Faszination Papier in der Albertina
„Von Rembrandt bis Kiefer“ zeigt die Albertina Papier in seiner Wandelbarkeit als epochen- und sammlungsübergreifenden Dialog, darunter das Achselzuckgewand von Tone Fink.
Martina Pfeifer Steiner ·
Dez 2025 · Ausstellung
Die Albertina hat – neben dem Louvre und dem British Museum – eine der größten Sammlungen von Kunst auf Papier weltweit. Zum 250-Jahr-Jubiläum widmet sich die neu eröffnete Ausstellung der Faszination Papier und schöpft aus einem Schatz von über einer Million Objekten aus sechshundert Jahren Kunstgeschichte.
Ralph Gleis, der neue Generaldirektor der Albertina – so neu auch wieder nicht, er eröffnet bereits die 16. Ausstellung – hat mit großer Entdeckerfreude sein Team nach Lieblingsstücken befragt, nach Fundstücken, deren Größe – zu klein, zu groß – sie bisher vor ihrer Ausstellung „bewahrt“ hat. Das wäre die Initialzündung für eine sammlungsübergreifende Expedition in die Tiefen dieses unglaublichen Fundus an Papierkunst gewesen. „Ein Parcours für das Auge“, thematisch vermittelt in zehn Kapiteln, eröffnet spielerisch die faszinierende und erstaunliche Vielfalt der Welt aus Papier, „von faltbaren Sonnenuhren über Zeichnungen und Skulpturen bis hin zu kunstvollen Spielkarten“. Über die Grenzen der Jahrhunderte hinweg begegnen sich historische und zeitgenössische Positionen. Bekannte Meisterwerke treten in Beziehung mit neu entdeckten, selten oder noch nie gezeigten Arbeiten und eröffnen neue Perspektiven auf die Sammlung.
Mit „Entfaltung im Raum“ ist der imposante Auftakt in der Ausstellung überschrieben und vereint übergroße sowie dreidimensionale Arbeiten, darunter beeindruckende monumentale Druckgrafiken, die aus mehreren Einzelblättern zusammengesetzt sind. Für Albrecht Dürers und Albrecht Altdorfers „Ehrenpforte“ (Ausgabe 1515, edition 1799) wurden 195 Druckstöcke auf 36 Papierbögen gedruckt und in einem fiktiven Bauwerk alles untergebracht, was im Leben von Maximilian I. wichtig war: seine Ahnen, seine Amtsvorgänger seit Julius Caesar, Wappen der Habsburgerländer, militärische Erfolge … Es ist das größte Druckwerk der Dürerzeit und wurde an weltliche und geistliche Zentren der Macht verteilt. Eindrucksvoll ist auch die unendlich lange Vitrine, die eigens für das 26 Meter lange japanische Leporello mit farbenprächtigen Farbholzschnitten zur berühmten Geschichte des Prinzen Genji angefertigt wurde.
Die Epochen in Dialog
Das Kapitel „Ich im Papier“ begreift das Medium als Ausdruck von Identität und Selbstreferenzialität. Rembrandt schuf so viele Selbstbildnisse wie kein anderer Künstler und stellte sich in unterschiedlichster Kleidung und Mimik dar. Erstmals sind nahezu alle seine radierten Selbstbildnisse auf einer einzigen Wand vereint. Körperliche wie autobiografische Spuren und Zeichen wie Yves Kleins „ANT 88“ machen das Papier zum Ort der Selbsterfahrung. In unmittelbarer Nähe begegnen wir Tone Finks „Achselzuckgewand“. Aus Packpapier, Karton und Pappmaché formt, schneidet, reißt und klebt der bekannte Vorarlberger Künstler Gewänder, die bei Prozessionen getragen und Gebrauchsspuren danach geflickt werden. In der Sammlung der Albertina befinden sich seit Jahrzehnten zahlreiche Papierwerke und auch eines der riesigen Unikat-Bücher von Tone Fink. Das „Achselzuckgewand“ wurde neu angekauft. Ebenso die Pop-up-Konstruktion „Living Room“ von Liddy Scheffknecht. Das Werk der in Vorarlberg geborenen Künstlerin mit einem überdimensionalen, aufklappbaren Wohnzimmer war jüngst bei einer Ausstellung von „FRO – Kunst im Funkhaus“ im Landesstudio des ORF in Dornbirn zu sehen.
Prämisse der Ausstellungsvermittlung war es, die Faszination Papier auch physisch erlebbar, die Besucher:innen durch Teilnahme zu Mitakteur:innen zu machen. Nachgebaute Zoetrope (Trommeln mit Sichtschlitzen) können in Bewegung gesetzt werden oder das rotierbare Spottbild auf die Kirche bekommt ein skaliertes Drehradbild an die Seite. Und genau diesem Anspruch der Ausstellung folgt auch die Publikation, die über einen gängigen Katalog weit hinausreicht. Es sei ein „Hands-on“-Buch geworden, ein Papierobjekt, und Direktor Ralph Gleis würdigt insbesonders den Vorarlberger Grafiker Kurt Dornig für die anspruchsvolle Gestaltung mit vielen Spezialeffekten wie Seiten zum Ausklappen, der Drehscheibe zum erwähnten Spottbild oder einer Farbschablone (Katagami), deren filigraner und haptischer Qualität als Reproduktion in Laser-Cut nachgespürt werden darf. Sogar die spätmittelalterliche Papiersonnenuhr kann selbst nachgebaut und verwendet werden. Wer die faszinierende Ausstellung in Wien – die bis 22. März 2026 zu sehen ist – nicht besuchen kann, sollte sich dieses besondere Buchkunstwerk bestellen.