Hofesh Shechters traumhaft albtraumhaftes Gesamtkunstwerk
Standing Ovations für „Theatre of Dreams“ beim „Bregenzer Frühling“ im Festspielhaus
Peter Füssl ·
Mär 2026 · Tanz
Der aus Israel stammende Choreograf und Komponist Hofesh Shechter hat seine tänzerischen Ursprünge in der berühmten Batsheva Dance Company, leitet nunmehr aber seit 18 Jahren die international höchst erfolgreiche, in Brighton ansässige Hofesh Shechter Company – er wurde dafür sogar mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet. Im Rahmen des „Bregenzer Frühling“ stellte er im praktisch ausverkauften Festspielhaus mit dem letztes Jahr in Paris uraufgeführten „Theatre of Dreams“ eindrucksvoll unter Beweis, dass er völlig zurecht zu den einfallsreichsten und aufsehenerregendsten Protagonisten der internationalen Tanzszene gezählt wird. Am Ende des eineinhalbstündigen atemberaubenden, optisch-akustischen Bombardements auf Augen und Ohren bedankte sich das begeisterte Publikum mit Standing Ovations.
Ein Gesamtkunstwerk
Nun wirken praktisch in jeder Tanzproduktion Bühnenbild, Kostüme, Licht-Design, Musik und natürlich der Tanz aufs Engste zusammen, beeinflussen einander und potenzieren sich – im besten Fall – wechselseitig in der Wirkung. Bei „Theatre of Dreams“ sind die einzelnen Komponenten aber dermaßen perfekt konzipiert, fein ausgearbeitet und greifen so exakt ineinander, dass man gerne den großen und dennoch manchmal auch ein bisschen inflationär gehandhabten Begriff Gesamtkunstwerk verwendet. Shechter lädt uns nicht nur auf eine Reise, sondern auf eine Expedition in gleichermaßen vertraute, wie unerschlossene Gebiete ein – nämlich in die Welten unserer Träume und Albträume, in die verschatteten Zwischenzonen, wo Unbewusstes aufs Bewusstsein trifft, wo Hoffnungen und Ängste ineinanderfließen. Dabei setzt er auf starke Sinneseindrücke, die das Publikum durchaus auch an seine Grenzen bringen dürfen, und auf verblüffende Kontraste, die die Aufmerksamkeit besonders aktivieren. Dabei kann Shechter auf ein bestens aufeinander eingespieltes Team zurückgreifen, das schon in vielen begeistert aufgenommenen und mit wichtigen Preisen ausgezeichneten Produktionen gemeinsame Erfahrungen gesammelt hat.
Höchst raffiniertes Bühnenbild
Als das Publikum gespannt auf den Beginn des Stückes wartet, schält sich ein Tänzer – alle Blicke auf sich ziehend – aus dem Zuschauerraum heraus, tastet sich auf die Bühne vor und verschwindet schließlich in einem schwarzen Vorhang. Somit werden die Zuschauer:innen buchstäblich ins Bühnengeschehen gezogen, das durch drei jeweils mit mehreren Metern Abstand hintereinander gestaffelte, die ganze Bühne von links nach rechts und vom Plafond bis zum Bühnenboden ausfüllenden Vorhangreihen strukturiert wird. Diese Vorhänge lassen sich in Sekundenschnelle und unglaublich genau partiell öffnen und verschieben, wodurch unterschiedlich große Lücken bzw. Bildausschnitte entstehen, die Einblick in das sich hinter den Vorhängen abspielende Tanzgeschehen erlauben. Dieses von Shechter gemeinsam mit dem sonst vorwiegend in Schottland (etwa am National Theatre) aktiven Niall Black entwickelte Bühnenbild ermöglicht es, schnelle Bildfolgen mit unterschiedlichsten Szenerien abzuspielen, die wie Gedankenblitze im menschlichen Bewusstsein wirken.
Ästhetisches Licht-Design
Der Licht-Designer Tom Visser zählt zu den Langzeitwegbegleitern Hofesh Shechters und hat ein geniales Händchen für wundervolle Lichteffekte, die ein breites Spektrum an Stimmungen erzeugen – von beklemmender Düsternis bis hin zur prallen Lebensfreude. Ein ästhetisches Vergnügen, das dem Bühnengeschehen eine filmische Dimension verleiht.
