Gelebte Kultur, gelebte Solidarität Sophie Grimmel · Mai 2026 · Musik

Anna Buchegger holt in ihrem zweiten Album „Soiz“ österreichische Kultur auf die Bühne, und rückt sie in ein progressives Licht. Am 21.5. begeisterte sie im Alten Kino in Rankweil.

Kultur und Solidarität

Kultur muss gelebt werden, um fortzubestehen – und gestaltet werden, um sich entwickeln zu können. Österreichische Kultur aus vergangenen Zeiten wird gerne idealisiert, reproduziert und politisch instrumentalisiert. Eine Nebenwirkung davon ist, dass Tracht und Tradition oft als etwas Angestaubtes oder gar Populistisches wahrgenommen werden. Als ein Überbleibsel früherer Generationen, das mit dem heutigen Leben wenig zu tun hat, oder gar als Werkzeug politischer Strategien. Dabei hat österreichische Kultur viel zu bieten – mit ihrer Vielzahl lokaler Dialekte, volkstümlicher Instrumente, Traditionen und Erzählungen.
Anna Buchegger zeigt, wie nahtlos sich diese Elemente österreichischen Brauchtums mit zeitgenössischer Popkultur verbinden lassen, und beide Bereiche dadurch bereichert werden. Die Künstlerin moderiert und singt in Dialekt, das Hackbrett ersetzt zu großen Teilen die E-Gitarre, die Bühnenoutfits kombinieren Tracht mit modernen Looks und statt Scat-Gesang wird gejodelt. Ihre Songtexte sind ausgefeilte Dialekt-Lyrik, die sich neben H. C. Artmanns Werken sehen lassen kann. Freundlicherweise stellt sie die Texte auf ihrer Homepage zum Nachlesen zur Verfügung, auch in Hochdeutsch. Thematisch setzt sich Anna Buchegger auch in ihrem zweiten Album „Soiz“ mit Heimat auseinander – und wünscht sich mehr Zusammenhalt („Verwöhnt“, „Mauer“) und Auseinandersetzung mit österreichischer Geschichte („Teppich“, „Schutt und Dreck“).
Allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern beiläufig, fast selbstverständlich. In dem gleichen Tonfall, in dem sie zwischen den einzelnen Songs von den Lebensweisheiten ihrer Mutter erzählt und in der Pause zum „Ratschn“ mit sich einlädt. 
Anna Buchegger zeigt, dass manche Dinge nicht konserviert oder idealisiert, sondern gelebt werden müssen, um relevant zu bleiben und sich weiterentwickeln zu können. Solidarität und lokale Kultur fallen gleichermaßen in diese Kategorie.  

Das perfekt gegliederte Set

Mit poppigen Rhythmen, ihrer vollen Band bestehend aus Drums (David Raddish), Keys und Backingvocals (Sophia Andlinger) und Bass (Tobias Wöhrer), sowie sich selbst am Hackbrett startet Anna Buchegger in den Konzertabend. Nach den ersten schnellen Nummern werden etwas nachdenklichere Töne angeschlagen — und auf einmal steht die Künstlerin am anderen Ende des Saals. Dort teilt sie sich das Spotlight zunächst mit Tobias Wöhrer, der diesmal E-Gitarre spielt. Auf das gefühlvolle Duo folgt ein nicht weniger ausdrucksstarkes Solo, auf dem sich die Sängerin selbst am Keyboard begleitet. Bei der Moderation zum nächsten und letzten Stück vor der Pause greifen mehrere Elemente wie Zahnräder perfekt ineinander: Der Gedanke, den wichtigen Personen im eigenen Leben mehr Wertschätzung zukommen zu lassen, wird mit charmanter Eigenwerbung für die bedruckten Postkarten im Eingangsbereich verbunden – und das Thema der Verbundenheit über Distanz findet im darauffolgenden Song Ausdruck, zunächst als Solo dann als emotionales Duo zwischen den jodelnden Keyboarderinnen Anna Buchegger und Sophia Andlinger über die gesamte Länge des Saals hinweg, bevor die restliche Band in den Song einsetzt und die erste Konzerthälfte gemeinsam beendet. Nach der Pause geht es ebenso abwechslungsreich weiter: Nach einigen etwas ruhigeren Pop-Nummern der hervorragend aufeinander eingespielten Musikgruppe lädt Anna Buchegger zum ausgelassenen Tanzen ein. Stilistisch bewegt sich das Set in eine deutlich elektronischere Richtung, mit einem ausgefeilten Backingtrack und dazu passender Lichtshow. Auch der titelgebende Song des zweiten Albums „Soiz“ ist Teil dieses Segments, und wird am offiziellen Ende der Show platziert. 
Die erste Zugabe „Kloa“ ist ein gefühlvolles Solo von Anna Buchegger, in dem sie ihren Gesang am Hackbrett begleitet und im starken Kontrast zu dem eben erlebten energiereichen Konzertabschnitt nochmal einen Ruhepunkt setzt. Mit „Kim Vorbei“ rundet die Band den Abend ab und führt stilistisch wieder zum Anfang des Sets zurück. Textlich lässt die Künstlerin das Publikum hier bereits den Besuch ihres nächsten Konzerts manifestieren.

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