, an dem viele Projektideen ihren Anfang finden und ungewöhnliche Begegnungen zwischen Menschen stattfinden.
„Rund um das W*ORT, rund um die Sprache“
Bösch: Im W*ORT finden die verschiedensten Projekte statt. Nach welchen Kriterien wählt ihr sie aus?
Hampson: Unser Motto lautet immer: „Rund um das W*ORT, rund um die Sprache“. Das ist unser Kern. Die Projekte reichen von handgeschriebenen, persönlichen Briefen bis zu Fortsetzungsgeschichten und öffentlichen Glücksaktionen. Nehmen wir als Beispiel die Idee, persönliche Briefe zu verschicken – gerade weil man heutzutage kaum noch handgeschriebene Post bekommt, sondern meist nur Rechnungen oder Werbung. Die Idee ist da, dann überlege ich, welche Personen gut dazu passen und Lust haben, mitzuarbeiten. Gemeinsam schauen wir dann, wie wir es am besten umsetzen können. Wichtig ist jedoch: Gesellschaftlich polarisierende, parteipolitische oder religiöse Themen kommen für uns nicht infrage.
Bösch: Gabi, du bist Geschäftsführerin des W*ORT. Welche Bedeutung hat dieser Beruf für dich?
Hampson: Ganz am Anfang, als der damalige Bürgermeister das W*ORT ins Leben gerufen hat, sagte einmal jemand: „Es ist wunderbar, dass das W*ORT Gabi gefunden hat.“ Ein Freund antwortete: „Ebenso tut es Gabi gut, dass das W*ORT sie gefunden hat. Sie blüht richtig auf!“ Genau so hat es sich auch angefühlt: als hätten wir einander gefunden. Ich bin kein Mensch für starre Strukturen. Dieser Job erfüllt mich, weil ich den Sinn dahinter sehe. Ich weiß, dass man bei Kindern viel bewirken kann, wenn man sie sprachlich unterstützt und auf ihren Stärken aufbaut. Die Flexibilität und Spontanität, die wir im W*ORT leben, hilft sehr, das zu erreichen.
Ünal: Bei der Vielzahl an Projekten, die ihr jährlich organisiert, stellt sich die Frage nach der Finanzierung: Wie sichert ihr die Zukunft finanziell ab?
Hampson: Ganz aktuell ist das tatsächlich eine Sorge für unseren Verein. Zum Glück erhalten wir öffentliche Förderungen und werden von der Gemeinde Lustenau seit Beginn unterstützt. Diese Grundfinanzierung schafft eine Basis und erleichtert es uns, andere Einnahmequellen zu finden. Wir suchen gerade wieder Sponsoren.
Ünal: Wo siehst du das W*ORT in 10 Jahren?
Hampson: Mein Traum wäre, das W*ORT an verschiedenen Orten in Österreich oder im Bodenseeraum zu sehen. Es wäre super, wenn einfach mehr Kinder Zugang hätten zu solchen Bildungsprogrammen, in denen es keinen Notendruck gibt. Bei uns ist nur Kreativität gefragt!
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der „KULTUR" April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Das Projekt „Junge Stimmen“ wird von Double Check – Netzwerk für Kultur und Bildung in Vorarlberg unterstützt.