Eigenwilliger Musik-Mix zwischen Brachialem und sanften Chören
Hofesh Shechter hat Ende der 1990-er Jahren die Batsheva Dance Company verlassen, um in Paris Schlagzeug und Perkussion zu studieren und schließlich ab 2002 in England als Drummer in einer Rockband namens The Human Beings zu spielen. Es ist also kaum verwunderlich, dass er sich um den Soundtrack zu seinen Choreografien gerne selber kümmert. So auch bei „Theatre of Dreams“, das lange Zeit von einem durchaus harten und lauten elektronischen Beat dominiert wird, der vorwiegend in der ersten halbe Stunde die düstere Stimmung potenziert. Fallweise wird das Bühnengeschehen aber auch durch drei in grellrote Anzüge gekleidete Musiker bereichert, die auf Posaunen und Trompete, bzw. auf E-Gitarre, Melodika und Drums musikalische Stimmungsbilder zaubern oder an sanften Chorgesängen mitwirken. Einen Ruhepol im zumeist hektischen Geschehen markiert die einzige Fremdeinspielung, nämlich das von der englischen Lyrikerin, Songschreiberin und Musikerin Molly Drake im privaten Wohnzimmer aufgenommene sentimentale Lied „I Remember“, in dem sie sich desillusioniert an einen für sie wundervollen Sommer mit einem Geliebten erinnert, mit dem sie sich als ein Herz und eine Seele wähnte, dessen Erinnerungen aber weit weniger romantisch klingen („When I had thought that we were ‚we‘ / But we were ‚you and me‘“). Von Molly Drakes Oeuvre bestehen nur solche selbstfabrizierten Lo-Fi-Aufnahmen, die auch erst nach ihrem Tod 1993 veröffentlicht wurden – dennoch ist sie nicht unbedeutend für die Pop-Musik, weil sie einen enormen Einfluss auf ihren Sohn, den auf tragische Weise jung verstorbenen, aber wegweisenden Singer-Songwriter Nick Drake hatte. Aber die Bühnenmusik nimmt noch einen weiteren unerwarteten Twist, wenn plötzlich ganz unerwartet ein in die Beine fahrender Bossa-Nova-Rhythmus angestimmt wird und die Tänzerinnen und Tänzer die Bühne verlassen, um das Publikum in den Gängen des Festspielhauses zum Tanzen bringen.
Einfallsreiche Choreografie – fabelhafte Tänzer:innen
Die zwölf von der israelischen Kostümdesignerin Osnat Kelner in dezente Farben und Alltags-taugliche Kleidung gewandeten Tänzer:innen sind über neunzig Minuten hinweg im Dauereinsatz. Am Anfang des Stückes sind die Öffnungen in den Vorhängen zumeist nur schmal, man sieht oft nur zwei, drei oder vier Akteure – als Tableau formiert, mal in zaghafter Bewegung oder wilde Verrenkungen vollführend. Solche Bildausschnitte dauern oft nur wenige Sekunden, ehe der Vorhang wieder zugeht und sich nach einem ebenfalls nur Sekunden dauernden Blackout an derselben oder an einer anderen Stelle wieder öffnet und den nächsten Bildausschnitt serviert. Den Tänzerinnen bleiben also nur Augenblicke, um sich neu zu formieren, manchmal ist sogar ein Kleidungswechsel inkludiert. Das erfordert höchste Konzentration, Präzision und Technik. Die Bildausschnitte werden im Lauf des Abends immer größer und die Beleuchtung immer heller, sodass immer größere Gruppen zu sehen sind, in zunehmendem Maße ist auch das ganze Ensemble im Blickfeld. Die Anforderungen an die Tänzer:innen sind enorm, denn Hofesh Shechters ausdrucksstarkes Bewegungsvokabular ist durchaus intensiv und kräfteraubend, inklusive akrobatischer Verrenkungen, weitausholender Ruderbewegungen der Arme und energievoller Beinarbeit – und das alles tempomäßig in einem breiten Spektrum zwischen Ultrazeitlupe und ekstatischer Voodoo-Orgie variierend. Aber Shechter hat auch noch Zeit für Späßchen, lässt einen nackten, Neandertaler-artig wirkenden Mann aus dem Nichts auftauchen, orientierungslos über die Bühne streifen und wieder im schwarzen Loch verschwinden.
Die eineinhalb Stunden vergehen dank des imposanten Bilderreigens, der Vielzahl an Stimmungen und Eindrücken wie im Flug, und am Ende dieses rauschhaften Traumes fragt man sich erstaunt, ob man das wirklich alles gesehen hat. Hofesh Shechter lässt den Abend kontemplativ enden, die Tänzer:innen richten in Ruhestellung ihre Blicke auf einen plötzlich erscheinenden, grauen, wulstigen vierten Vorhang. Werden wir noch erfahren, was sich hinter diesem verbirgt, findet dieser Traum überhaupt einmal ein Ende?
Weitere Veranstaltungen beim „Bregenzer Frühling“
7.5. Sharon Eyal & Gai Behar / Marcos Morau: Nederlands Dans Theater – NDT 2
29.5. Chenk Tsung-lung: Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan
11.6. aktionstheater ensembel: „HUMAN – Ich bin Mensch“
www.bregenzerfruehling.com