Hans Lüdemann TransEuropeExpress Ensemble: On The Edges 4 Peter Füssl · Jul 2026 · CD-Tipp
Das vom in Köln lebenden Pianisten und Komponisten Hans Lüdeman geleitete Oktett TransEuropeExpress Ensemble besteht je zur Hälfte aus deutschen und aus französischen Musiker:innen, denn es wurde 2013 zur Feier des 50. Jahrestages der Elysee-Verträge ins Leben gerufen. Ihr hervorragend rezensiertes Debüt-Album „Polyjazz“ erschien aber erst fünf Jahre später. 2019 wurde das deutsch-französische Freundschafts-Projekt zum transkulturellen Konzept „On the Edges“ erweitert, das zu musikalischen Entdeckungsreisen in europäische Grenzregionen und darüber hinaus einlädt – und ganz wesentlich von der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gastsolist:innen geprägt ist.
Zum Abschluss wurde jedes Projekt auf einem, beim ungarischen Label Budapest Music Center Records aufgenommenen Album verewigt. „On the Edges 1“ (2022) führte nach Marokko und stellte den Guembri- und Oud-Virtuosen und Sänger Majid Bekkas ins Rampenlicht. Für „On The Edges 2“ düste der T.E.E. nach Skandinavien zur schwedischen Sängerin Sofia Jernberg und zum finnischen Gitarristen Kalle Kalima. Im selben Jahr, nämlich 2023, erschien auch das Italien gewidmete Album „On The Edges 3“, auf dem die Pianistin Rita Marcotulli und der Akkordeonist Luciano Biondini zu Gast waren. Für das nun vorliegende „On The Edges 4“ wurde der TransEuropeExpress sogzusagen mit dem Oriental Express zusammengekoppelt, denn die musikalische Reise führt in die Türkei. Für Lüdemann das bislang schwierigste Unterfangen, da ihm ursprünglich jeglicher Bezug zur türkischen Musik fehlte, was sich allerdings infolge mehrerer Künstler-Residenzen in Istanbul zwischen 2021 und 2024 und durch die Zusammenarbeit mit der Ney-Virtuosin Burcu Karadağ grundlegend änderte.
Mit Posaunist Yves Robert, Angelika Niescier am Altsax, Alexandra Grimal an Tenorsax, Sopran und Sopranino, Régis Huby an Violine und Electronics (er ersetzte 2019 Theo Ceccaldi), Ronny Graupe an der Gitarre, Clara Däubler am Kontrabass und Dejan Terzić an den Drums stand Lüdemann ein bestens eingespieltes Team zur Verfügung, denn Niescier und Däubler sind seit Langem die regelmäßigen Ersatzleute, wenn die originalen Band-Mitglieder Silke Eberhard und Sebastien Boisseau aus irgendwelchen Gründen ausfallen. Am Beginn des Albums steht die dreiteilige, 33-minütige Komposition „On The Edges 4“. Schon Teil 1 „Monumenti“ demonstriert eindrücklich, wie kreativ, abwechslungsreich und mit außerordentlichen Soundkombinationen im Ohr Lüdemann seiner aus virtuosen Solisten bestehenden Band auf den Leib geschrieben hat. Am Anfang steht ein ausdrucksstarkes Bass-Solo, das sich bald einmal mit den Drums zu einem energischen Groove vereint. Die Bläser legen kurz eine elegische Klangfläche darüber, ehe der Geiger intensiv zu solieren beginnt. Das Piano treibt mit kraftvollen Akkorden an und führt nach einer monumentalen Bläser-Passage in eine etwas freiere Phase mit kurzen Ausbrüchen von Sax, E-Gitarre und Posaune. Schließlich geht das von mehrfachen Tempo- und Stimmungswechseln geprägte Stück – heftig groovend, in farbenreichen Bigband-Sound gewandet – eindrucksvoll ins Finale. Im nicht weniger experimentierfreudigen Teil 2 „Different Dimensions“ wird die besonders in der Sufi-Tradition verortete, schwer zu spielende Ney mit unterschiedlichen Instrumentenkonstellationen kombiniert, was bei fließenden Übergängen zwischen Komposition und Improvisation abwechselnd jazzig, folkloristisch, impressionistisch oder orchestral gefärbt erscheint und vor allem vom gleichermaßen energievoll wie abwechslungsreich trommelnden Dejan Terzić zusammengehalten wird. Im Teil 3 „Istanbul Infernal“ wird man gleich ins energische Treiben des Großstadtlebens hineingesogen, das immer wieder von markanten Rhythmuswechseln und melancholischen Phasen, in denen sich die Instrumente lustvoll aneinander reiben, unterbrochen wird – inklusive ausdrucksstarker Soli von Lüdemann, Niescier und Grimal, die zu den emotionalen Höhepunkten des Albums zählen. Viel orientalisches Flair findet man in den knapp zehnminütigen, von Karadağs kraftvoll-virtuosen Ney-Improvisationen, Lüdemanns Piano-Läufen und einem expressiven Posaunen-Solo Yves Roberts dominierten „Sedaraban Variations“. Auch im rhythmisch spannenden, tänzerisch wirkenden „Ada S.“, das auf einem Traditional basiert, kommt nahöstliches Feeling auf. Der „Simple Song“ und die Klangfarben-Explosion „Kader“ stammen ursprünglich aus dem erfolgreichen Duo-Projekt von Lüdemann und Karadağ – Ersterer wurde auch hier im Duo-Format aufgenommen, Letztere in einer für das Ensemble umgeschriebenen Variante, in der sich E-Gitarrist Ronny Graupe besonders in Szene zu setzen vermag. Hans Lüdemann, der auch mit dem Trio Ivoire (mit dem Balafon-Spieler Aly Keïta) und im Duo mit dem Kora-Spieler Tata Dindin viele Jahre lang erfolgreich transkulturell unterwegs war, betreibt mit dem TransEuropeExpress Ensemble ein wundervolles Projekt, das unendlich weit entfernt ist von jenen negativen Implikationen, die dem „Worldmusic“-Label zuweilen anhaften.
(BMC)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.