Joe Lovano: Paramount Quartet Peter Füssl · Jun 2026 · CD-Tipp

Der Saxophon-Gigant Joe Lovano hat unter anderem ein Quartett mit den polnischen Musikern des Marcin Wasilewski Trios, das enorm erfolgreiche Trio Tapestry mit Marilyn Crispell und Carmen Castaldi, sowie ein gemeinsam mit dem Gitarristen Jakob Bro geleitetes Septett höchst erfolgreich am Laufen.

Angesichts der exzellenten Kritiken und des enormen Publikumszuspruchs für diese Projekte werden die Erwartungen natürlich enorm hochgeschraubt, wenn er nun sein Paramount Quartet vorstellt, wird doch „paramount“ gemeinhin mit „herausragend“, „von höchstem Rang“, oder von „höchster Bedeutung“ übersetzt. Um es gleich vorwegzunehmen: Sein Quartett mit Kontrabassist Asante Santi Debriano, Drummer Will Calhoun und Gitarrist Julian Lage kann den so geschürten Erwartungen durchaus standhalten. Denn die Chemie unter den Akteuren stimmt perfekt, wenngleich der 1987 geborene Gitarrist Julian Lage noch nicht einmal auf der Welt war, als Debriano schon mit Archie Shepp oder Sam Rivers tourte, als Lovano in den Bands von Paul Motian oder John Scofield brillierte und Will Calhoun als Drummer von Vernon Reids Alternative-Rock-Band Living Colour im Vorprogramm der Rolling Stones auftrat. Aber Altersunterschiede und verschiedenartige Erfahrungshorizonte spielten im Jazz noch nie eine Rolle, wenn sich die Akteure einfallsreich, experimentierfreudig und mit Spaß am sich gegenseitig Überraschen und am gemeinsamen Basteln an einem perfekten Band-Sound ins musikalische Geschehen einbrachten.


 

 


All das ist hier bei unterschiedlichstem musikalischem Material der Fall, etwa bei zwei herausragenden Balladen. Wie gefühlvoll und intim dieses Quartett doch beim meditativen Opener, Charlie Hadens „First Song“, agiert, mit wieviel Gespür die anderen drei Bandmitglieder Lovanos herzzerreißend schöne Gestaltung der sich ins Ohr schmeichelnden Melodie untermalen, die von Lage absolut stimmig mit warmen Gitarrentönen aufgenommen und fortgesetzt wird. Ebenso gefühlvoll gelingt die Interpretation der zweiten Fremdkomposition, Wayne Shorters „Lady Day“, in deren melodischer Gestaltung sich Lages Gitarre und Lovanos Sax anmutig umgarnen, während Debriano mit seinem warmen Bass-Spiel wohlige Stimmung verbreitet und Calhoun so dezente Akzente setzt, als hätte er bislang noch nicht einmal von der Existenz von Rock-Drums gehört. Bei den fünf facettenreichen Eigenkompositionen aus der Feder Joe Lovanos, der zwischen Tenor-Sax, G-Mezzosopran-Sax und dem ungarischen Tárogató wechselt, werden aber auch ganz andere Töne angeschlagen. In „Amsterdam“ wandeln sich intensive Rubato-Unisoni in freie, von impulsiv rollenden Drums untermalte Gruppenimprovisationen – und wieder retour. „The Call“ wirkt wie ein fein ziseliertes Chamber-Jazz-Kleinod, während „Fanfare For Unity“ von einem spannungsgeladenen Groove vorangetrieben wird, aus dem sich quirlig-expressive Post-Bop-Soli herausschälen. „The Great Outdoors“ (übersetzt: „Die freie Natur“) mäandert zwischen notierten und frei improvisierten Passagen und glänzt mit freien und extravaganten Soli Lovanos und Lages. Nicht ganz einfache Kost, aber gleich mit dem nächsten Stück, dem gemütlich swingenden „Congregation“, kehrt das Paramount Quartet wieder in zugänglichere Post-Bop-Gefilde mit gehörfälligen Soli zurück. Das ist genau jene Art Album, das ein langfristiges Vergnügen bietet, weil man bei jedem Durchlauf auf neue Details und Aspekte stößt. „Wir haben mit diesem Quartett einen einzigartigen Punkt erreicht, etwas ganz Besonderes, etwas Neues. Und diese Jungs, sie spielen mit einem echt globalen Bewusstsein“, freut sich Joe Lovano. Und wer soll es wissen, wenn nicht er?
(ECM/Universal)

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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