Familiengeschichte auf Abwegen
Neuer Roman von Daniel Nachbaur: „Gutensohn“
Christina Walker ·
Okt 2026 · Literatur
Eigentlich hätte alles gut werden können. Der „Kopfsalat“, der Bioladen von Wolf und Marita, florierte, und das geerbte Reihenhäuschen war familiengerecht modernisiert worden. Einem ruhigen, bürgerlichen Dasein mit eigenem Geschäft und zwei Kindern stand nichts im Weg. Doch natürlich ergibt das keinen spannenden Plot für eine Geschichte – bzw. keinen Plot, der zum Vorarlberger Autor Daniel Nachbaur passen würde. Bereits sein letzter Roman „Drauflos“ (2024) thematisierte das ewige Thema der Menschheit: scheitern und weitermachen.
In „Gutensohn. Ein Familienroman“ treibt Nachbaur dieses Sujet nun auf die Spitze und spart dabei nicht mit Gesellschaftskritik. Aber von Anfang an: „Am liebsten rauche ich und gucke in die Luft. Und wenn eine vorübergeht, gaffe ich ihr zwanghaft hinterher.“ Ehrlich ist Wolf Gutensohn ja, von Selbstbetrug hält er wenig, aber scheinbar auch von sich und seinen Fähigkeiten als Geschäftsmann. Der Bioladen geht pleite, als er sich darum kümmert. Ein Großinvestor tut das Seine dazu. Die Schulden fressen das Häuschen auf, ein neuer Job und eine bezahlbare Wohnung sind nur in einem weit entfernten Alpental im Ort Grandeck zu finden.
Wer nun denkt, jetzt könnte es wieder aufwärts gehen, wird vom Autor sofort desillusioniert. Unterwegs zur neuen Bleibe passiert das Familienauto Wild-West anmutende Kreisverkehre mit Bären aus Cola-Flaschen sowie „missratene Siedlungsansätze mit Tankstelle, Kapelle, zwei, drei staubverkrusteten Wohnhäusern“. Die Bushaltestellen, die die Kinder auf dem Weg zur Schule passieren müssen, heißen „Viehstiege“ oder „Schlupfloch“. Es ist eine derbe Welt, in die Nachbaur seine Protagonistinnen und Protagonisten schickt. Daran lässt auch die Sprache keinen Zweifel. Die Perspektive wechselt nun öfter zu Marita und zu den Kindern Marius und Anna. Sie werden in ihren Schulen gleich mit Ablehnung und Mobbing willkommen geheißen. Für Wolf läuft es kaum besser. Er beginnt als Sachbearbeiter bei der „Trockenfrosch-Beschichtungstechnik“. Ahnung vom Metier hat er freilich keine, und niemand in der Firma macht Anstalten, ihn einzulernen. Fehler lassen also nicht lange auf sich warten.
Krasse Resilienzübung
Doch die Tragikomödie kennt durchaus Lichtblicke. Da ist etwa das ältere Ehepaar Hubi und Renate, die sich als freundlich und großzügig erweisen. Selbst Nachbar Dalibor, der einen Einstiegsauftritt als Schläger bekommt, hat die Chance, seine hilfsbereiten Seiten zu zeigen. Ansonsten scheint Grandeck mitsamt seinen Bewohnerinnen und Bewohnern zwischen schäbigem Flussviertel und schicker Hanglage ein janusköpfiger Ort. Schein und Sein klaffen meist so weit auseinander wie Kapital und Einfluss eng verflochten sind. Die männliche Dorfschickeria hängt unter anderem im Casanova Club ab. War die Nackttänzerin dort nun minderjährig oder nicht, fragt sich Wolf, und verfällt ihr dennoch.
Der Roman – soviel spoilern sei erlaubt – schüttet ein Füllhorn an Miseren über den Gutensohns aus, von Umweltkatastrophe über Jugendgewalt bis Cyberkriminalität, um nur ein paar zu nennen. Das alles folgt in solcher Dichte aufeinander, dass einem beim Lesen manchmal die Luft wegbleibt. Nachbaur treibt also nicht bloß seine Figuren durch eine krasse Resilienzübung. Dem Text hätte hie und da etwas mehr Raum für Reflexion nicht geschadet. Er liest sich trotzdem sehr unterhaltsam. Das Unglück entwickelt seinen eigenen Sog, und Nachbaur versteht diesen formal gut umzusetzen. Er erzählt die atemberaubende Abwärtsspirale der Gutensohns schnoddrig, teilweise in einem staccatoartigen Stil. Die Perspektiven wechseln immer flotter, zoomen von der nüchternen auktorialen Erzählposition hinein in Wolfs alkoholinduzierte Delirien, in Annas Angstträume, in Marius‘ Liebesfantasien für die nur vermeintlich liebe Pat. Marita versucht mehr oder weniger hilflos zu retten, was noch zu retten ist – aber wie alle in der Familie hat auch sie etwas zu verbergen. „Sie werde zur Muttergottes beten“, bietet Renate an. Ob das die Lösung ist.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Daniel Nachbaur: Gutensohn. Ein Familienroman, Milena Verlag 2026, Hardcover, 272 Seiten, ISBN 978-3-903460-64-5, € 26
Lesungen:
Di, 17.11., 19 Uhr, guestroom: Literatur Vorarlberg* mit Veronique Homann, Christian Futscher und Daniel Nachbaur
Literaturhaus Vorarlberg, Hohenems
Sa, 18.12., 16 Uhr, Literaturcafé Special mit Daniel Nachbaur
Stadtbibliothek Dornbirn