Erinnerung, Schuld und die leisen Mechanismen der Macht
„Merkwürdige Zeiten“ – ein Schauspiel von Willibald Feinig
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz ·
Jun 2026 · Literatur
Am 2. Juli wird im Theater Kosmos in Bregenz das Schauspiel „Merkwürdige Zeiten“ von Willibald Feinig vorgestellt. Eine Veranstaltung des Theaters in Kooperation mit dem Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek und dem Verlag Bibliothek der Provinz. Unter der Moderation von Jürgen Thaler diskutieren die aus Polen stammende Gemeindeleiterin der katholischen Pfarrei Heiligkreuz in St. Gallen, Urszula Pfister, der Germanist und Historiker Harald Walser und der Autor Willibald Feinig, der auch aus seinem Stück lesen wird.
Der 1951 geborene Bauernsohn Willibald Feinig ist in Kärnten und Graz aufgewachsen, hat in Wien Germanistik und Romanistik und in Salzburg Theologie studiert. Der Liebe wegen ist er nach Vorarlberg gezogen, wo er bis zu seiner Pensionierung am BORG Schoren in Dornbirn unterrichtete. Mit dem Schreiben hat Feinig schon früh angefangen, und dementsprechend reich ist sein Œuvre. In vielen seiner Prosatexte und auch seiner Gedichte verarbeitet er gesellschafts- und religionspolitische Themen.
Eine Minderheit im sozialistischen Staat
Mit „Merkwürdige Zeiten“ präsentiert der Autor nun sein erstes Schauspiel und wagt sich auf ein großes Parkett. Feinig erzählt über die DDR, beginnt aber nicht dort, wo man ein solches Stück vielleicht erwarten würde. Nicht an der Mauer, nicht im Verhörzimmer, nicht auf der Montagsdemonstration. Es beginnt mit einer Priesterweihe im Paderborner Dom. Feinig schaut auf die DDR von einem Rand her, der in den geläufigen Erzählungen oft übersehen wird: vom katholischen Milieu aus, von einer kleinen Minderheit im sozialistischen Staat. Gerade dieser vermeintliche Nebenweg führt tief hinein in die Frage, wie ein System Menschen formt, prüft, einschüchtert und verstrickt.
Das Stück ist in 25 Bilder gegliedert. Manches wird nur angerissen, manches steht scharf beleuchtet da, anderes bleibt bewusst spröde. Das passt zu einem Stoff, der sich nicht einfach zur geschlossenen Handlung glätten lässt. Die DDR erscheint hier nicht als historisches Gesamtbild, sondern als Summe vieler Situationen: ein Gespräch im Lehrerzimmer, ein Auftrag, ein Treffen auf dem Friedhof, eine Entscheidung, ein Blick zur Seite.
Des Merkens würdig
Der Titel ist klug gewählt. „Merkwürdige Zeiten“ – das könnte beinahe harmlos klingen, als ginge es um kuriose Umstände. Doch der Begriff trägt im Stück eine zweite, ernstere Bedeutung. Diese Zeiten sind des Merkens würdig. Gerade deshalb interessiert sich Feinig für die Stellen, an denen Geschichte ins Private rutscht: in eine Karriere, in einen Studienplatz, in eine Liebe, in ein Amt, in ein Gewissen.
Figuren mit Kanten und Brüchen
In der Figurenbeschreibung ist zu lesen, dass alle namentlich genannten Figuren leben oder gelebt haben. Der Autor hat an diesem Punkt sehr genau recherchiert und die historischen Vorlagen dramaturgisch verdichtet.
Eine der stärksten Figuren ist Sigrid Henlein. Lehrerin, Parteigenossin, Mutter, später Zuträgerin. Sie ist aber nicht einfach Täterin, nicht einfach Opfer. Sie ist eine Frau, die unter Druck gesetzt wird, die sich fügt, die mitmacht, die sich etwas vormacht und doch nicht aufhört, verletzlich zu sein. An ihr zeigt das Stück besonders genau, wie Diktatur funktioniert: nicht nur durch offene Gewalt, sondern durch Abhängigkeiten, durch biografische Schwachstellen, durch das Wissen, wo jemand zu treffen ist.
