John Scofield / Dave Holland: Memories of Home Peter Füssl · Dez 2025 · CD-Tipp

Der aus England stammende, 79-jährige Kontrabassist Dave Holland hat rund fünf Dutzend Alben als Leader oder Co-Leader herausgebracht und ist nochmals auf mehr als doppelt so vielen als prominenter Sideman vertreten. Ziemlich genau gleich groß ist der Output des um fünf Jahre jüngeren Gitarristen John Scofield. Beide haben mit der Crème de la Crème der US-Szene der letzten 50 Jahre zusammengespielt, haben die Jazz-Historie mitgeschrieben und wurden von Miles Davis höchstpersönlich, allerdings in sehr unterschiedlichen Perioden – Holland 1968, Scofield 1982 – in den Jazz-Adelsstand erhoben. Beide haben vielfach stilistische Offenheit bewiesen: Dave Hollands Spektrum reicht vom Free Jazz über Jazz-Rock und progressiven Bluegrass bis zum Oriental-Jazz eines Anouar Brahem, John Scofield erweiterte sein Repertoire in Richtung Soul-Jazz, Funk, Electronic und Drum’n’Bass. Auf „Memories of Home“ ist nun kein großer stilistischer Ausreißer zu finden, sondern im Wesentlichen Straight-ahead Jazz allererster Güte.

Gespielt von zwei Koryphäen, die sich nicht nur von der Zusammenarbeit in Bands von Herbie Hancock und Joe Henderson und von der kurzlebigen Jahrtausendwende-Allstar-Band scolohofo (Scofield, Lovano, Holland, Foster) her kennen, sondern auch von zwei Duo-Tourneen, auf denen das nunmehr in Rillen gepresste Programm ausgiebig ausgelotet wurde. Fünf Titel stammen aus der Feder Scofields, vier aus jener Hollands. Mit Ausnahme von Scofields temporeich und hart swingendem „Mine Are Blues“ wurden alle – teilweise schon mehrfach und in unterschiedlichen Bandgrößen – aufgenommen. Wer Vergleiche mit den Originalen zieht, erkennt schnell, dass die Kompositionen durch die Reduktion auf das Duo-Format keineswegs an Reiz und Spannung verlieren, sondern – auf das Wesentliche konzentriert und manche Aspekte alternativ betonend – interessante Neuinterpretationen erfahren. Das gefühlvoll melodiöse Titelstück „Memories of Home“ hat Dave Holland bereits 1988 mit den legendären Bluegrass-Spezialisten John Hartford und Vassar Clements eingespielt, wenig überraschend verleiht Scofield nun dem Song einen countryesken Touch.


 

 


Der Gitarrist wiederum hatte bei seiner flotten Komposition „Icons at the Fair“ einerseits ein Trompeten-Solo von Miles Davis im Kopf, andererseits erinnerte er sich an Herbie Hancocks harmonisch spannendes Arrangement der von Simon & Garfunkel zum Hit gemachten, alten englischen Ballade „Scarborough Fair“ für dessen „The New Standard“-Projekt (1996), bei dem übrigens auch Holland mitspielte. Dieser wiederum ließ sich für sein mit einem enormen Drive davonpreschendes „You I Love“ von Cole Porters „I Love You“ inspirieren, während „Mr. B.“ als eine lässig swingende Hommage an sein frühes Idol Ray Brown zu verstehen ist. Scofields warmes und farbenreiches „Meant to Be“ zählt seit dem ersten Erscheinen auf dem gleichnamigen Album 1991 zu seinen mit unterschiedlichsten Formationen realisierten Standard-Stücken. Jede einzelne Komposition hat also ihre Geschichte, die zu kennen, einen zusätzlichen Bonus für den interessierten Jazz-Fan beim Anhören des ersten Scofield-Holland-Duo-Albums darstellt. Man kann aber genauso gut auch völlig unbeleckt von jeglichem Vorwissen an die Sache herangehen und sich der Saitenkunst zweier ganz großer dieses Genres, deren Können längst Legende ist und deren Spiellust offensichtlich niemals nachlässt, erfreuen. 

(ECM/Universal)

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