Filippa Gojo & Stephan Mattner: Nucleus Peter Füssl · Nov 2026 · CD-Tipp
Ob solo, mit ihrem Quartett, in Duos mit David Helbock, Laia Genc oder Sven Decker, im Ernst Jandl Projekt mit Georg Breinschmid und Florian Willeitner, beim Thoneline und beim Fuchsthone Orchestra oder bei der WDR Bigband, die aus Bregenz stammende Filippa Gojo ist stets nicht nur durch ihre phänomenale Stimme, sondern auch durch ihre Experimentierfreude und ihren musikalischen Forscherdrang aufgefallen. Eine wahre Vokalartistin, die – vor drei Jahren als Professorin an die Hochschule für Musik in Nürnberg berufen – offenbar niemals ihre Neugierde verliert.
So verwundert es keineswegs, dass sie nun im Duo mit dem aus dem Ruhrgebiet stammenden, aber wie sie in Köln lebenden deutschen Saxophonisten Stephan Mattner ein neues Fenster geöffnet hat, nämlich in Richtung Electronics. „Für mich ist es noch relativ neu, mit diesen ganzen Effekten aufzunehmen. Es ist die erste Platte, auf der ich das Kaoss Pad verwende und auch das TC Helicon Voice Live. Es ist für mich ein ganz interessanter Prozess gewesen, noch einmal einzusteigen und zu schauen, was kann man hier noch doppeln, was kann man noch layern, was kann man aus den Kompositionen nehmen und noch mal durch das Kaoss Pad quasi durchschleifen“, zeigt sich Gojo in einem Interview, das während der Aufnahmen im Deutschlandfunk Kammermusiksaal in Köln entstanden ist, begeistert. Das Konzept und die Kompositionen stammen von Stephan Mattner, der sich einmal mehr als hervorragender Sopransaxophonist erweist, hier aber auch intensiv an Keyboards und Computer werkelt. Die Stücke bestechen durch die spannende Verbindung aus akustischen und elektronischen Elementen, Gojos ohnehin schon ungemein wandlungsfähige, dank Elektronik in ungewohnte, schier grenzenlose Dimensionen vorstoßende Stimme wird instrumental in die soundfarbenreichen, computergenerierten Soundlandschaften implantiert, verstärkt und setzt Glanzlichter oder duelliert sich kunstvoll mit Mattners Saxophonlinien. Durchaus dramatische Stücke wie „E:Motion“, „Core“, „The Myth“ oder das facettenreiche Hochgeschwindigkeitsstück „Euphoria“ würde man gerne von gleichermaßen einfallsreichen Experimentalfilmer:innen visualisiert sehen.
„Mood Eclectic“ hat anfangs einen orientalischen Einschlag und setzt einen beschwingten Kontrapunkt, glänzt dann mit einem expressiven Sax-Solo und wird schließlich von Gojos Stimme in andere Sphären geführt. Drei Stücke haben Texte als Ausgangspunkt. Emily Dickinsons „Hope is the Thing With Feathers“ wird von Filippa Gojo zuerst in aller Ruhe rezitiert, ehe sie den unbezwingbaren kleinen Vogel „Hoffnung“, der tief in der Seele der Menschen wohnt, mit ihrer ausdrucksstarken Stimme zum Fliegen bringt, was auch von wunderschönen, expressiven Sax-Linien untermalt wird. Für manche vermutlich der emotionale Höhepunkt des Albums, den andere vielleicht im ebenso unter die Haut gehenden, gefühlsmäßig ungemein aufgeladenen „Cold, Clear and Blue“ finden, das auf einem Gedicht von Emily Brontë basiert. Weit dramatischer entwickelt sich naturgemäß das Stück „Panic“, das auf einem Text der Gojo und Mattner nahestehenden Sonja A. fußt, indem sie jene Gefühlslage beschreibt, die sich bei vielen Menschen aufgrund der in vielerlei Hinsicht äußerst bedenklichen Situation auf unserem Planeten immer wieder einstellt. In Summe ist „Nucleus“ ein vielschichtiges und abwechslungsreiches Album, das Fans elektronischer Musik ebenso interessieren dürfte wie Jazz-Fans – und natürlich all jene, die von Filippa Gojos phänomenaler Stimmkunst fasziniert sind.
(JazzHausMusic)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR November 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Konzert-Tipp: Das Duo Filippa Gojo & Stephan Mattner wird erst am 4.3.2027 live im vorarlberg museum in Bregenz zu hören sein. Im Trio mit dem Kölner Klangkunst-Duo Merzouga gastiert Gojo aber bereits am 4.12.2026 im Theater am Saumarkt in Feldkirch.