Hitzewelle: Kirche als Kühlschrank
Organist Juergen Natter und Cellopartnerin Isabella Fink beflügelten den Bezauer Orgelsommer.
Fritz Jurmann ·
Jul 2026 · Musik
Ein findiger Kopf ist er schon, der heimische Organist und Chorleiter Rudolf Berchtel. Mit seiner neuesten Idee, die historische, wertvolle Behmann-Orgel in der Bezauer Pfarrkirche St. Jodok nach ihrem 2024 erfolgten Rückbau auf den Originalzustand von 1910 zum Zentrum einer kleinen sommerlichen Konzertreihe zu machen, hat er erneut ins Schwarze getroffen. Auf Berchtel gehen nämlich seit Jahrzehnten an der von ihm ebenso betreuten Monumentalorgel in Dornbirn St. Martin auch eine herbstliche Konzertreihe internationaler Orgelsymphonik sowie frühsommerliche Konzerte mit „Musik zum Markt“ zurück.
Marktlücke entdeckt
Auch in Bezau, seiner Heimatgemeinde, hat Berchtel als Leiter der veranstaltenden Chorgemeinschaft St. Jodok in Bezau nun mit der vierteiligen Reihe „Bezauer Orgelsommer“ inmitten einer vom aktuellen Konzertleben ziemlich ausgesparten Region eine Marktlücke für einheimische und auswärtige Besucher:innen entdeckt. Bereits das Eröffnungskonzert im Juni, das er persönlich mit einer Art „gewittrigem Wetterbericht in den Alpen“ eindrücklich gestaltete, fand spontan positive Aufnahme bei rund 80 Interessent:innen. Beim zweiten Termin am späten Sonntagnachmittag dürften es noch einige mehr gewesen sein, die sich diesmal von dem engagierten Feldkircher Organisten Juergen Natter und der Cellistin Isabella Fink aus Andelsbuch eine Stunde lang in die bunte Vielfalt historischer und aktueller Klangwelten entführen ließen, wie sie sich an dem nun wieder in seiner Ursprünglichkeit authentischen Instrument wunderbar interpretieren lassen.
Unerwartet kam diesmal ein weiterer positiver, allerdings außermusikalischer Aspekt für die Besucher:innen hinzu. Infolge der herrschenden Hitzewelle waren nicht, wie zunächst befürchtet, viele Zuhörer:innen zu Hause geblieben – dort war es ja viel zu heiß. Der mächtige Kirchenraum von St. Jodok aber erwies sich beim Konzert als willkommene Erfrischung mit wohltemperierten 24 Grad, während es im Freien weit über 30 Grad hatte. Die Kirche also, etwas despektierlich, als eine Art „Kühlschrank“, als willkommener Zufluchtsort für Hitzegeplagte, ganz ohne Klimaanlage mit zusätzlichem Energieaufwand – ein neuer, für die Zukunft wohl überlegenswerter Gesichtspunkt.
Der rechte Mann für viele Stile
Unabhängig davon war Juergen Natter auch hier der rechte Mann für viele Stilrichtungen, Formen, Farben und die Vielzahl von 30 klingenden Registern an dieser größten Orgel des Bregenzerwaldes, auch wenn dies alles hier nur ganz am Rande mit seinem eigentlichen Orgelgott Johann Sebastian Bach zu tun hatte. Dem erwies er seine Reverenz erst vor kurzem mit einer sensationellen, sehr persönlich gefärbten Doppel-CD (siehe dazu die Kritik in der aktuellen Juli-/August-Sommerausgabe der Print-KULTUR). Natters Blick ist auch ein umfassender, er erkennt die Erfordernisse und Besonderheiten jedes einzelnen Werkes messerscharf, oft genug auch mit einem gewissen Draufgängertum, und geht mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit darauf zu, von der hier besonders idealen Romantik und Spätromantik bis hin zum trivialen Schlager, zusammengefasst unter dem Motto „Ein Sommernachtstraum“.
