Im Dialog mit einer Bärin
Uraufführung Café Fuerte
Ein Märchen für Erwachsene aus dem dunklen Wald nennt Autor und Schauspieler Tobias Fend sein Stück „Bär“, das in Feldkirch uraufgeführt wurde. Im Stil des klassischen Erzähltheaters geschrieben, wird mit einfachen Theatermitteln die zauberhafte Geschichte einer zarten Annäherung dargeboten. Neben Tobias Fend ist im Alten Hallenbad die britische Tänzerin Maya Bodiley zu erleben.
Ein Mann betritt die nahezu leere Bühne, die nur von drei Halogenlichtbalken eingefasst und einem dunkelbraunen Bodentuch bedeckt ist. Er richtet sich an das Publikum: „Stellen wir uns alle vor, es gäbe noch Wildnis, richtige Wildnis“, und legt dann mit seiner Erzählung los. Ein junges, aktives, sozial engagiertes, kinderloses Paar beschließt, einen Wanderurlaub in den Karpaten zu machen. Auf einem Rastplatz entdecken die beiden drei Bären – eine Mutter und ihre zwei Jungen –, die einen Müllcontainer ausräumen. Das eine der beiden Bärenjungen steckt mit seiner Schnauze in einem Plastikbecher fest und droht, zu ersticken. Was tun?
Solo mit permanenten Perspektivenwechseln
Spielerisch leicht wechselt Tobias Fend vom Erzähl- in den Spielmodus und gibt dabei auch noch das Paar im Dialog, das darüber zu diskutieren beginnt, ob und wie man dem Bärenjungen helfen sollte. Schließlich ist es der junge Mann, der sich mit Erfolg als Lebensretter betätigt, dann aber von den Bären mehr aus einem Spieltrieb heraus als aus Aggressivität in den Wald getrieben wird. Julia bleibt hilflos zurück, macht sich dann aber auf die Suche nach ihrem Freund und trifft auf die Bärenmutter. Es ist, nach rund zwanzigminütigem Einstieg, der zentrale Moment, wo alle zivilisatorische Sicherheit wegfällt und die Bärin in Gestalt der Tänzerin Maya Bodiley auf den Plan tritt. In dem beeindruckend realistischen Teilkostüm von Ausstatter Matthias Strahm ist sie eine Erscheinung, Bodiley, die mit dem Team die Bewegungsmuster von Bären akribisch studiert hat, bewegt sich kraftvoll und dennoch voller Grazie. Sie ist ...
weder Bestie noch Kuscheltier, ...
sondern ein Lebewesen, das unseren Respekt verdient, wie jedes andere Lebewesen dieser Erde. Café Fuerte zeigt das Wildtier in seiner Unberechenbarkeit und Unnahbarkeit, aber auch in seiner berückenden Schönheit. Mensch und Bär begegnen sich hier unter den Bedingungen der Wildnis, im Reich des Bären, und Julia (Tobias Fend) erkennt schnell, dass es ein Gebot der Stunde ist, sich den Bedingungen nicht entgegenzustellen, sondern sie anzunehmen, um zu überleben. Allein auf sich und ihren Instinkt zurückgeworfen, nimmt sie die Aufgabe mit Demut an. Tier und Mensch nähern sich an, so weit, wie es eben möglich ist.
Traum von einer Koexistenz im Respekt
In den letzten Jahrzehnten wurde bekanntlich die Bärenpopulation in Mitteleuropa so gut wie ausgerottet. Jetzt wird wieder heftig darüber debattiert, ob es in unseren Breitengraden möglich ist, ein Nebeneinander von Mensch und Wildtier zu akzeptieren. Im Erstaunen über die Emotionalität der Debatte hat Tobias Fend eine pure Erzählung geschrieben, die in der Aufführung zum spannenden Thriller wird. Und das ganz ohne technischen Schnickschnack! Es geht ihm nicht nur um den Bären an sich, sondern um unsere Beziehung zur Natur und unser ambivalentes Verhältnis zum Ursprünglichen, Ungezähmten. Sind wir nur noch zu einem Kontakt mit einer „touristisch gezähmten“ Natur fähig? Können wir das Wilde neben uns dulden und wäre es für ein erfülltes Leben nicht notwendig, dieses Wilde in unser aller Leben zu integrieren?
Feine Regiearbeit
Regisseurin Danielle Fend-Strahm und ihr Team (hervorzuheben ist auch die atmosphärisch dichte Musik von Dominic Röthlisberger) gewährleisten einen berührenden, dringlichen Theaterabend, der auf Subtilität und nicht auf Pathos abzielt. Die freie Kompanie tourt mit der mobilen Produktion auch im kommenden Jahr durch Teile Vorarlbergs und der Ostschweiz.
Café Fuerte: „Bär. Ein Märchen für Erwachsene aus dem dunklen Wald“ von Tobias Fend
nächste Aufführung: 19.12., 19.30 Uhr, Hittisau
weitere Aufführungstermine im Jänner, Februar, März und April 2025 in Feldkirch, Hard, Dornbirn, Stein AR, Hohenems und Bludenz
https://www.cafefuerte.at/termine