Ist das die „Oper für alle“?
Seltsame Regieeinfälle durchkreuzen eine prachtvolle „Freischütz“-Neuproduktion am See
Fritz Jurmann ·
Jul 2024 · Musik
Das war ein turbulenter, allerdings auch etwas zwiespältiger Abend, dieser „Freischütz“, vor ziemlich genau 200 Jahren komponiert von Carl Maria von Weber. Ein reichlich angejahrtes Singspiel also, das man bei seiner Premiere auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele heutig aufmotzen, unseren Empfindungen und Lebensgewohnheiten anpassen wollte. Wer schien dafür wohl besser geeignet als der deutsche Regisseur Philipp Stölzl, dessen „Rigoletto“-Inszenierung in ihrer Konsequenz zwischen Opernereignis und Showspektakel immer noch als das Non plus ultra, als Leuchtturm-Projekt unter den Seeproduktionen der letzten Jahre gilt.
Allerdings ist im Bestreben nach einem solcherart aktualisierten „Freischütz“ bei Stölzl wohl etwas der Gaul durchgegangen. Seine Einfälle überraschen durch ihre unkonventionelle Art, wollen aber manchmal über billigen Klamauk nicht hinauskommen. Und das schadet dem Gesamteindruck der Produktion. Diese lebt ansonsten von der genialen Musik Webers, die man nur gekürzt, aber nicht verändert hat, von einer prachtvollen Besetzung mit großen Stimmen und einem tollen Orchester und Dirigenten und vor allem auch von einem magischen Technikspektakel aus Licht, Feuer, Nebel und Gespensterspuk mit Bildern zur Wolfsschlucht, wie man sie in dieser Intensität in Bregenz noch nie erlebt hat. So bleibt auch der Premierenapplaus der 7.000 Gäste am Mittwoch durchaus freundlich, aber nicht gerade euphorisch. „Rigoletto“-Status wird dieser „Freischütz“ wohl kaum erreichen, bleibt aber ein würdiges Abschiedsgeschenk für die nach Berlin scheidende Intendantin Elisabeth Sobotka.
„Ins Schwarze getroffen“
Die bis heute in unserem Sprachgebrauch existierende Phrase „Ins Schwarze getroffen“, die der Komponist des „Freischütz“ gleich nach der umjubelten Premiere am 6. Juni 1821 in Berlin seinem Librettisten Friedrich Kind schrieb, lässt sich also auf diese Bregenzer Fassung nicht uneingeschränkt übertragen. Zu weit und in wesentlichen dramaturgischen Punkten hat sich Stölzl diesmal aus dem Fenster gebeugt, hat sich dieses Konzept vom Original entfernt. Da wurde im Bestreben nach einem ins Heute transferierten Konzept vieles auf den Kopf gestellt bei diesem eigentlichen Singspiel, das schon im Namen den Geruch des Altvaterischen vermittelt: die typisch deutsche „Volksoper“, die eigentlich das bereits beinhaltet, was Regisseur Stölzl als seine wichtigste Aufgabe sieht, nämlich: „Oper für alle“ zu machen. Da sollte man freilich differenzieren.
War es das wirklich, wenn das verfallene Dorf wie aus Großmutters Puppenstube mitten im Sommer in Eis und Schnee erstarrt, um die Gefühlskälte von dessen Bewohnern deutlich zu machen? Bregenz fehlt mit diesem lieblichen, mondbestimmten Bühnenbild, das auch Stölzl erfunden hat, heuer ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal früherer Jahre, nämlich die Bühnenskulptur wie der Clownskopf, das überdimensionale Buch oder das Gerippe, mit dem man Bregenz in früheren Jahren international identifiziert hat.
Der Teufel als Spiderman
War es zur Aktualisierung dieser Bregenzer Version des „Freischütz“ wirklich notwendig, eine Nebenfigur der Originalhandlung wie Samiel, den schwarzen Jäger (Moritz von Treuenfels), der sich letztlich als der Teufel in Person entpuppt, als eine Art Spielmacher aufzupäppeln, der wie Spiderman im knallroten Outfit über die Bühne flitzt und immer und immer wieder seine Kommentare zum Geschehen absondern muss? Wenn er das sogar während der Arien tut, wird es freilich zum Ärgernis für den Musikfreund. Und diese neu entstandenen Reimereien sind auch nur selten wirklich lustig und klingen überdies verdächtig nach Wilhelm Busch, der auch schon wieder vor über einhundert Jahren verblichen ist – von wegen „zeitgemäß“.
Es scheint, dass heute ein Regisseur, der was auf sich hält und zeitgeistig im Trend sein möchte, auch an der Gender-Debatte mit Diversities nicht vorbeikommt. So erhascht man in den neu konzipierten, von deutschstämmigen Sängern und Schauspielern deutsch gesprochenen Texten, die hier etwa 50 Prozent des Geschehens ausmachen, in einem Dialog zwischen der Hauptfigur Agathe und dem Ännchen, dass ihre „beste Freundin“ (laut Programmbuch) mehr ist als das. Die beiden würden sich anstelle der bevorstehenden Hochzeit Agathes mit Max liebend gerne als Pärchen outen, stünden da nicht die Konventionen der Gesellschaft von damals dagegen. Und als es im berühmten, zum Volkslied gewordenen „Wir winden dir den Jungfernkranz“ kommt, weist Agathe dieses Relikt brüsk zurück, weil sie in Wirklichkeit schwanger ist, ohne verheiratet zu sein und ohne dass auch ihr Zukünftiger Max davon weiß. Damals schockierende No-Gos, die einem heute wohl eher ein Schmunzeln entlocken.
