Eine Tafelrunde am Abgrund
Grelles Musiktheater-Spektakel mit ambivalentem Nachklang
Silvia Thurner ·
Aug 2026 · Musik
Die Uraufführung des Musiktheaters „Yum!“ der österreichisch-chinesischen Komponistin und Medienkünstlerin Wen Liu im Rahmen der Bregenzer Festspiele wurde mit Spannung erwartet. Angekündigt war ein immersives und innovatives Musiktheater, das virtuelle, digitale und reale Wahrnehmungsebenen miteinander verbindet und zueinander in Beziehung setzt. Bewusst überzeichnete Wen Liu das Geschehen vor dystopischem Hintergrund. So entwickelte sich auf der Werkstattbühne eine grell-satirische Show mit Ritualcharakter, in der alle Protagonist:innen zugleich als Archetypen des modernen Lebens verstanden werden konnten. Theatralisch und im Hinblick auf die Inszenierung mit seiner Camp- und Pop-Art-Ästhetik bot das etwa einstündige Werk gute Unterhaltung mit Tiefgang. In musikalischer Hinsicht wirkte „Yum!“ jedoch weniger überzeugend. Zwar begeisterten die hervorragenden Sängerinnen und Sänger, doch die Überlagerung vielfältiger musikalischer Stilmittel und Genres nivellierten sich gegenseitig.
Wen Liu arbeitete drei Jahre an ihrem innovativen Musiktheaterprojekt „Yum!“, das 2025 mit dem Fedora-Preis ausgezeichnet wurde. Lilli Paasikivi holte die Produktion des Wiener Studio M.A.R.S. zu den diesjährigen Bregenzer Festspielen. Darin kombinierte die Komponistin digitale Stilmittel, Augmented Reality und Virtual Reality (XR- und 3D-Design-Umsetzung: Govar GmbH München) sowie künstliche Intelligenz mit realen, verstärkten und synthetischen Sounds.
Die Umsetzung entstand in enger Zusammenarbeit mit der Digitalkünstlerin Flavia Mazzanti. Die Regisseurin Carmen C. Kruse brachte das Werk aussagekräftig auf die Bühne. Extravagante Outfits (Lisa Horvath) der Protagonist:innen rundeten die Bühnenshow ab. Bewusst spielten alle Beteiligten mit hochgradigen Übersteigerungen.
Zwischen Illusion und Selbstinszenierung
Die Handlung ist rasch erzählt: Madame D lädt „Very Important Persons“ an eine exquisite Dinnertafel, in der die extravagantesten Speisen nicht mit Appetit oder gar aus Hunger, sondern als Erinnerung an bessere Zeiten gereicht werden. In der dystopischen Gegenwart ist die Umwelt bereits zerstört und natürliche Lebensmittel sind nicht mehr vorhanden. Auf den Tellern wird eine künstliche Geleemasse serviert. Mithilfe einer App können die Gäste die Gelee-Häppchen als Kaviar, Hummer oder andere kulinarische Spezialitäten imaginieren. Die geladenen Gäste wurden vom Butler (Nurettin Kalfa) umsorgt und von vier Dienern mit Smiley-Masken bedient.
Besonders die beiden Hauptrollen, die Popsängerin Nyra (Emmi Kauppinen) und der Influencers Luka (Adrian Autard), unterstrichen den satirischen Hintergrund und Unterhaltungswert des Stückes. Auch Mr. Kuckl (Henry Neill) war zum Dinner der Madame D geladen. Er nutzte die Party für seine politischen Agitationen. Ein Schelm, wer beim Namen Kuckl keine Assoziationen hat.
Ständig präsent setzte sich der Influencer Luka in Szene. Mit seinem Outfit und seiner hellen Tenorstimme spielte er seine Rolle voll aus. Die Gesangspartie gestaltete er, ausgehend von einer maßlos übersteigerten Selbstinszenierung, bis hin zu penetrant sich wiederholenden Motivsequenzen. Die Sopranistin Emmi Kauppinen changierte zwischen glasklarem Sopran und Popgesang. Die Art, wie sie zu Beginn die Stimmverläufe brach, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich und verlieh der Szene eine amüsante Note. Im Laufe des Geschehens änderte sich ihr Timbre, sodass ernsthaftere Inhalte immer mehr zum Tragen kamen. Eine bedeutende Rolle als Mr. Kuckl nahm der exzellente Bariton Henry Neill ein. Sein ausdrucksstark gestalteter Part brachte die aufwiegelnden Redensarten beeindruckend zur Geltung.
