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03.10.2010 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (4.10. - 10.10. 2010)

Die Fremde: Für das Jahr 2009 dokumentiert die Internetseite ehrenmord.de für Deutschland 30 Ehrenmorde. Als Täter werden vorwiegend der Ehemann oder (Ex-)Freund angeführt. Das größte Aufsehen erregte wohl 2005 der Mord an der Deutschkurdin Hatün Sürücü, die in die Türkei verheiratet wurde, sich aber zwei Jahre später von ihrem Mann trennte und nach Deutschland zurückkehrte. Dort schloss sie ihre Schulausbildung ab und erzog ihren Sohn, bis sie von ihrem jüngsten Bruder an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof erschossen wurde.
Feo Aladag beruft sich nicht auf diesen Fall, ließ sich aber vermutlich von Hatün Sürücüs Schicksal inspirieren. Wie in dem realen Fall lebt Umay mit ihrem Mann und dessen Familie in einer tristen Hochhaussiedlung am Rande von Istanbul. Widerspruch wird hier am Essenstisch nicht geduldet. Muckt der kleine Sohn Cem auf, wird er in einen Kasten gesperrt und Umay hat sowieso nichts zu sagen. Schließlich wird es der jungen Frau zu viel. Sie verlässt mit ihrem Kind heimlich die Wohnung und fliegt zurück nach Berlin.
Freuen sich Mutter und Vater zunächst über den unerwarteten Besuch, stellt sich Beklemmung ein, als sie erfahren, dass Umays Mann nicht nachkommen und sie zu ihm nicht zurückkehren wird. Während die Mutter still leidet und Umay bei ihren jüngeren Geschwistern zunächst noch Zuneigung findet, regiert der ältere Bruder, der die türkischen Männlichkeits- und Ehrevorstellungen schon ganz verinnerlicht hat, aggressiv. Der Druck auf Umay wird immer größer und auch mit der Flucht in ein Frauenhaus ist das Problem nicht gelöst.
Man spürt, wie genau Feo Aladag das Milieu kennt, von dem sie erzählt. Ohne viele Worte, mit wenigen prägnanten Bildern und einem Gespür für Momente der Stille werden speziell am Beginn treffend und dicht familiäre Verhältnisse geschildert. Ganz aus der Innenperspektive erzählt Aladag, ist nah an den Figuren, beschränkt sich auf die realistische Schilderung und entwickelt dank einer herausragenden Sibel Kekilli in der Hauptrolle und unverbrauchten authentischen Darstellern in den anderen Rollen sowie einer dynamischen Inszenierung ein hochemotionales packendes Drama.
Nicht zu übersehen ist allerdings auch, dass die Regisseurin allzu viel in ihr Debüt hineinpackt, dass an die Stelle der Genauigkeit mit Fortdauer Kurzatmigkeit tritt und eine Dramaturgie, die den Einfluss der koproduzierenden TV-Anstalten verrät. Zu hektisch springt Aladag da von Szene zu Szene, zu wenig Raum lässt sie den Figuren und dem Zuschauer. Trotz dieser Schwächen ist „Die Fremde“ ein kraftvolles Spielfilmdebüt, das einen Einblick in ein sonst wenig ausgeleuchtetes Milieu bietet und vorurteilsfrei den Konflikt schildert, der aus dem Aufeinanderprallen von individuellen Wünschen und von traditionellen Werten bestimmten familiären Zwängen entsteht..
Kino Madlen, Heerbrugg: Mo, 4.10., 20.15 Uhr


Wonderful Town: Der Thailänder Adita Assarat erzählt die im Grunde einfache Geschichte eines jungen Architekten aus Bangkok, der in eine vom Tsunami immer noch verwüstete Küstenstadt kommt, wo er sich um den Wiederaufbau einer Ferienanlage kümmern soll. Der Architekt bezieht nicht im Zentrum, sondern in einem abgeschiedenen Hotel Unterkunft, wo sich langsam eine Beziehung zur jungen Besitzerin entwickelt.
Die materiellen Schäden, die der Tsunami anrichtete, sieht man überall, auch wenn Bildern der Zerstörung solche der unberührten Natur gegenüberstehen. Mit Fortdauer des Films werden aber gerade durch die wortkarge Erzählweise mit langen Einstellungen, die den Figuren Raum und Zeit lassen, auch die psychischen Verwundungen und Traumatisierungen, die die Naturkatastrophe auslöste, sichtbar. Wie unter den Wellen am Beginn der Meeressand liegt, so schlummern diese Nachwirkungen unter der scheinbar wieder intakten Oberfläche. Weil der Zuschauer mit diesem Unbehagen, diesem Eindruck von der Zerstörung des sozialen Gefüges, nicht überrumpelt wird, sondern sich dieses Gefühl langsam einschleicht und Assarat es versteht diese Stimmung mit seiner stilsicheren Inszenierung eindringlich zu vermitteln, bleiben nicht nur die sorgfältig komponierten Bilder im Gedächtnis haften, sondern die Verunsicherung wirkt auch lange über das Filmende hinaus nach.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi, 6.10., 20 Uhr; Fr, 8.10., 22 Uhr

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