„Gefundenes Fressen“ für Regisseure
Klar, die Versuchung ist groß für einen findigen Regisseur, sich am „Freischütz“ zu delektieren, der mit seinen mehrfachen Spannungsfeldern psychologisch ein gefundenes Fressen ist. Vielleicht deshalb hat Stölzl bei der Anfrage der Festspiele auch spontan zugesagt. Und neben einigen Ausrutschern in den Kitschbereich wie Agathes Arie im dorfeigenen Pool mit sternbekränzten Badenixen ist ja auch vieles ausgezeichnet bis exzellent, was er da ersonnen und mit unglaublicher Detailverliebtheit in einen Flow umgesetzt hat. Es ist in dieser Form ein oft abenteuerlich anmutendes Spektakel, eine Show, besser: ein Thriller, was der im Filmgenre gestählte Geschichtenerzähler in der extrem kurzen Zeit von fünf Wochen auf die Beine gestellt hat. Eine Produktion, die sich wie ein Bilderbuch öffnet, spannend im exakt durchdachten Plot, ohne Längen oder Leerläufe. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug.
Die Handlung des „Freischütz“ darf als bekannt vorausgesetzt werden, in ihrem Spannungsfeld zwischen Verliebtheit, Versagensängsten und Geisterspuk ein typisches Kind des 19. Jahrhunderts. Bloß der Schluss, ob nun Agathe durch die letzte Freikugel getötet wird oder wie durch die Zauberhand Samiels nur eine Ohnmacht erleidet, bleibt dem Besucher überlassen. Jedenfalls feiert das füreinander bestimmte Paar am Schluss mit Gottes Hilfe auf einer Hebebühne ein fröhlich-verliebtes Geturtel.
„Grüne“ Hitparade
Ebenso bekannt ist die Musik, die unter der bewährten Leitung von Enrique Mazzola, Conductor in Residence der Festspiele, erblüht und über die perfekt im satten Sound von Dolby Surround arbeitende BOA (Bregenz Open Acoustics) so perfekt transportiert wird, dass man sich auf den neu errichteten Tribünensitzen wie im Kinosessel fühlt. Die Wiener Symphoniker als Festspielorchester der ersten Stunde sind Mazzola treu ergeben, setzen seine beredte Gestik in sprühend lebendige Musik um, in der bei Weber vor allem die Melodie Trumpf ist: „Leise, leise, fromme Weise“ oder „Durch die Wälder, durch die Auen“. Nicht zu reden vom Jägerchor, „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“, bis heute die heimliche Hymne aller Grünröcke dieser Welt. Also könnte man den „Freischütz“ durchaus auch als eine nach oben offene Skala der beliebtesten „grünen“ Melodien bezeichnen.
Für deren Umsetzung ist auch eine stattliche Besetzung internationaler Sänger aufgeboten, die in ihrem Fach brillieren und dabei die erforderlichen schauspielerischen und sportiven Fertigkeiten für diese Riesenbühne aufweisen. Als erstes möchte man den treuherzigen Max nennen, um dessen Schicksal sich im Prinzip ja alles dreht. Ein Schreiber (heute: Bürohengst), aber alles andere als ein Jäger. Dennoch will es eine veraltete Tradition, dass er beim Preisschießen mehrmals ins Schwarze treffen muss, damit der Oberförster ihm seine Tochter Agathe zur Frau gibt. Diese ständig präsente Mörderpartie des Max ist dem aus Luzern stammenden lyrischen Tenor Mauro Peter anvertraut, der vor Jahren mit einer „Müllerin“ bei der Schubertiade Schwarzenberg so sehr auf sich aufmerksam machte, dass ihn Nikolaus Harnoncourt für eine Serie von Mozart-Opern im Theater an der Wien verpflichtete. Seine Stimme ist noch immer so geschmeidig wie damals.
Stattliche Besetzung
Freund und Widersacher im Spiel zugleich ist der Schurke Kaspar, mit dem Teufel im Bunde, der Max zum Gießen von treffsicheren Freikugeln in der Wolfsschlucht überredet, wenn er dafür dem Teufel seine Seele verschreibt. Der Deutsche Christoph Fischesser ist die ideale Besetzung für den verschlagenen Bösewicht und mit seinem schwarzen Bass auch stimmlich die rechte Wahl. Für überzeugende Glanzpunkte im Ensemble steht die junge deutsche Sopranistin Nikola Hillebrand, die mit ihrer großen Agathe-Arie im 2. Akt, „Wie nahte mir der Schlummer“, eine begeisternde Offenbarung für kultivierten, höhensicheren Operngesang auch unter schwierigen äußeren Bedingungen ablegt. Die weiteren Partien sind rollendeckend besetzt und ergeben ein geschlossenes Ganzes. Dazu tragen auch die wie gewohnt glänzend disponierten Chöre bei: der von Benjamin Lack vorbereitete Bregenzer Festspielchor auf der Bühne und der Prager Philharmonische Chor unter Lukáš Vasilek, zugespielt vor den Mikrofonen im Haus.
Bregenzer Festspiele: „Der Freischütz“
Im Fernsehen: Freitag, 19. Juli, 21.20 Uhr, ORF 2, live von der Seebühne
Dauer: ca. 2 Stunden
Weitere 27 Vorstellungen jeweils um 21.15 Uhr bzw. 21.00 Uhr (ab August)
www.bregenzerfestspiele.com