Elon schwingt die Kettensäge Ingrid Bertel · Mär 2026 · Aktuell
Angesichts einer „planetarischen Polykrise“ luden das Kunsthaus Bregenz und die Zeppelin Universität Friedrichshafen zu einem Symposium über „die Zeit danach“.
Die Devise laute „Überwintern!“, verkündete der Philosoph Armen Avanessian, und das just am 21. März. Frühlingsanfang! Ende des Winterschlafs! Allerdings weht durch unsere Gesellschaft gerade kein laues Lüftchen und es knospen keine Hoffnungen. Ganz im Gegenteil. Auf dem Plakat, das das Symposium ankündigt, schwingt Elon Musk die Kettensäge. Die Geste markiert einen radikalen Bruch mit den Selbstverständlichkeiten liberaler europäischer Gesellschaften, mit unserem Verständnis von Demokratie und lösungsorientiertem Aushandeln politischer Fragen. Wie gestaltet sich die Zeit danach?
Gemeinsam mit dem Kunsthaus Bregenz neue Denkformen zu entwickeln, das war die Absicht der Zeppelin Universität. Nachdem an der Uni aber Studiengänge im Bereich Kultur gestrichen und das artsprogram aufgelöst wurde, blieb es bei einem gemeinsamen Symposium. Drei hochkarätige Referent:innen reisten dazu nach Bregenz: der Philosoph Armen Avanessian, die Soziologin Eva Illouz und ihr Fachkollege Dirk Baecker.
Vom Rauschen der Information
In der Wissenschaft hat „die Zeit danach“ bereits begonnen, die Kultur steckt in der Krise, und beinahe jede und jeder spürt die Brüche im gesellschaftlichen System. Angekündigt hätten die sich bereits 1948, sagt der Soziologe Dirk Baecker, und zwar mit der Veröffentlichung von Claude E. Shannons Buch „Mathematische Grundlagen der Informationstheorie“. Bewusst wahrgenommen haben Shannons bahnbrechende Erkenntnisse damals allerdings nur Wissenschaftler:innen. Aus einem „Rauschen der Information“, so Shannons Befund, filtern wir jene Informationen, die uns interessieren. Zugegeben, das Beispiel, an dem Baecker die Erkenntnis illustriert, ist ein bisschen old school: Ein Mann bringt seiner Frau eine Rose. Einen konkreten Anlass (Geburtstag, Hochzeitstag etc.) gibt es dafür nicht. Deshalb überlegt die Frau: Was will er mir damit sagen? Ist er einfach liebevoll oder hat er etwas zu verbergen? Will er sich entschuldigen? Sie ist unsicher, ein Funke des Zweifels glüht, ein Horizont von Möglichkeiten tut sich auf, eine Vielzahl möglicher Botschaften.
Mit Shannons Informationstheorie kommt die Stochastik – die mathematische Modellierung von zufälligen Vorgängen – ins Spiel. Ob Wirtschaft oder Politik, Medizin oder Religion, für alles gibt es nun Auswahlräume. Seit Shannon, sagt Baecker, „sind wir alle Stochastiker“. Nicht unbedingt gern, denn woher sollen wir wissen, ob eine Information – ein Foto zum Beispiel – wahr ist oder fake? Wir sind irritiert.
Was verbirgt die Sprache?
Irritierend sei für sie auch eine neue Semantik, sagt die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz, vor allem seit dem 7. Oktober 2023. War Israels Angriff auf Gaza Selbstverteidigung oder Genozid an den Palästinenser:innen? So hätte man eventuell früher gestritten, man hätte sich Antisemitismus einerseits, Islamophobie andererseits vorgeworfen. Nun aber verwenden beide Seiten das gleiche Vokabular – für gegensätzliche Positionen. Das macht den Ursprung des Konflikts unsichtbar. Mit Ausnahme von Donald Trump, so Illouz, habe sich die Gesellschaft auf eine einzige moralisch akzeptable Sprache, den Menschenrechte-Diskurs, geeinigt. Und weil er so übermoralisiert sein, wirke er hohl und unehrlich. Darin, so Illouz, liege eine echte Gefahr. Sprache und Handeln driften auseinander – während etwa an Sprache und Bildwelt von Nationalsozialisten vs. Alliierten die Differenzen noch deutlich erkennbar waren. Es gehe mithin darum, das zu zeigen, was die Sprache verbirgt. „Wir verwenden alle die gleiche Sprache, aber über die Fakten sind wir uneins. Wir haben einen hypermoralisierten Diskurs, den Hass aber verschweigen wir.“
Überwintern
„Vibe shifts“ nennt das der Philosoph Armen Avanessian, plötzliche Veränderungen im digitalen Rauschen. In den 1990er Jahren habe man noch geglaubt, eine weltweite Demokratisierung sei alternativlos. Doch alles, was an sozialem Wohlfahrts- und Rechtsstaat unantastbar schien, ist seit 2016 Vergangenheit. Es gibt kein Zurück, betont Avanessian. Europa ist zum Vasall der USA geworden und rutscht aus dem Zentrum in die Peripherie, seit Donald Trump „die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr“ gebracht habe und „Anarchie im Namen der Ordnung“ erzeuge. Ein evolutionärer Kipp-Punkt stehe im Raum.
„Überwintern“ nennt Avanassian seine Strategie für die Jahre 2025–2050. Wäre angesichts des Klimawandels nicht „übersommern“ der korrektere Begriff? Sei's drum. Avanessian will die gegenwärtige Lage jedenfalls nicht resignativ hinnehmen, sondern aus der Zukunft heraus denken, eine „evolutionäre Nische“ finden, in der wir uns eine Pause gönnen und uns „umprogrammieren“ können.
So ein Rückzug in Nischen sei politisch hochproblematisch, wird ihm im Gespräch mit dem Publikum vorgehalten. Wäre kämpfen (oder fliehen) nicht die bessere Wahl? Nein, sagt Avanessian und gesteht gleichzeitig: „Die nächsten 30 Jahre werden ruppig.“ Der Homo sapiens müsse sich evolutionär mit anderen Intelligenzen, mit brauchbaren Algorithmen verbinden. Sollen wir uns also Chips implantieren lassen, wie das Avanessians evolutionärer Philosophie entspräche? Eine schlechte Idee, denn einerseits stehen die Tech Bros – von Peter Thiel bis Mark Zuckerberg oder meinetwegen Elon Musik längst bereit und machen keinen Hehl aus ihren Überwachungsabsichten und ihrer Demokratiefeindlichkeit. Und andererseits kann die KI gewiss viel, aber eins ist sie nicht: intelligent.