Zunächst aber ließ eine kleine Doppelgleisigkeit die Besucher:innen bereits beim Eingang erkennen, wie sehr man sich seitens des Veranstalters und der Interpreten Gedanken über die Werkauswahl gemacht hatte – es gab nämlich zwei (verschiedene) Abendprogramme. Eines im gedruckten Prospekt, ein zweites, leicht verändertes, in einem hektografierten Beilageblatt, das Isabella Fink zu erklären versuchte.
Schwülstig überladen
Dies führte aber auch auf direktem Weg zum ersten Stück des Programms, einem Festpräludium in memoriam Anton Bruckner des aus Südtirol stammenden Romantikers Vinzenz Goller (1873 – 1953). Denn gerade Bruckner war es gewesen, der selbstkritisch mit seinen Symphonien nie zufrieden gewesen war und sie veränderte, oft auf Anraten von Freunden und Verlegern und damit nicht immer zielführend – bis zu einer Fassung, die er „von letzter Hand“ nannte und die damit dann die endgültige war. Gollers Huldigung an den verehrten Bruckner klingt, bei allem Respekt, in einem dichten harmonischen und chromatisch geprägten Gefüge oft etwas schwülstig überladen und lässt damit die Klarheit vermissen, die gerade Bruckners Werke auszeichnet. Natter gab diesem Zeitdokument durch seine Phrasierungs- und Artikulationskunst wieder die notwendigen Konturen mit auf den Weg.
Das war dann auch die Stelle, bei der erstmals das Cello ins Spiel trat, als zweite Klangquelle, als Partnerin, Gegenspielerin, Klangfarbe und Melodielinie beim bekannten Notturno aus dem titelgebenden „Sommernachtstraum“ von Mendelssohn. Isabella Fink fügte sich sanglich, sauber, mit schönem Ton und in idealer Balance in die wohlig weichen Begleitakkorde der Orgel ein. Aus Großmütterchens Schatzkästlein entliehen war danach Anton Rubinsteins bei den Älteren allbekannte Melodie als liebenswertes Stück Nostalgie aus einer guten, alten Zeit, in der der Großvater die Großmutter nahm.
Liszt und Wagner in einem Atemzug
Die folgende Attacca-Zusammenfassung von zwei gewichtigen Werken von Franz Liszt und Richard Wagner in einem Atemzug mag zwar den persönlichen Vorlieben Natters entsprechen, zählt aber nicht unbedingt zu den Programmvorgaben dieser Konzertreihe mit „leichter, sommerlicher“ Musik. Da war „Orpheus“ von Liszt, eine symphonische Dichtung, die sich auf diesem Instrument sehr plastisch darstellen lässt. Unmittelbar darauf schmolz Isabellas Cello in „Isoldes Liebestod“ aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“ auf dem fein gestalteten, oft verschleierten Orgelteppich dahin und erinnerte daran, dass Juergen Natter dereinst das Stipendium des Richard-Wagner-Verbandes Vorarlberg erhalten hatte.
Einen durchaus eigenwilligen „Natter pur“ erlebte man zum Finale in einem improvisierten Orgel-Melodienstrauß zum Ferienbeginn, der die spontane Gestaltungskraft des Organisten in kräftigen Dissonanzen mit versteckt angedeuteten Themen wie „Ein Männlein steht im Walde“ oder „Uf da Berga“ zu imposanter Wirkung brachte. Über den Umweg des altbekannten Schweizer Schlagers „Swiss Lady“ dockten die beiden Musiker:innen als lautstark geforderte Zugabe doch noch bei Bach an, mit seinem Adagio in F.
Weitere Konzerte im „Bezauer Orgelsommer“ in der Kirche St. Jodok:
So, 9.8., 17.30 Uhr: Helmut Binder, Dornbirn
So, 20.9., 17.30 Uhr: Matthias Giesen, St. Florian