Julia Hülsmann Octet: While I Was Away Peter Füssl · Mär 2026 · CD-Tipp

Selbst für viele ihrer eingeschworenen Fans dürfte Julia Hülsmann mit ihrem insgesamt fünfzehnten (bzw. zehnten bei ECM erscheinenden) Album Neuland betreten, denn dieses exzellente Oktett ist zwar schon seit rund einem Jahrzehnt immer wieder zu besonderen Anlässen live zu hören gewesen, nun aber erstmals via Musikkonserve auch einem breiteren Publikum zugänglich.

So ist es wenig verwunderlich, dass die acht Musiker:innen bereits beim Debütalbum bestens aufeinander eingespielt sind und mit einem makellosen Gruppenklang brillieren. Die Vorliebe der Pianistin und Komponistin für eingängige Melodien, moderne Lyrik und starke Songs ist legendär und hat schon großartige Produktionen hervorgebracht – man erinnere sich etwa an ihre Projekte mit den Vokalist:innen Rebekka Bakken („Scattering Poems“, E. E. Cummings, 2003), Anna Lauvergnac („Come Closer“, Randy Newman, 2004), Roger Cicero („Good Morning Midnight“, Emily Dickinson, 2006) oder Theo Bleckmann („A Clear Midnight – Kurt Weill and America“, 2015).
Die besonderen Vorzüge der in Berlin lebenden und an der Universität der Künste unterrichtenden Pianistin und Komponistin kommen nun eindrucksvoll auch im Großformat zur Geltung. Hülsmann ist das alle Fäden ziehende Bindeglied in der Kombination eines klassischen Kammermusik-Trios (Héloïse Lefebvre, Violine; Susanne Paul, Cello) mit einem Jazz-Trio (Eva Kruse, Kontrabass; Eva Klesse, Drums) und drei Vokalist:innen, die alle ihre unterschiedlichen ethnischen und musikalischen Wurzeln zur Wirkung bringen können. Mit ihrer kraftvollen, hypnotisierenden Stimme sorgt die aus Angola stammende Singer-Songwriterin Aline Frazão mit dem 1999 erschienenen Latin-Jazz-Song „Coisário De Imagens“ des damals in Deutschland ansässigen und vor allem in Europa populären brasilianischen Duos Rosanna & Zélia für einen schwungvollen, in die Beine fahrenden Auftakt – die maunzende Geigenbegleitung amüsiert, Cello- und Piano-Soli sorgen für erste Glanzpunkte, auf die noch viele folgen werden. Zur harmonisch interessanten, wunderschön inszenierten Hülsmann-Ballade „Hora Azul“ hat Frazão die Lyrics verfasst.


 

 


 

Mit nordischem Flair verzaubert hingegen die in Oslo lebende Jazz-Sängerin, Songwriterin und Komponistin Live Maria Roggen mit ihren beiden Eigenkompositionen „Felicia’s Song“ und „Moonfish Dance“, die auch auf ihrem vor zehn Jahren in Norwegen eingespielten Album „Apokaluptein“ zu finden sind. Erstere eine melancholische, etwas an Joni Mitchell erinnernde Ballade, Letzteres ein verspieltes, schräges Pop-Jazz-Stück – von Hülsmann, wie alle anderen Stücke des Albums auch, mit viel Gefühl, einem feinen Gespür für Details und – fallweise – durchaus auch Witz arrangiert. Das gilt ebenfalls für die melancholische Hülsmann-Komposition „Walkside“, zu der Roggen die von ihr eindringlich inszenierten Lyrics schrieb, aber auch für „Sleep“, in dem sie Auszüge aus einem Gedicht von Emily Dickinson interpretiert. Der dritte Vokalist ist Michael Schiefel, den Hülsmann schon seit den gemeinsamen Studientagen kennt. Er bringt in seine Ballade „Iskele“ viel Dramatik ein, die steigert sich allerdings nochmals wesentlich in Hülsmanns spannungsgeladener, zeitweise wirkungsvoll in freie Improvisationen abdriftenden Komposition „You Come Back“ zu den Lyrics der kanadischen Schriftstellerin und Lyrikerin Margaret Atwood. In einzelnen Stücken bündeln die Vokalist:innen ihre Stimmen, etwa in Hülsmanns stilgerecht wie von einem Uhrwerk angetriebenen Vertonung des E. E. Cummings-Gedichts „TicToc“, das mit eindringlichen Spoken-Word-Passagen verblüfft. Die Pianistin ist auch bekannt für ihre spannenden Cover-Versionen von Pop/Rock-Songs, etwa von David Bowie, Feist, Radiohead, Seal, Sting, Nick Drake oder Randy Newman. Für das Octet hat sie nun mit „Up, Up, Up, Up, Up, Up“ einen typischen Song der aus Buffalo stammenden, in der gesellschaftskritischen (Anti-)Folk- und Indie-Rock-Szene bekannt gewordenen Singer-Songwriterin Ani DiFranco arrangiert – mit Michael Schiefel als die Dringlichkeit des Textes ausdrucksstark vermittelnden Lead-Sänger. Auch dieser Song aus dem Jahr 1999 fügt sich perfekt in dieses ungemein bunte und vielschichtige, von unterschiedlichsten Einflüssen geprägte musikalische Konglomerat ein, das dennoch absolut stimmig und wie aus einem Guss wirkt.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

(ECM/Universal) 

Konzert-Tipp: 11.9.26, JazzClub Singen

 

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