Feldkirch liegt am Bodensee
Ein ungewöhnliches Konzert im Rahmen des Bodenseefestivals im Montforthaus Feldkirch.
Michael Löbl ·
Mai 2026 · Musik
Obwohl weit im Hinterland gelegen, sind Ravensburg, Schaffhausen und in diesem Jahr auch Feldkirch Aufführungsorte des Bodenseefestivals. Völkerverbindendes steht hier eindeutig über geografischen Tatsachen.
Das Konzert am Mittwochabend vor Pfingsten im Montforthaus Feldkirch war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Mittwoch ist hierzulande kein typischer Konzerttag, die Veranstaltung war weder Teil eines Abonnements noch einer anderen Konzertreihe und das auftretende Orchester, zusammengestellt aus Mitgliedern der Bodensee Philharmonie Konstanz und der Stella Musikhochschule Feldkirch, wurde erst ein paar Tage zuvor gebildet. Und doch konnte sich das Publikum über ein attraktives Konzertprogramm mit großem Orchester unter einem prominenten Dirigenten freuen.
Fruchtbare Kooperation
Verantwortlich für diese Veranstaltung waren das Bodenseefestival, die Stella Musikhochschule sowie die Bodensee Philharmonie Konstanz. Das Bodenseefestival, vor 35 Jahren gegründet, steht jedes Jahr unter einem anderen Motto und verpflichtet stets einen oder mehrere „Artists in Residence“. 2026 ist das Motto „In Bewegung“, der Cellist Nicolas Altstaedt und das Saxophonquartett „Kebyart“ sind die ausgewählten Künstler. Mit Sitz in Baden-Württemberg findet das Festival in erster Linie am deutschen Bodenseeufer statt. Ein wichtiger Aspekt der Programmgestaltung sind aber grenzüberschreitende Veranstaltungen, die das Verbindende der Bodenseeanrainerstaaten in den Mittelpunkt stellen. Das klingt schön, aber stimmt es auch? Ist der See tatsächlich etwas Verbindendes? Ein Blick auf die Landkarte erweckt Zweifel: Mit dem Auto beträgt die Entfernung von Bregenz nach Radolfzell 95 km, misst man die Luftlinie wären es nur 65. Vor allem, weil dazwischen ein See liegt …
In seiner Begrüßung betonte der Direktor der Stella Musikhochschule die positiven Effekte in der Zusammenarbeit von Profis und Studierenden, wie sie im Rahmen dieses Projektes verwirklicht wurden. Tatsächlich vermittelte das 60-köpfige Orchester einen harmonischen Eindruck, das Teamwork scheint also gut funktioniert zu haben. Das Programm mit dem Titel „Watermusic“ wurde vom Schweizer Dirigenten Mario Venzago geleitet und am Abend zuvor bereits in Konstanz gespielt. Mario Venzago war viele Jahre Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters und in den Neunzigerjahren musikalischer Leiter der Grazer Oper. Wie kam ausgerechnet er jetzt zu diesem Projekt? Die Lösung ist ganz einfach: Seit drei Jahren leitet sein Sohn Gabriel sehr erfolgreich die Bodensee Philharmonie Konstanz.
Klingendes Wasser
Im Zentrum des Programms stand die Komposition „Water Music“ des australischen Komponisten Brett Dean. Der ehemalige Bratschist der Berliner Philharmoniker gehört nicht nur zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten im Bereich E-Musik, er ist auch einer der fleißigsten. In seinem bisherigen Gesamtwerk findet man nicht nur drei Opern und ein Ballett, sondern auch eine große Zahl an Orchester-, Kammermusik- und Vokalwerken. „Water Music“ stammt aus dem Jahr 2004 und beschreibt verschiedene Zustände des Wassers, wie Mario Venzago während der Umbaupause erläuterte. Brett Dean setzt das mit Streichern, einer riesigen Menge an Schlaginstrumenten, einer Trompete und vier Saxophonen als Solisten farbenreich um. Auch Wasserbecken, Schläuche und Computerklänge kommen zum Einsatz. Zahlreiche instrumentale Effekte und Spieltechniken wie spezielle Pizzicati bei den Streichern oder Mehrklänge des Saxophonquartetts erzeugen eine faszinierende Klangvielfalt, um Zustände aber auch Emotionen des Mediums Wasser in seinen verschiedensten Formen musikalisch umzusetzen. Dazu zählt auch eine Welt ohne Wasser, die im dritten Satz von „Water Music“ musikalisch beschrieben wird. Es ist eine faszinierende, außergewöhnliche Komposition, die vom Publikum bestens angenommen wurde und die man gerne nochmals hören würde.
