Ein zerbrochener Spiegel
Die Bregenzer Festspiele präsentierten ihr Programm 2026
Michael Löbl ·
Nov 2025 · Musik
Große Programmvorstellung am Mittwochvormittag im Festspielhaus. Charmant, witzig und kompetent führte Babette Karner, Pressechefin der Bregenzer Festspiele, die anwesenden Journalist:innen durch vier Wochen Programm 2026 und koordinierte die Beiträge von Festspielpräsident Hans-Peter Metzler, Intendantin Lilli Paasikivi, dem Kaufmännischen Direktor Michael Diem und dem per Video zugeschalteten Regisseur der Seebühnenproduktion, Damiano Michieletto.
Das Programm der Bregenzer Festspiele für den kommenden Sommer ist das erste, das Lilli Paasikivi als Intendantin alleine gestaltet hat. Der „Freischütz“ im letzten Jahr war ja noch ein Erbstück ihrer Vorgängerin Elisabeth Sobotka, mit dem sehr vernünftigen Hintergedanken, eine neue Intendantin nicht gleich im ersten Jahr in das kalte Wasser einer neuen Seebühnenproduktion zu werfen.
Burgtheater reanimiert
Das Angebot ist wie gewohnt vielfältig und breit gestreut. Und es wird auch immer komplizierter. Selbst Lilli Paasikivis Erklärungen zu den verschiedenen Werkstattbühnenprojekten ließen einige Fragen offen. Aber die sehr schön gestaltete 120-seitige Broschüre gibt genaue Auskünfte über alle Programmpunkte wie Werkstattbühne, Konzerte, Sprechtheater oder Jugendprogramm der Festspiele 2026.
Totgesagte leben länger – das Gastspiel des Wiener Burgtheaters, aus finanziellen Gründen bereits abgesagt – wird dank einer Sondersubvention aus Wien nun doch stattfinden. Auf dem Programm steht die Komödie „Der eingebildete Kranke“ von Molière in einer Inszenierung von Stefan Bachmann, dem Direktor des Hauses. Sie war bereits in Köln und Wien zu sehen und kam bei Presse und Publikum sehr gut an. Der Regisseur hat fast alle Figuren konträr zu ihrem Geschlecht besetzt, Frauen spielen Männer und umgekehrt. Auch sonst scheint Bachmanns Version ausgesprochen witzig, bissig und unterhaltsam zu sein.
Im Zentrum der Bregenzer Festspiele steht seit jeher das Musiktheater und das wird auch so bleiben. Darum ist es legitim, sich auf die drei großen Produktionen dieser Sparte zu konzentrieren, die Fülle des Gesamtangebotes ist aber wie immer beeindruckend und verdient selbstverständlich ebensoviel Aufmerksamkeit.
Überfällig: „La Traviata“
Auf dem See – wie schon seit langem bekannt – nun also Giuseppe Verdis „La Traviata“, und das zum ersten Mal in der 80-jährigen Geschichte der Festspiele. Warum es diese Oper, die in allen Beliebtheits- und Aufführungsranglisten unter den Top 5 zu finden ist, noch nie auf die Seebühne geschafft hat? Früher war man der Meinung, dass das Spiel auf dem See ohne eine gewisse Opulenz der Schauplätze nicht funktionieren könne, aber seit „Madame Butterfly“ wissen wir, dass ein ruhiges, zurückgenommenes Bühnengeschehen kein Ausschlusskriterium sein muss. Und dass „La Traviata“ überfällig war, beweist der Kartenverkauf: Die Hälfte aller Tickets ist bereits jetzt gebucht.
Auf jeden Fall eine besondere Aufgabe, die der Regisseur und Seebühnendebütant Damiano Michieletto und sein Bühnenbildner Paolo Fantin lösen müssen. Für Michieletto ist es nicht nur seine erste Inszenierung in Bregenz, sondern auch die erste „Traviata“ seiner Karriere. Zunächst schien es seltsam, dass er bei einem so wichtigen Pressetermin nur per Videoschaltung anwesend war, doch sein Fernbleiben hatte einen triftigen Grund: Endprobenwoche für Richard Wagners „Lohengrin“ in der Opera di Roma. Entschuldigung angenommen. Aus Rom zugeschaltet erläuterte er sehr persönliche Ansichten zur Inszenierung und zum Thema Oper im Allgemeinen. Seine „Traviata“ ist in den „Roaring Twenties“, den wilden 20er Jahren angesiedelt und stellt ein ganz bestimmtes Objekt in den Mittelpunkt: einen zerbrochenen Spiegel. Er repräsentiert den seelischen Zustand der Titelfigur Violetta, ihre Krankheit und ihre Todesahnungen. Mit der langen Liste der bei „Traviata“ tätigen Sänger:innen könnte man sich stundenlang beschäftigen, aber ein erster kurzer Online-Check der Tenöre weckt schon einmal große Vorfreude: Ein Franzose, ein Chinese und ein Argentinier teilen sich die Paraderolle des Alfredo. Wer von den dreien wohl die Premiere singen wird?
Zwei Dirigenten werden „La Traviata“ leiten: Die Premiere übernimmt der Ukrainer Kirill Karabits, der bis 2024 bemerkenswerte 15 Jahre lang als Chefdirigent des Bournemouth Symphony Orchestra tätig war. Auf der Liste des gesamten musikalischen Verdi-Personals gibt es einen einzigen Italiener, nämlich den zweiten Dirigenten Pietro Rizzo. In Rom geboren und ausgebildet – wie könnte es anders sein – in Helsinki, rettet er somit die Ehre der berühmten italienischen Operntradition. Wo sind die neuen aufstrebenden italienischen Sänger:innen? Wo verstecken sich die jungen Talente wie einst Mirella Freni oder Giuseppe di Stefano?
Abenteuer im Kopf
Im Haus geht die Reise nach Tschechien, genauer gesagt in eine Prager Kneipe, wo der Hausbesitzer Herr Brouček jeden Abend die schlechte Zahlungsmoral seiner Mieter beklagt und seinen Kummer darüber mit reichlich Alkohol zu vertreiben versucht. Im Suff erlebt er dann aber phantastische Abenteuer auf dem Mond oder im Prag des 15. Jahrhunderts. Die Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Leoš Janáček ist zwar eine Rarität, aber derzeit scheinbar in Mode: Alleine 2025 gab es Neuinszenierungen sowohl an der Berliner Staatsoper (Dirigent: Simon Rattle, Regie: Robert Carsen, Intendantin: Elisabeth Sobotka) als auch erst vor wenigen Tagen am Tiroler Landestheater. Sollte eine Sängerin oder ein Sänger erkranken, empfiehlt sich unbedingt ein Anruf in Berlin. Dort wird – wie in Bregenz – tschechisch gesungen, in Innsbruck hat man die deutsche Fassung gewählt. Aber es ist auch irgendwie witzig, dass sich zwei Bregenzer Festspielintendantinnen fast zeitgleich für dieselbe Opernrarität entschieden haben.
Janáček im Festspielhaus gab es schon einmal, 2003 stand „Das Schlaue Füchslein“ auf dem Programm der Festspiele. „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ wird drei Mal zu sehen sein, was die Kollegin Anna Mika zu der Frage inspirierte, wie es denn mit Koproduktionspartner:innen aussehe. Mit ihrer Hilfe könnte man – wie es früher eigentlich üblich war – den finanziell doch sehr großen Aufwand einer derartigen Festspielproduktion auf mehrere Schultern verteilen. Die Berliner Inszenierung beispielsweise ist eine Koproduktion mit dem Nationaltheater Brünn und dem Teatro Real Madrid.
Runder Geburtstag
Die dritte Musiktheaterproduktion ist das Opernstudio im Theater am Kornmarkt, Gaetano Donizettis beliebter „Liebestrank“ wird dort mit einem jungen Ensemble auf die Bühne gebracht. Allerdings spielt die Oper nicht im Italien des frühen 19. Jahrhunderts, sondern an einer Highschool in den USA, wohin die Regisseurin Anna Kelo die Handlung verlegt hat und dadurch „Donizettis Werk in ein zeitgemäßes Licht rückt“ (Originalzitat: Bregenzer Festspiele). Das kann klappen, muss aber nicht. Weder Komponist noch Librettist können dazu etwas sagen und das ist vermutlich gut so. In den letzten Jahren musste gerade diese Oper einiges erdulden. Auf verschiedenen europäischen Bühnen sang Nemorino seine berühmte Arie „Una furtiva lagrima“ schon inmitten eines Badestrandes, in einer Lagerhalle, auf einem Jahrmarkt oder in einem Wellnesshotel. Donizettis herrliche Musik jedoch bleibt unangetastet.
Nicht zu vergessen – auch einen runden Geburtstag gibt es zu feiern! Anlässlich ihres 80-jährigen Jubiläums laden die Bregenzer Festspiele am 1. August auf der Seetribüne zum großen „Singalong am See“: Hunderte Stimmen aus der ganzen Bodenseeregion singen gemeinsam die beliebtesten Opernmelodien – begleitet von Chören, Solist:innen und einem Instrumentalensemble. Alle sind eingeladen, mitzusingen! In einer Ausstellung entlang der Seepromenade sind von 13. Juni bis 23. August großformatige Bilder aus acht Jahrzehnten spektakulärer Seebühnenaufführungen zu sehen. Auf spezielle Nachfrage wird versichert: „Singalong“ findet bei jedem Wetter statt. Das kann in jedem Fall heiter werden.