„Ich bin einfach so“ Sieglinde Wöhrer · Apr 2026 · Theater

In Olivier Sylvestres „Das Gesetz der Schwerkraft“ spielen Rebecca Hammermüller und Nico Raschner zwei queere 14-Jährige, die sich zwischen Selbstbestimmung und Zugehörigkeit in ihrer Identität erst finden müssen. Unter der Regie von Michael Schiemer ist die österreichische Erstaufführung in der Box des Vorarlberger Landestheaters zu sehen.

Mit einem finsteren Gesicht schaut Dom auf die Sterne und sehnt sich danach, woanders zu sein. Er ist wütend auf eine Welt, die ihm nicht gerecht wird und hängt in seiner Melancholie, als plötzlich Fred auftaucht, der noch niemanden kennt und sich sofort mit Dom verbündet. Auf den ersten Blick sind sie zwei typische Teenager mit Kappe und Kapuze über dem Kopf, die auf dem Gerüst sitzen und versuchen, sich ihrer Realität zu entziehen. Es geht ihnen um Freiheit von den Erwartungen anderer, und sie wollen ausbrechen aus den vorgefertigten Rollenbildern, die sie nicht erfüllen können.

Die Last des Erwachsenwerdens

In dem Jugendstück „Das Gesetz der Schwerkraft“ erzählt der kanadische Autor Olivier Sylvestre die Geschichte von zwei 14-Jährigen, die nicht ins heteronormativ geprägte Gesellschaftsbild passen und dennoch ist es – auch in der Inszenierung von Michael Schiemer – nicht sofort die Geschlechterzugehörigkeit, die zur Sprache kommt, sondern die erdrückende Last des Erwachsenwerdens und diese Fragilität der so jungen Freundschaft, die gerade erst beginnt und schon auf der Kippe steht. Treffend zeigt das Stück zwei junge Menschen in einer der schwierigsten Lebensphasen, in der jede Entscheidung mit einer unglaublichen Endgültigkeit daherkommt. Dom ist stoisch, geht nicht zur Schule, schottet sich ab, während Fred noch versucht, sich anzupassen und mit den anderen Jungs aus seiner Schule abhängt. Dom weiß genau, dass er kein Mädchen ist, und Fred will einfach nur ein normaler Junge sein, beide kämpfen sie mit den Vorurteilen, Normen, den gesellschaftlichen Zwängen und auch mit sich und ihren Emotionen. „Ich lass mich nicht in eine Legebatterie sperren, alles Wichtige kann ich mir selber beibringen“, sagt Dom. „Am liebsten würd ich alles löschen“, sagt Fred. „Ich bin einfach so“, sagt Dom. „Ich glaube, ich hab dich falsch eingeschätzt“, sagt Fred. „Mit jedem Schritt weicht die Stadt ein Stück zurück“, bringt Dom die Situation poetisch auf den Punkt.

Harmonierende Dynamik

Die ganzen 90 Minuten wird das Stück von einer großen Emotionalität getragen, die Nico Raschner (Dom) und Rebecca Hammermüller (Fred) nach außen tragen und dabei auch eine interessante, sehr miteinander harmonierende Dynamik verkörpern. Trotz der absehbaren und banalen Handlung des Stücks selbst, sticht der im treffenden Jugendslang gehaltene Text daraus hervor und die Darsteller erzeugen eine spannungsgeladene Präsenz auf der Bühne.
Raschner spielt den starken Außenseiter, der sich seinem Umfeld nicht unterordnen will und dann doch plötzlich verliebt in einem Satz auf die Mülltonne springt und singt. Die große Euphorie ist glaubhaft und authentisch und mit einem großen A (vielleicht für Amelie?) in seinen Armen tanzt er beflügelt zum Leidwesen von Fred. Sogar noch gefühlsbetonter spielt Hammermüller, die den Gegenpart der Verzweiflung einnimmt und dabei so bis zum Rand angefüllt ist mit Traurigkeit, dass man gar nicht anders kann als sich hineinzufühlen in Fred, deren verschmitztes Lächeln und die aufgedrehte Teenagermentalität im Laufe der Handlung mehr und mehr verschwinden.
Übers Mikrofon schicken sie sich Nachrichten und klettern auf den Gerüsten herum, die in neongrün und pinkem Licht beleuchtet sind, mit Wut im Bauch schreien sie die Brücke an, die ihnen metaphorisch den Ausweg versperrt und holen alle möglichen Dinge aus der Mülltonne hervor, die ganz hervorragend ins karge kalte Bühnenbild (Luisa Costales Pérez-Enciso) passt. Immer wieder ist in der so schweren Thematik auch etwas Humor erlaubt. Die Zeit vergeht auf geschickte Weise in großen Sprüngen, aber ohne Brüche und am Ende stehen sie wieder auf der Brücke, schauen auf die Stadt und haben doch ein Stück mehr zu sich und auch zueinander gefunden.

Weitere Vorstellungen:
16./21.4., 19.30 Uhr und 20./21.4., 10 Uhr
www.landestheater.org

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