Klingende Zwanzigerjahre
Den typischen Sound eines Saxophonquartetts konnten die Solisten, die Mitglieder des spanischen Ensembles "Kebyart", erst bei der Zugabe auspacken, einer Bearbeitung des französischen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau. In Brett Deans „Water Music“ waren ausschließlich Effekte gefragt, die allerdings von den vier Herren aus Barcelona beeindruckend umgesetzt wurden. Umrahmt wurde „Water Music“ von drei orchestralen „Showpieces“, alle aus den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts und damit alle ungefähr hundert Jahre alt. Zunächst George Gershwins geniale Tondichtung „Ein Amerikaner in Paris“, die 1951 auch im gleichnamigen Filmmusical mit Leslie Caron und Gene Kelly Verwendung fand. Gershwin beschreibt musikalisch eigene Eindrücke eines Paris-Aufenthaltes inklusive mehrerer Taxi-Autohupen, die der Komponist eigens aus Paris mitbrachte. Niemand anderer vor oder nach ihm hat es geschafft, die Elemente Jazz, Broadway und ein Symphonieorchester auf so selbstverständliche Art und Weise miteinander zu kombinieren.
Das nur für zwei Abende zusammengestellte Orchester unter Mario Venzago fand genau den richtigen Sound für Gershwins Tonsprache. Die Aufteilung der 60 Musiker:innen erfolgte ganz gerecht 50:50, wobei die Bodensee Philharmonie Konstanz den Großteil der Streicher besetzte, die Studierenden der Stella Hochschule im Gegenzug die Mehrzahl bei Bläsern, Schlagzeug, Tasteninstrumenten und Harfen stellten. Hier wurde wieder einmal bewiesen, dass sich gute Musiker:innen auch in kürzester Zeit zu einem homogenen Klangkörper formen können, der in allen Gruppen bestens harmoniert.
Das zeigte sich auch im zweiten Teil bei „La Valse“ und „Bolero“, zwei Orchesterklassikern von Maurice Ravel. Auch hier sorgten der Dirigent, die Orchesterprofis und die Studierenden aus Feldkirch für mitreißende Wiedergaben der beiden bekannten Stücke. Ravels „Bolero“, eines der bekanntesten Werke des klassischen Orchesterrepertoires, besteht lediglich aus zwei Melodien, die über einem gleichbleibenden Rhythmus der kleinen Trommel ständig wiederholt werden und durch Ravels raffinierte Instrumentation eine faszinierende Spannung entwickeln. Immer neue Instrumente und Kombinationen erzeugen einen unwiderstehlichen musikalischen Sog, dem man sich als Zuhörer:in kaum entziehen kann. Ein langsam aber kontinuierlich wachsendes Crescendo mündet in eine überraschende Modulation, die den fulminanten Schluss vorbereitet. Ravel hat den Erfolg seines Werkes nie ganz verstanden, zu seinem Komponistenkollegen Arthur Honegger sagte er einmal: „Ich habe nur ein Meisterwerk geschrieben, das ist der Bolero. Leider enthält er keine Musik.“
Im toten Winkel
Es gibt also bei diesem Konzert keinerlei musikalische Kritik, aber eine optische. Durch die viel zu flache Orchesterbestuhlung wurde dem Publikum die Sicht auf den hinteren Teil des Orchesters verwehrt. Vom Parkett – die Galerie war geschlossen – waren nur die Streicher von den Ersten Violinen bis zu den Kontrabässen sichtbar, alle Bläser hingegen arbeiteten im Verborgenen. Aber erstens saßen gerade dort die jungen Musiker:innen der Stella, und zweitens gibt es bei Stücken wie dem „Bolero“ nicht nur eine musikalische, sondern durchaus auch eine optische Komponente. Gerade beim „Bolero“, wo ein Instrument nach dem anderen die immer wiederkehrende Melodie solistisch präsentiert, möchte man schon gerne sehen, wer da welche Instrumente spielt und wie sich die klanglichen Kombinationen entwickeln. Um das sichtbar zu machen, wäre eine mindestens doppelt so hohe Abstufung nötig gewesen. So vermisste man auch den jugendlichen Aspekt des Projektes, denn die jungen Musiker:innen der Stella Hochschule waren im hinteren Orchesterbereich angesiedelt und daher nur hör- aber nicht sichtbar.
Die beiden groß besetzten Werke von Ravel gaben wieder einmal Gelegenheit, sich auf die viel und oft kritisierte Akustik des Montforthauses zu konzentrieren. Der Saal klingt keineswegs schlecht, im unteren Dynamikbereich sogar ausgesprochen angenehm, warm und rund, ab einem gesunden Orchesterforte aber bricht der Klang, es fehlt ihm dann an Fülle und Kraft und er wird unangenehm rau. Liegt das Problem möglicherweise an der mobilen Orchestermuschel, die den Sound vor allem nach oben begrenzt? Es wäre schön, wenn sich ein Experte in absehbarer Zeit dieses Problems annehmen könnte. Ein derart außergewöhnliches Haus im Zentrum von Feldkirch hätte eine baldige akustische Optimierung mehr als verdient.