„Gedichte sind wie Drogen“
Lyrik von Monika Helfer
Annette Raschner ·
Nov 2025 · Literatur
Diesmal hat es mit dem Österreichischen Buchpreis zwar nicht geklappt – nominiert war Monika Helfer aber erneut, diesmal mit ihrem Erzählband „Wie die Welt weiterging. Geschichten für jeden Tag“, der es auf die Shortlist geschafft hatte. Schon 2022 war die in Hohenems lebende Autorin mit „Bettgeschichten und andere“ im Rennen gewesen.
Auch ohne den Preis zeigt sich: Es läuft bei ihr – und zwar schon seit fünfeinhalb Jahren, seit „Die Bagage“, der erste Teil von Monika Helfers Familientrilogie erschienen ist. Nahezu unerschöpflich scheint derzeit die Schaffenskraft der Schriftstellerin zu sein. Heuer sind neben einer Theateruraufführung („Praterstern“ bei den Sommerspielen Melk, gemeinsam verfasst mit ihrem Mann Michael Köhlmeier) bereits zwei Bücher von Monika Helfer erschienen: Die von Kat Menschik illustrierte Erzählung „Der Bücherfreund“ und ganz frisch – ein Gedichtband unter dem Titel „Bitte schick mir eine Droge“. Es ist – kaum zu glauben – Monika Helfers erster Gedichtband.
Der Monika-Helfer-Ton
In diesen Gedichten widmet sie sich „Kinderkram“ (Ich rühre im Risotto und pfeife mit vier Fingern) und kleinen „Katastrophen“ (Ich hab nicht zugehört. Sind wir Durchschnitt, Du und Ich?) schlüpft in unterschiedlichste Charaktere, zum Beispiel in einen „Mann mit Sonnenbrille“ (Man sagte von mir, er sieht intelligent aus. Ich wollte nicht widersprechen) oder in eine „Frau auf einer Parkbank“ (Ich bin nicht misstrauisch. Noch nie hat mich einer bestohlen. Gibt ja auch nichts Wertvolles bei mir). Sie schreibt „Romane über den Krieg“ (Fallen keine Splitter vom Himmel. Tauchen keine Spinnen auf), über „Glanz und Gloria“ (Aus der Fassung war ich. In die Luft gewirbelt. Aus dem Bett gejagt) und über „Zukunft“ (Mit neunzig verwende ich meinen Kamm als Zahnbürste, eine Schraube als Schlüssel), und überall leuchtet er durch, dieser spezielle Monika-Helfer-Ton, der auch ihre Erzählungen und Romane kennzeichnet. Wie lässt er sich beschreiben? Er ist eine reizvolle Mischung aus unprätentiöser Lakonie und luftig-assoziativer Poesie. Monika Helfers Gedichte sind einerseits schlicht, andererseits doch mehrdeutig. Und sehr wichtig: Die Titel! Sie führen in eine Richtung.
Wär ich im Wald
Legte mich ins Moos
Zu den Pilzen
(„Ach, zum ersten Mal“)
Eine Poesie des Alltags und der Kindheit
Monika Helfer neigt nicht zu Ausschweifungen. Dieser Haltung bleibt sie auch in ihren Gedichten treu. Man fragt sich nur, weshalb man so lange auf Gedichte der im vergangenen Jahr mit dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus ausgezeichneten Autorin warten musste. Derweil schreibe sie schon seit Jahrzehnten Lyrik, erzählt Monika Helfer. Aber stets mit einer gewissen Unsicherheit, ob sie auch gut sei. Sie schreibe gerne nachts, da sei man frei und unverkrampft. Die strenge Sichtung folge dann am darauffolgenden Tag. „Viele kann ich dann vergessen, aber manche sind richtig schön. Gedichte schreiben gehört zum Schwierigsten überhaupt. Da muss jede Zeile passen.“ Die nun vom Hanser Verlag herausgebrachte Sammlung besitzt weder Chronologie noch Kapitel. Es ist eine Auswahl mit auf das Wesentliche reduzierten, lyrischen Beobachtungen und verdichteten Erinnerungen, die aus den letzten vier Jahren stammen.
Wenn ich groß bin
Rock ich die Welt
Sagt meine Tochter
Aus dem Kopfstand
(aus: „So war sie“)
Monika Helfer ist eine feine Stilistin. Sie braucht keinen „hehren Ton“, keine sprachlichen Rundumschläge, um die Leserin und den Leser zu erreichen. Ihre Gabe ist der kleine poetische Dreh, der einem Text die entscheidende Wendung gibt.
Schick mir drei Worte
Damit
Ein Gedicht
Aus mir herausspringt
(aus: „Drei Worte“)
Auf die Frage, von wem sie selbst Gedichte gerne liest, antwortet Monika Helfer: „Ach, da gibt es so viele. Sarah Kirsch, Sylvia Plath, aber auch Christian Morgenstern und Erich Kästner. Bei den Gedichten von Emily Dickinson liebe ich deren Intimität. Man hat das Gefühl, sie sind ganz bei ihr.“ Diesen Eindruck gewinnt man auch, wenn Monika Helfer in ihren Gedichten durchaus augenzwinkernd und sehr gelassen das Altern thematisiert. „Ich bin fast stressfrei. Früher war ich das nicht. Mich regt selten etwas auf.“
Blind, wie ich bin
Find ich mein Knopfloch nicht
Streif den Kochtopf
Steh auf die Katz
War einmal ein Bücherwurm
Durchs Haustor kroch ich
Vorbei an Fledermäusen
Hinauf in den Turm
(„Bald kommt der Tod“)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR November 2025 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Monika Helfer: Bitte schick mir eine Droge, Hanser Verlag 2025, 104 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-446-28419-7, € 24,70
Lesung von Monika Helfer aus „Wie die Welt weiterging“: 21.11., 19 Uhr, Museum Bezau
Lesung aus „Bitte schick mir eine Droge“: 8.1.26, 20 Uhr, Theater Kosmos