Auch Willi Verstege, der Priester, der sich „für die Zone“ meldet, ist keine glatt polierte Widerstandsfigur. Er hat Eifer, Gewissen, Beharrlichkeit, aber auch Kanten. Adolf Brockhoff wiederum bringt eine andere Farbe hinein: Charisma, Intelligenz, Wärme, aber auch Bruch.
Kirche und Staat
„Merkwürdige Zeiten“ lebt von Brüchen und Widersprüchen. Die katholische Kirche erscheint nicht als reine Insel im falschen Staat. Sie ist Schutzraum, geistige Heimat, Ort des Widerstands – aber auch Institution, mit Hierarchie, Vorsicht, Taktik und Angst. Das ist historisch glaubwürdig und dramatisch fruchtbar. Feinig ist klug genug, die Kirche nicht einfach gegen den Staat auszuspielen. Gerade weil die Kirche hier nicht unschuldig bleibt, bekommt das Stück mehr Tiefenschärfe.
Feinig überlässt nichts dem Zufall. Sehr genau sind auch seine Regieanweisungen, besonders dort, wo es um szenische Überblendungen von Ritual und Macht geht. Wenn der Bühnenraum vom kirchlichen Zeremoniell in die politische Inszenierung kippt, wenn Mikrofone, Gesten, Ordnungen und Auftritte einander ähneln, entsteht ein starkes Theaterbild. Feinig sagt damit nicht, Kirche und Staat seien dasselbe. Er zeigt vielmehr, dass Macht Formen braucht.
Stück oder Erinnerungsprotokoll
Der Text macht es seinem Publikum allerdings nicht leicht. Er ist dicht, gelegentlich auch zu dicht. Namen, Abkürzungen, historische Anspielungen, kirchliche Innenansichten und politische Kontexte drängen sich in manchen Szenen eng zusammen. Ohne Vorwissen ist vieles schwer zu verstehen. An einigen Stellen möchte das Stück offenbar nichts Wichtiges verlieren und riskiert gerade dadurch, dramatisch etwas überladen zu wirken. Dann ist die historische Genauigkeit stärker als die theatrale Notwendigkeit. Dann hat man weniger das Gefühl, einer Szene beizuwohnen, als vielmehr einem sorgsam ausgearbeiteten Erinnerungsprotokoll.
Sprachlich hat das Stück ein gutes Gespür für Milieus und Tonlagen: kirchliche Formeln, Parteisprache, Amtsdeutsch, Lehrerzimmer, Studentensprache, private Unsicherheit. Nicht jede Passage ist gleich geschmeidig, aber die Mischung hat Reiz.
Dass das Stück über 1989 hinausreicht, ist wichtig. Die Wende ist hier kein sauberer Schlussstrich. Was geschehen ist, kehrt zurück: in Akten, in Erinnerungen, in Erzählungen, in späten Enthüllungen. Eine Diktatur kann verschwinden, aber ihre Spuren, ihre Wunden bleiben noch viele Jahre und sind des Merkens würdig.
Man könnte dem Stück wünschen, es würde stellenweise noch stärker auf seine besten Szenen und weniger auf die Fülle seines Materials vertrauen. Ein paar Leerstellen mehr, ein paar leise ausgeatmete Momente würden ihm guttun. Doch diese Einwände ändern nichts daran, dass „Merkwürdige Zeiten“ ein ernstes, waches und notwendiges Stück ist. Feinig schaut auf Schuld, Angst, Glauben, Anpassung und Widerstand und präsentiert kein Denkmalstück, sondern ein Erinnerungsdrama mit Rissen. Merkwürdige Zeiten eben!
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Willibald Feinig: Merkwürdige Zeiten. Ein Schauspiel. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2026, 137 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-99126-424-8., € 18
Buchpräsentation mit Lesung und Gespräch:
2.7., 19.30 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz