Eine Spielzeit ANDERNORTS
Spielplanpräsentation am Vorarlberger Landestheater
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz · Jun 2026 · Theater

Es herrscht eine eigenartige Stimmung im Theatercafé des Vorarlberger Landestheaters. Der Spielplan 2026/27 wird präsentiert – doch nicht von jener Person, die ihn entwickelt, zusammengestellt und ihm seine künstlerische Handschrift verliehen hat. Stattdessen stehen zwei Stellvertreterinnen auf dem Podium: Monika Wagner, Geschäftsführerin der KUGES, und die Dramaturgin Juliane Schotte. Intendantin Stephanie Gräve wurde, wie inzwischen wohl jede und jeder weiß, vor zwei Wochen freigestellt. So liegt über dieser Präsentation von Anfang an ein gewisser Schatten, der sich nicht ganz aus dem Raum vertreiben lässt.

Für das Theater ist die Situation gerade jetzt besonders schwierig: In drei Monaten beginnt der große Umbau – Technik und Bühne werden grundlegend saniert, eine ganze Saison lang wird an anderen Orten – andernorts gespielt. Ein interimistischer Intendant wurde bislang noch nicht bestellt. Doch wer sollte, wer wollte sich in einer derart heiklen Lage diesen Herausforderungen stellen? Schließlich wird in der kommenden Saison nicht nur jede Produktion künstlerisch anspruchsvoll sein, sondern für alle Beteiligten auch organisatorisch eine enorme Aufgabe darstellen. Besonders dem technischen Team wird vieles abverlangt werden. Zwar stehen der Spielplan und auch die Kooperationen mit den Spielstätten, doch manche Details sind noch offen. Gleichzeitig muss neben dem laufenden Spielbetrieb auch der Umbau im Blick behalten werden. Dazu wurde für August eine eigene Pressekonferenz angekündigt. Nur so viel vorab: Geplant wurde der Umbau von Marte.Marte Architekten, die bühnentechnische Planung liegt bei BWKI – Bühnenplanung Walter Kottke Ingenieure GmbH.

Die Handschrift einer Intendanz

Stephanie Gräve hat seit ihrer Bestellung in jedem Jahr ihrer Intendanz mit einem spannenden, vielseitigen Spielplan und dessen herausragender Umsetzung überzeugt. So war es für Juliane Schotte heute bestimmt nicht einfach, hier anstelle von Gräve auf dem Podium zu stehen. Dass das Junge Theater erstmals seit Jahren nicht in die Pressekonferenz eingebunden war, ist schade – zumal die Theaterclubs und auch das Programm für Kinder und Jugendliche vom Umbau ja nicht maßgeblich betroffen sein sollten.

„andernorts“

Als „andernorts“ hatte die freigestellte Intendantin diese besondere Spielzeit betitelt, in der fast jedes Stück an einem anderen Ort, in einem anderen Haus gespielt wird. Sie ahnte damals wohl nicht, dass dieser Titel angesichts der traurigen politischen und personaltechnischen Umstände und Auseinandersetzungen nicht nur ein eindrücklicher und vermutlich unvergesslicher werden würde, sondern auch ein Menetekel auf ihre eigene Zukunft.

Spielzeiteröffnung mit Tom Stoppards „Leopoldstadt“ 

Auf dem Programmzettel 2026/27 steht unter anderem Tom Stoppards Drama „Leopoldstadt“, das auf der Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele in der Regie von Johannes Lepper gezeigt wird – eine große, aufwendige Produktion. Das gesamte Ensemble und zusätzliche Gastschauspieler:innen werden zu erleben sein. Außerdem sucht das Landestheater für dieses Stück Kinderdarsteller:innen im Alter von neun bis 14 Jahren. Ganz bestimmt ein unvergessliches Abenteuer. Anmeldungen sind bis 9. Juni unter sabrina.wieczorek@landestheater.org möglich.
Tom Stoppards Stück erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie über mehrere Generationen hinweg, beginnend 1899 und endend 1955, verortet in einer großbürgerlichen Ringstraßenwohnung in Wien. „Leopoldstadt“ ist Tom Stoppards letztes Stück. Der britische Dramatiker und Oscar-Preisträger starb 2025 im Alter von 88 Jahren.

Mut, Verweigerung und das eigene Gewissen 

Die zweite Premiere der kommenden Spielzeit findet in Feldkirch im Theater am Saumarkt statt. Die Uraufführung von Daniela Eggers Stück „Das Glück im Inneren der Lawine“ wird nicht, wie ursprünglich geplant, von Stephanie Gräve inszeniert, sondern von Michael S. Wilhelmer. Die Geschichte von Delphina Burtscher, 1926 im Großen Walsertal geboren, ist eine Geschichte von Mut und Verweigerung – und davon, dem eigenen Gewissen zu folgen. 

Familienglück, ein Liederabend und gefährliche Liebschaften im Theater Kosmos

In der Vorweihnachtszeit wird das Landestheater ganze Familien beglücken: mit der Uraufführung von Renate Welshs „Das Vamperl“, einer bezaubernden Vampirgeschichte, inszeniert von Michael Schiemer und aufgeführt im Theater Kosmos in Bregenz. Ebenfalls im Theater Kosmos kommt am 30. Dezember der Liederabend „Covered Up and Out of Place“ zur Aufführung.
Auch zu Beginn des neuen Jahres bleibt das Landestheater im Theater Kosmos. Agnes Kitzler inszeniert „Gefährliche Liebschaften“ nach dem Roman von Choderlos de Laclos, in der Dramatisierung von John von Düffel. Die Verfilmung von Stephan Frears mit Glenn Close, John Malkovich und Michelle Pfeiffer feierte 1988 mit sieben Nominierungen und drei Oscars einen riesigen Erfolg.

Kooperationen und offene Programme

Stephanie Gräve hatte für die Umbau-Spielzeit nicht nur geplant, andere Orte zu bespielen, sondern auch spannende Kooperationen zu ermöglichen – etwa mit der Stella Musikhochschule in Feldkirch. Unter der Leitung von Martina Taubenberger entwickeln die Master-Studierenden ein eigenes Klangkonzept. Da das ursprüngliche Projekt „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war – Kleist und der Tod“ an Stephanie Gräve gebunden ist, sucht das Theater nun nach einem neuen Programm. Die Kooperation bleibt jedoch bestehen, ebenso der Aufführungsort: die Kapelle der Musikhochschule.
Mit „Planmäßige Abweichung“ steht im April 2027 ein immersives Theaterprojekt auf dem Spielplan. Unter der Regie von Natascha Grasser wird auch das Publikum Teil der Geschichte. Wo „andernorts“ für dieses Projekt sein wird, ist derzeit noch nicht geklärt.

Saisonabschluss im Süden des Landes 

Zum Saisonabschluss reist das Theater ganz in den Süden des Landes, nach Bludenz. In der Remise im Würbel-Areal kommt „Sturmhöhe“ nach dem Roman von Emily Brontë in der Bearbeitung von Tobias Fend zur Aufführung. Danielle Fend-Strahm inszeniert die Geschichte um Begehren, Verletzlichkeit und eine Liebe, die alle Kategorien sprengt.

Die stille Hoffnung dieser Saison

Ein herausforderndes Theaterjahr steht allen Beteiligten bevor. Dass das Theater mit den verschiedenen Orten auch näher an sein Publikum und vielleicht auch an ein neues Publikum kommt, liegt diesem Konzept zugrunde. Und vielleicht ist gerade das die stille Hoffnung dieser Saison: dass aus dem erzwungenen Ausweichen an andere Orte nicht nur eine logistische Notwendigkeit wird, sondern auch eine neue Form von Nähe.

www.landestheater.org

 

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