Auf sich selbst konzentriert
Im Mittelpunkt stand Johanna Rusanen als Madame D. Bei ihr liefen die Fäden zusammen, und sie führte ihren dramatischen Sopran imposant und deutete ihre Rolle vielschichtig aus. Madame D verlangte Ehrerbietung und hielt als Belohnung dafür eine Virtual-Reality-Brille bereit. Das dünne Eis, auf dem ihre heile Welt aufgebaut war, geriet während des Dinners immer mehr ins Wanken.
Wen Liu hat die melodischen Themen für die Protagonist:innen passend aufeinander abgestimmt. Luka, Nyra, Mr. Kuckl und Madame D erhielten individuelle, jeweils gut miteinander kombinierbare Themen. Dadurch war es möglich, alle Partygäste gleichzeitig und ausschließlich auf sich selbst konzentriert in einem dichten Klanggeschehen miteinander und gegeneinander agieren zu lassen. Madame D, Nyra, Luka und Mr. Kuckl wurden auf diese Weise als Egoman:innen erlebbar und konnten ihre narzisstischen Charakterzüge voll ausspielen.
Die gesamte Performance hatte einen Ritualcharakter. Rasch wurde deutlich, dass das nach außen glänzende Outfit gewaltige, tieferliegende Risse übertünchte. Der nicht erschienene Gast, Mister M, wurde schließlich zum Auslöser für den Zusammenbruch der scheinbar luxuriösen und künstlich intakten Welt. Unbarmherzig konfrontierte Mr. Kuckl die Gastgeberin mit dem Fehlen des zwar eingeladenen, aber nicht erschienenen Gastes. Sie wollte dies nicht wahrhaben und geriet dennoch ins Wanken. Immer klarer kam an die Oberfläche, dass Mister M zum Sinnbild der zerstörten Welt geworden war.
Streichquartett unterstützt und in Konkurrenz
In musikalischer Hinsicht waren die Erwartungen an das Musiktheater „Yum!“ hochgesteckt. Wen Liu hat auf der Bühne ein Streichquartett platziert, das eine wesentliche musikalische Funktion innehatte. Die Streichinstrumente der Musikerinnen von „Studio Dan“ aus Wien (Sophia Goidinger-Koch, Alyona Pynzenyk, Violine; Martina Bischof, Viola; Maiken Beer, Violoncello) waren verstärkt und interagierten sehr exakt mit Zuspielungen. Dabei musste sich die mikrotonal angelegte Musik gegen symphonisch übersteigerte hymnische Nummern, Werbejingles und plakative, filmmusikartige Soundtracks behaupten. Die vielfach von Tremoli und Glissandi geprägten Passagen erklangen präzise, wirkten im Gesamtklang jedoch zu wenig präsent. Dadurch drängten die einfachen Sounds der Werbejingels, Walzer und Hymnen unweigerlich in den Vordergrund der Wahrnehmung. Über weite Strecken entfaltete sich die Musik daher eher plakativ, weil sich die zahlreichen überlagerten musikalischen Inhalte gegenseitig nivellierten.
Gut eingesetzt waren hingegen die im Raum wandernden virtuellen Klänge, die das Publikum umschlossen. Erst am Schluss steigerte sich der musikalische Gehalt etwas. Madame D und ihre Gäste illustrierten mit kantigen Staccati die zerberstende künstliche Welt. Tieftöner erfassten dabei auch den Zuschauerraum in der Werkstattbühne und versetzten ihn in Vibration.
Insgesamt hinterließ „Yum!“ einen zwiespältigen Eindruck. Als visuell und theatralisch überzeichnetes Spektakel überzeugte das Werk mit starken Bildern, hervorragenden Sänger:innen und einer pointierten Grundidee. Musikalisch blieb das Musiktheater jedoch hinter den Erwartungen.
Weitere Vorstellung:
Sa, 22.8., 20 Uhr
Werkstattbühne, Bregenz
www.bregenzerfestspiele.com