Johann Sebastians Adventskalender
Concerto Stella Matutina hatte mit dem jungen Münchner Chor LauschWerk einen wunderbaren Partner.
Fritz Jurmann · Dez 2025 · Musik

Mit einer glänzenden Idee wartete das Barockorchester Concerto Stella Matutina an zwei Abenden im fünften und letzten Abokonzert zum Ende seines reichhaltig gefeierten Jubiläumsjahres auf.

Großmeister Johann Sebastian Bach ist in solchen Fällen stets eine sichere Bank für besondere Programme. Doch es bedurfte diesmal keines Weihnachtsoratoriums, nur dreier seiner Kantaten zur Vorweihnachtszeit, um in der Art eines fiktiven Adventskalenders mit Bachs Kompositionskunst in ihrer religiösen Strenge, ihrer erwartungsvollen Beschaulichkeit und einer unantastbaren Schönheit aufzuwarten und die Zuhörenden in der vollbesetzten Kulturbühne AmBach damit in die Stimmung dieser geheimnisvollen Zeit vor der Ankunft des Herrn zu versetzen.

Chor LauschWerk debütiert  

Man hatte sich bei CSM bei früheren Gelegenheiten für diese Aufgaben gerne des Chores „Cantus Firmus Surselva“ des Graubündner Barockspezialisten Clau Scherrer bedient, der inzwischen an der Stella Hochschule wirkt. Heuer nun kam mit dem jungen Münchner Vokalensemble LauschWerk erstmals frischer Wind in die Szene. Unter seinem Leiter Martin Steidler entwickelte die knapp 20-köpfige Gemeinschaft von professionell ausgebildeten Sänger:innen ihre besonderen Qualitäten, die zuvorderst darin bestanden, dass infolge der Grippewelle einzelne Mitglieder in den Solopassagen oft recht kurzfristig durch andere ersetzt werden mussten – keine Kleinigkeiten. Das ging in aller Unaufgeregtheit und ohne merkbare qualitative Einbußen vonstatten, und schon daran merkte man, wie intensiv dieses Ensemble und sein Leiter aufeinander eingeschworen sind. 
Und auch daran, dass für die zahlreichen kleinen und größeren Arien im Verlauf der Kantaten keine eigenen Solist:innen mit großen Namen engagiert werden mussten. Die Damen und Herren sind so gewandt und flexibel, dass sie diese Aufgaben durchaus selbstbewusst, präsent und auf einem durchwegs ansprechenden stimmlichen, künstlerischen und stilistischen Niveau mit allen Erfordernissen im Sinne des Originalklangs bewältigten, um sich danach zurückzunehmen und still wieder als Teil in den klanglich und farblich gut abgestimmten Chorklang einzugliedern.

Bach als Kantaten-Schöpfer

Vom reichhaltigen Gesamtwerk von 300 Kantaten für alle Sonn- und Feiertage des Jahres, die Johann Sebastian Bach komponiert haben soll, sind bis heute noch rund 200 Kompositionen vor allem mit geistlichem Inhalt präsent und bieten eine reiche Auswahl. Die Bregenzer Sopranistin Miriam Feuersinger hat da in den vergangenen Jahren mit ihrem 2014 gegründeten Zyklus von Bach-Kantaten in Vorarlberg bereits verdienstvolle Vorarbeit geleistet und die Feinspitze unter den Zuhörenden mit vielen ausgereiften Aufführungen von Werken aus dem Jahresablauf verwöhnt.
CSM geht da naturgemäß andere, eigene Wege. Die drei Adventkantaten des Thomaskantors sind thematisch untereinander verknüpft, sie reichen inhaltlich von einer gewissen Trostlosigkeit in ihrer textlichen, aber auch klanglich kargen, entbehrungsvollen Strenge in der Zeit der Erwartung bis zur stillen Hoffnung auf das Wunder, das im Besonderen den gläubigen Menschen durch die Geburt Christi zu Weihnachten erwartet, und reichen sogar bis ins kommende neue Jahr.

