Großartiges „zerwirbelt und verwoben“
Neuer Lyrikband von Norbert Mayer
Peter Natter · Dez 2025 · Literatur

Es gibt die Bücher, die man noch viel lieber ausgiebig zitieren möchte und sollte, als nur gerade rezensieren. Norbert Mayers Dialektgedichte gehören dazu. Denn was heißt schon rezensieren! Kritisieren vielleicht? Wozu? Noch mehr: Wohin kann das führen? Und woher muss einer kommen, um zu kritisieren, zu richten die Schreibenden und die Lesenden, groß zu reden darüber, was ein anderer zu schreiben für richtig gehalten hat!

Noch dazu, wo der Autor Norbert Mayer (*1958) in „einer Art Prolog“ die eigene Position relativiert und explizit zur Disposition stellt, deutlich, selbstbewusst und selbstkritisch. Dass ihm gerade daraus große Freiheit in der Wahl seiner Themen und Ausdrucksformen erwächst, ist ein legitimer und kluger Zug.
Gedichte also? Heutzutage, wo alles aufs Direkte, Prägnante, Sachliche ausgerichtet ist? Ja, denn Gedichte sind Erzählungen, verdichtete, komprimierte, konzentrierte oder ausschweifende, sich verlustierende Gedanken, Beobachtungen, Feststellungen, Erfahrungen, Empfindungen, sie sind vaporisierter, zerstäubter Alltag, Alltägliches „zerwirbelt und verwoben“, wie es der Titel verspricht. Es braucht nicht unbedingt den Blick auf die Quellen, aus denen Norbert Mayers Gedichte, ihre Themen, ihre Gestalten, ihr Sog und Bedeutungen sprudeln, um ihren Reichtum zu erlesen; doch der Blick auf und in diese Quellen ist mehr als aufschlussreich, er ist ein wertvoller Wegweiser. Natürlich gibt es da einschlägig Heimatlich-Wälderisches, Franz Michael Felder und Gebhard Wölfle, aber dann die großen Dichterinnen und ihre Kollegen: Ingeborg Bachmann, Christine Lavant, Emily Dickinson, Georg Trakl, Reiner Kunze, Peter Handke, Oswald von Wolkenstein, Thomas Bernhard; und wie es sich bei Norbert Mayer von selbst versteht, bzw. wie es sein Wesen ausmacht, weit über die Sprach- und Zeitgrenzen hinaus: Shakespeare, James E. Lovelock, William Blake, James Joyce, Samuel Beckett. Den Anfang setzen übrigens höchst standesgemäß adam&eva, „und als ihnen die-Augen-aufgingen / ach-ja – was wussten sie da: / c‘est la vie!“, wie es im Prolog heißt. Dass es hier und Norbert Mayer nicht um die Namen, sondern um Tiefe der Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart, Hier und Jetzt, um das Leben geht, zeigt ein Gedicht wie „Jasso“:

und do papscht 
kört schon lang a-d basis!
und alls wo dio heldo
dau z-wien dunn hind: 
vo tuuto&blauso keine ahnung! 

… heißt es da nebst Erwartbarem wie „buur-nell-suu: / a so a schwein!“ 

Warum Gedichte? Abgesehen von den nicht so leicht abzufertigenden Gegenfragen (Warum nicht?) oder (Was sonst?) bleibt die grundsätzlich aktuelle Antwort, die schon Paul Celan (1920–1970) formuliert hat: „Das Gedicht wird … zum Gedicht eines Wahrnehmenden, dem Erscheinenden Zugewandten, dieses Erscheinende Befragenden und Ansprechenden; es wird Gespräch.“ Just dort, wo der Verdacht auf Rückzug, Weltfremdheit und Elfenbeinturm auftaucht, kommen aus dem alten Bregenzerwälder Bauernhaus, in dem Norbert Mayer lebt, höchst zeitgemäße und zeitnahe, realistische, ja geradezu international zu nennende Töne; dabei jedoch kein beliebiges Gemisch aus „an der mundart des hinteren bregenzerwaldes orientiertem“ Wälderischem, Hochdeutschem („natürlich ist und bleibt hochdeutsch zentrale sprache meiner schreibarbeit“ – was daran so natürlich ist, möchte man fragen) und Englischem. 
„wälderisch war meine erste fremdsprache“, schreibt Mayer im Prolog. Er hat sich sichtlich gut hineingefunden in diese Sprachwelt, befördert von einer körigen Portion Empathie und Kreativität. „Ü“ zum Beispiel: „work-in-progress-project“ des Dichters Mayer mit dem Musiker Alfred Vogel. „Ü“ führt vor, wie vielseitig, wendig, variabel, bedeutungsreich das Wälderische ist. „Ü“ steht für „halt-stop-genug“, aber auch „euch“ – zum Beispiel: „wio gaut as ü“; „üheba“, fällt mir als ¾-Wälder auch noch ein.
Der Hinweis, wonach es sich bei Mayers Dialektgedichten, also beim Rückgriff auf Heimatsprache (Mayers Mutter- und Vatersprache war das Südtirolerische!) nicht um „halbsenile Erinnerungsverklärung“ handelt, wird von jeder Zeile des anmutig gestalteten Buches bestätigt. Da ist einer hellwach, aufmerksam und wahrhaftig bis an die Schmerzgrenze. Wie „martin luther schaut (er) dem volk aufs maul“, und das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als: ins Herz, ins Gemüt. Norbert Mayer verfügt über die Mittel, seine Beobachtungen zur Sprache, zur Welt zu bringen. Dass es schließlich Verluste gibt, ohne die wir sehr arm wären, diese großartige Einsicht stellt Norbert Mayer seinem Buch voran. Er trifft sich damit exakt mit der Einsicht von Max Ernst: Der Künstler, der Mensch muss sich verlieren, um ganz zu werden. 
Wer kann und wer soll das lesen? Jede:r, eh klar, alle, weil Norbert Mayer „viel i oam“ ist und beschreibt, wie es im gleichnamigen Gedicht heißt:

gogo liggot geen
in heallo-weicho-nüo schnee
und machot döt mit himml-blick
dio allarschöanschto ingl.

freiheit ist ein urteil: lebenslänglich!
(nach jean-paul sartre)

Noch einmal: Nichts ist hier beliebig, alles ist gewollt und vor allem gekonnt. Das Können ins Gedicht gesetzt:

künno
abor woscht:
das söttoscht itz dinn künno
eigotle scho lang
sus naagoscht bold am hungor-tuo.

art is the elimination
of the unneccessary
(pablo picasso)

Wie heißt es bei Ludwig Wittgenstein: „Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“ (Tractatus logico-philosophicus 4.116) Quod erat demonstrandum. Eine Empfehlung!

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez.25/Jan.26 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Norbert Mayer: zerwirbelt & verwoben. Gedichte. Haymon Verlag Innsbruck 2025, 216 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-7099-8269-3, € 19,90

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