Émile Parisien: Floating Peter Füssl · Okt 2026 · CD-Tipp
„Im Kern handelt diese Musik von Frieden, Poesie, Sanftheit und Liebe. Die Welt dreht sich so schnell, ist so verrückt, so voller Sorgen und Konflikte. Diese Musik soll ein Gegenpol dazu sein.“ Émile Parisien, der längst zu den spannendsten Sopransaxophonisten der Gegenwart zählt, dürfte einem Großteil der Menschheit aus der Seele sprechen. Zu diesen globalen Verwerfungen kam beim Franzosen aber auch noch das Gefühl persönlicher Überlastung, des Getrieben-Seins zwischen Aufnahmen, Konzerten und Tourneen hinzu. Schließlich pflegt er nicht nur zahlreiche eigene Projekte (Quartet, Quintet, Sextet, Wollny-Parisien-Lefebvre-Lillinger, Sissoko-Segal-Parisien-Peirani, Duos mit Vincent Peirani, Michael Wollny, Roberto Negro etc.), sondern wird seiner exzellenten Fähigkeiten wegen häufig auch von anderen Künstler:innen eingeladen.
Da kam ihm eine zweijährige Residency im Pariser „Théâtre de la Cité“, die es ihm ermöglichte, einen Gang zurückzuschalten und dennoch kreativ zu bleiben, gerade recht. Eine „Carte Blanche“ führte zur Zusammenstellung dieses neuen Quartetts, das ursprünglich nur ein einziges Konzert bestreiten sollte, aber so zukunftsträchtig wirkte, dass es doch ausgiebig tourte und vergangenen März das vorliegende Album im Studio Gil Evans in Amiens aufnahm. Der israelische Pianist Yaron Herman und der indische Tabla-Spieler Prabhu Edouard – beide leben in Paris – zählen wie die in New York lebende, aus Malaysia stammende und in Australien aufgewachsene Kontrabassistin Linda May Han Oh und der Bandleader selbst zu jenen höchst einfallsreichen und experimentierfreudigen Protagonisten des zeitgenössischen Jazz, die ihre Virtuosität nicht ständig ins Rampenlicht stellen müssen, sondern ihr musikalisches Vergnügen in der kreativen Interaktion mit herausfordernden Partner:innen finden, mit denen sich gemeinsam die gewohnten Horizonte etwas verschieben lassen.
Der Opener „Asian Songs & Rhythms, No. 40“ stammt aus den Federn des aus Russland stammenden und 1949 in Paris gestorbenen, bis heute umstrittenen Esoterikers und Universalgenies Georges I. Gurdjieff und seines zeitweiligen künstlerischen Weggefährten Thomas de Hartmann – ein ideales Vehikel für die Zuhörerschaft, um auf Anhieb aus dem Alltagsleben herauszutreten und in eine andere Sphäre einzutauchen. Wunderschön, geheimnisvoll, hypnotisch, fremdartig und doch vertraut. Diese Atmosphäre wird von Edouards elektrisierenden Tabla-Rhythmen, die Parisiens spannungsgeladene, rockige Komposition „Bonbon“ grundieren, aufgenommen und fortgeführt. Parisiens rasante melodische Erkundungen werden durch Akzente von Han Oh und Herman befeuert. Sollte Émile Parisien mit „66“ seine ganz persönliche Route betitelt haben, so führt sie eher durch den Balkan oder den Orient, als über den nordamerikanischen Kontinent – suchend und eindringlich, der Weg ist das Ziel. „Portal“ hat Parisien gemeinsam mit Herman komponiert, es ist ein Showcase für Prabhu Edouards explosiven Konnakol-Gesang, den zuerst der Pianist und dann das Sopransax in rasanten Soli atmosphärisch fortführen. Yaron Herman steuert gleich fünf Eigenkompositionen bei: „Olive Branche“ ist eine melancholische, nahöstlich angehauchte Mid-Tempo-Nummer. „Ruth“ ist allein schon durch das quirlige Piano-Solo hörenswert, das in eine rockige Passage mit einem entsprechenden Ausbruch Parisiens überleitet. Das rhythmisch herausfordernde „Nusrat“ mit seinen lässigen Stop-and-Go-Passagen stellt einmal mehr Edouard ins Zentrum, beinhaltet aber auch extreme Tastenexkursionen und Saxophon-Ausbrüche. Beim halsbrecherischen „El Toro“ packt Edouard den Stier mit seinem zungenbrecherischen, perkussiven Gesang und seinen Tablakünsten bei den Hörnern, und Linda May Han Oh spielt ihr einziges längeres Solo. Die Kontrabassistin ist aber keineswegs unterbeschäftigt, sondern erweist sich über die gesamte Albumlänge als Fels in der Brandung. Zudem kann sie in ihrer Solo-Komposition „As it Comes and as it Goes“ über knapp zwei Minuten lang ihre Virtuosität ausspielen – und die ist höchst eindrucksvoll. Wundervoll ins Konvolut an Eigenkompositionen fügt sich Anouar Brahems impulsiv interpretiertes Paradestück „Badhra“ ein, das manchen von seinem epochalen Album „Thimar“ mit John Surman und Dave Holland (1998) in Erinnerung sein dürfte. Die Schlussnummer, Yaron Hermans „Arco“, ist forsch und nachdenklich zugleich, zurückgenommen und herausfordernd. In solch reizvollen Kontrasten bewegt sich das ganze Album, ein weiteres Prachtstück in Émile Parisiens an Meisterstücken wahrlich nicht armem Œuvre.
(ACT)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.