Funkelnde Vielfalt im Literaturhaus
Drag-Lesung: Zwischen Glamour und gesellschaftlichem Dialog
Martina Nachbaur ·
Jän 2026 · Literatur
Was auf den ersten Blick wie eine humorvolle Wasserglaslesung mit viel Glamour wirkte, entpuppte sich im Literaturhaus als Abend zwischen unterhaltsamer Leichtigkeit und gesellschaftskritischen Akzenten. Zwischen Glitzer, Lachen und berührenden Momenten zeigten zwei Drag-Artists, wie wirkungsvoll Performance, Literatur und queere Sichtbarkeit ineinandergreifen können.
Die vom Literaturhaus gemeinsam mit den Kooperationspartnern GoWest – Verein für LGBTQIA+ und dem Verein Amazone organisierte „Story Hour“ kombinierte Lesung mit musikalischen Beiträgen und szenischen Elementen. Das Programm bot eine abwechslungsreiche Mischung aus humorvollen und inhaltlich vertiefenden Momenten rund um die Themen Vielfalt, Akzeptanz sowie persönliche Identitäts- und Ausdrucksformen und zog das bis auf den letzten Platz besetzte Publikum aktiv mitein.
Zwischen Poesie, Musik und Performance
In der wohnzimmerähnlichen Atmosphäre der Villa Franziska und Iwan Rosenthal standen Dragking Eric BigClit und Dragqueen Fräulein Bürgerschreck auf der Bühne. Beide brachten unterschiedliche künstlerische Hintergründe in den gemeinsam gestalteten Abend ein. Fräulein Bürgerschreck ist international als Drag-Künstlerin tätig und vor allem in der queeren Kleinkunstszene bekannt. Die gebürtige Vorarlbergerin, die heute in Wien lebt, bezeichnete sich augenzwinkernd als „die Szene Vorarlbergs“ und brachte vor allem ihren „Sinn für derb-sarkastischen Humor“ ein. Sie ist unter anderem Gründungsmitglied des Kollektivs Royaltea Vienna, Co-Organisatorin des Vienna Drag Festival sowie Teil des Juror:innenteams des Miss*ter-Drag-Festival-Wettbewerbs.
Eric arbeitet als Community Worker und verbindet künstlerische Performance mit Aufklärungsarbeit und Aktivismus. Unter dem Namen Eric BigClit ist er Gründer mehrerer queerer Initiativen und Eventformate wie DragWrestling, House of Clits sowie Veranstaltungsreihen wie Pride Rage oder Queer fetzt!. Zudem trägt er den Titel des ersten „Mister Tuntenball“. In seinen Performances, Comedy-Shows und musikalischen Beiträgen setzt er sich humorvoll und zugleich kritisch mit gesellschaftlichen Normen und Genderkonzepten auseinander. Mit dem Song „Our Bodies, Our Choice“, der derzeit zu den Top 10 des FM4 Protestsong-Contests zählt und im Februar ins Finale einzieht, wird zudem die Verbindung von Kunst und Engagement sichtbar.
Gemeinsam präsentierten die beiden Texte und Songs – teils aus eigener Feder, teils aus unterschiedlichen literarischen Quellen, darunter auch Songtexte und Kinderbücher. Die Beiträge handelten von Akzeptanz, Gleichberechtigung, Empowerment, erotischen Begegnungen und dem Mut, sichtbar zu sein. Humor und Poesie gingen dabei Hand in Hand mit einem Hauch Drama, der dem Abend emotionale Tiefe verlieh. Lesen, Singen, Rappen und performative Elemente flossen ineinander und erweiterten das klassische Lesungsformat um theatrale Komponenten.
Austausch mit dem Publikum
So vielfältig wie das Programm zeigte sich auch das Publikum: jüngere und ältere Besucher:innen, Literaturinteressierte ebenso wie Neugierige aus der Drag- und queeren Kulturszene. Die Atmosphäre war offen und dialogorientiert: Nach der rund einstündigen Show bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen, was rege genutzt wurde. Themen wie die Entstehung der Drag-Figuren, Kostüme oder der persönliche Zugang der Künstler:innen zur Drag-Kunst wurden offen und persönlich beantwortet. Eric und Fräulein Bürgerschreck gaben Einblicke in ihre Arbeit und betonten den individuellen Charakter von Styling und Inszenierung. Zudem kam die regionale und überregionale Drag-Szene zur Sprache. Die Performer:innen berichteten von Vernetzungsmöglichkeiten in Vorarlberg und Wien und ermutigten zu mehr Austausch, Sichtbarkeit und Eigeninitiative.
Initiiert wurde der Abend von Marina Höfler vom Literaturhaus, die nach dem überzeugenden Auftritt von Dragking Eric als Moderator bei der Drag Night in Feldkirch eine Anfrage für die Veranstaltung stellte. Ergänzend zur Lesung wurde in Kooperation mit GoWest und dem Verein Amazone am Vortag ein Workshop angeboten, in den fachliche Perspektiven der langjährigen Arbeit der beiden Vereine zu Gender und Vielfalt einflossen.
Insgesamt präsentierte sich die Drag-Lesung als gelungene Verbindung von Literatur, Unterhaltung und persönlichem Austausch. Zwischen Glitzer und Glamour stand vor allem die Freude am Spiel mit Sprache, Rollen und Inszenierung im Mittelpunkt. Der Abend zeigte eindrucksvoll, wie Performancekunst das klassische Lesungsformat erweitern und neue Zugänge für ein breites Publikum schaffen kann.