Profilierter Chorleiter

Martin Steidler, Professor an der Münchner Hochschule für Musik und Theater und einer der profiliertesten Chorleiter seiner Generation, erweist sich bei seinem CSM-Debüt vom ersten Einsatz an als versierter Bach-Experte. Werktreue ohne alle aufgesetzten Mätzchen steht bei ihm im Vordergrund, Klarheit, saubere Diktion, Dynamik, Präzision, lupenreine Intonation sind Selbstverständlichkeiten. Er weiß auch um die Sicherheit seiner Sänger:innen im Ensemble LauschWerk, und auch die erstmalige Zusammenarbeit mit den Musiker:innen des Concerto Stella Matutina auf ihren Originalinstrumenten funktioniert auf Anhieb und mündet in einen wunderbar ausgewogenen und nie zu lauten, dafür fein differenzierten Gesamtklang von samtener Güte. 
Dabei vermisst man diesmal die üblichen Trompeten und Pauken gar nicht, denn Bach hat natürlich bereits bei der Instrumentation seiner Kantaten sehr genau auf die liturgischen Besonderheiten des Kirchenjahres Rücksicht genommen. Im Advent verbleiben allein wunderbar geschlossene Streicher mit dem üblichen Continuo (Gerlinde Singer, Violoncello; Matthias Scholz, Kontrabass; Johannes Hämmerle, Truhenorgel), fallweise aufgehellt durch zwei Oboen und ein Fagott. Der daraus entstehende Klang korrespondiert optisch wunderbar mit einer in die kirchliche Adventfarbe Violett getauchten Bühne. Da hat man sich was gedacht dabei.

Lautmalerisches Barock

Auch Bach gab in seinen Kantaten in barocker bildhafter Manier manchen seiner Arien durch parallel konzertierende Instrumente eine lautmalerische Komponente mit auf den Weg, so etwa in seiner ersten Kantate „Bereitet die Wege, bereitet die Bahn!“, BWV 132, entstanden zum 4. Advent 1715 in Weimar mit dem Zeugnis Johannes des Täufers als Vorlage. Da wird die erste Sopran-Arie leichtfüßig von der Solo-Oboe (Ingo Müller) umspielt, während uns später die in der Alt-Arie „Christi Glieder, ach bedenket“ besungenen Wasserquellen durch die Girlanden der Solovioline (Konzertmeister David Drabek) entgegensprudeln. 
Ein Jahr zuvor, 1714, entstand zum 1. Advent die Kantate „Nun komm, der Heiden Heiland“, BWV 61, auf der Basis des bekanntesten evangelischen Kirchenliedes von Martin Luther. Bach lässt den Choral gleich scharf punktiert erscheinen, verschafft der Bass-Arie „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an“ ein originelles Klopfmotiv im Pizzicato der Streicher und der Sopran-Arie „Öffne dich, mein ganzes Herze“ die Wärme eines konzertierenden Violoncellos (Gerlinde Singer).

„Wie schön leuchtet der Morgenstern“

In der vollen Instrumentalbesetzung mit drei Holzbläsern (Ingo Müller und Alesia Linder, Oboe; Barbara Meditz, Fagott) verheißt die später entstandene dritte, zweiteilige Kantate „Schwingt freudig euch empor!“, BWV 36, zugleich das Motto des Abends, bereits innere Vorfreude auf Weihnachten, überbracht nun von einem gleich kontrapunktisch ordentlich geforderten Chor. Da gibt es nun auch über die Melodie „Nun komm, der Heiden Heiland“ das einzige Sopran-Alt-Duett des Abends mit zwei Oboen als Beigabe und sogar ein Quartett der vier Chor-Tenöre zusammen mit allen drei Holzbläsern. Und da klingt nun auch im Chor die alte Melodie eines der schönsten barocken Weihnachtslieder auf, „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, das in diesem Rahmen eine besondere Bedeutung besitzt. „Stella Matutina“, der Name des Barockorchesters, heißt nämlich auf Lateinisch so viel wie „Morgenstern“. Dirigent Martin Steidler greift diesen Gedanken im rauschenden Schlussjubel gerne nochmals auf und präsentiert die wunderbar klangvolle Choralbearbeitung davon, die Michael Praetorius lange vor Bach geschaffen hat. 
„Bach AmBach“ ist damit nicht nur ein inzwischen wenig originelles Wortspiel, sondern einfach auch ein Qualitätsmerkmal, wie sich erneut gezeigt hat. Drei seiner Adventkantaten haben genügt – und die Zuhörenden sind beglückt und bereichert, schon zwei Wochen vor Heiligabend.

Im Rundfunk: Mo, 15.12.25 & Mo, 12.1.26, jeweils 21.03 Uhr, Radio Vorarlberg

Start der neuen Konzertsaison bei Concerto Stella Matutina
„Zu Besuch im Ospedale della Pietà in Venedig“:
 13./14.3.26, 19.30 Uhr,
Kulturbühne AmBach, Götzis

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