Ein Platz in der österreichischen Kunstgeschichte
In „Belladonna“ hat Gerald Matt die Künstlerinnen der 1960er und 1970er Jahre porträtiert.
Sieglinde Wöhrer ·
Dez 2025 · Literatur
„Die Frauen hatten es überall schwer“, sagte Maria Lassnig im Gespräch mit Andrea Schurian und Gerald Matt. „Ich werde auch nach dem Tod noch lange nicht so gewürdigt sein, wie ich es sollte. Das klingt hochmütig. Aber es ist so. Dass man meine Kunst nicht in dem Maße würdigt, wie ich es verdiene.“ Maria Lassnig war eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart und Pionierin der weiblichen Emanzipation in einer männlich geprägten Kunstwelt.
Und wie Lassnig hatten es auch alle anderen Künstlerinnen ihrer Zeit besonders schwer, sich in einer Kunstszene durchzusetzen, in der nur Männer berühmt sind und in der die strukturelle Diskriminierung schon an der Kunstakademie beginnt und sich in Künstlervereinigungen und -institutionen fortführt. „Wenn das endlich aufgearbeitet wird, ist das auf jeden Fall gut, wichtig und an der Zeit“, sagt Renate Bertlmann.
Mit seinem Interviewbuch „Belladonna“ hat Gerald Matt nun einige der herausragendsten Künstlerinnen der Gegenwart porträtiert und gleichzeitig die männlich orientierte und männerdominierte Kunstgeschichtsschreibung der österreichischen Avantgarde ergänzt. Es handelt sich dabei um Künstlerinnen, die während der 1960er und 1970er Jahre mit großem Talent und ihrer Entschlossenheit auch die Gesellschaft und Zeitgeschichte jener Jahre geprägt haben. Darunter finden sich Renate Bertlmann, Lieselott Beschorner, Eva Choung-Fux, Linda Christanell, Magda Csutak, Inge Dick, Valie Export, Gerda Fassel, Christa Hauer-Fruhmann, Heidi Harsieber, Isolde Maria Joham, Martha Jungwirth, Birgit Jürgenssen, Angelika Kaufmann, Kiki Kogelnik, Elena Koneff, Renate Krätschmer, Friedl Kubelka, Maria Lassnig, Karin Mack, Marianne Maderna, Florentina Pakosta, Christiana Perschon, Helga Philipp, Margot Pilz, Ingrid Reder, Meina Schellander, Elfie Semotan, Linde Waber, Heliane Wiesauer-Reiterer und Gerlinde Wurth.
Sichtbarkeit in der Kunstszene
In den offen gehaltenen und hochinteressanten Interviews blicken die Künstlerinnen auf die Zeit ihrer ersten Ausstellungen und Performances zurück, reden über befreundete Künstler:innen und wesentliche Erlebnisse und Erfahrungen, die ihr Schaffen grundlegend beeinflusst und auch verändert haben. Die meisten von ihnen lebten und studierten in Wien, manche sind bereits in jungen Jahren weit gereist und haben sich an der internationalen Kunstszene orientiert. „Es war die ‚Wotruba-Zeit‘ mit ziemlich vielen Festen, Saufen, Diskutieren, Raufen und Begeistertsein und den Kämpfen zwischen den Konservativen und den Abstrakten. Für mich war das gar nicht so einfach, ich habe zwischen zwei Welten gelebt“, erinnert sich Christa Hauer-Fruhmann.
Thematisch orientieren sich die Fragensteller:innen sehr stark an den Biografien. Im Fokus stehen die jeweiligen Arbeiten (auch in Bezug auf ihren politischen und vor allem feministischen Anspruch), aber auch nach der Rolle von Künstlerinnen in der Kunstszene der damaligen 1960er und 1970er Jahren wird immer wieder gefragt. Karin Mack spricht dabei über die „Aufarbeitung der eigenen Situation, denn als Hausfrau und Köchin vereinnahmt zu werden, ging mir gegen den Strich. Die Gesellschaft war patriarchalisch organisiert, Männer waren im Allgemeinen nicht die geeigneten Gesprächspartner.“ Florentina Pakosta sagt über ihre Arbeiten: „Ich wollte in meinen Männer-Porträts wissen: ,Warum?‘ Warum blieb mir als Frau vieles verwehrt? Wer sind diese Leute, wer sind diese Männer in Machtpositionen, und wie schauen sie aus in ihren Rollen, die sie verkörpern? Das wollte ich in meiner Kunst ergründen.“
Viele Künstlerinnen haben unbewusst feministische Themen aufgegriffen und sich mit dem Verhältnis der Geschlechter und dem weiblichen Körper beschäftigt, ohne sich als feministische Künstlerinnen zu definieren. Einigen ist auch die geringe Wahrnehmung in der Kunstszene im Gedächtnis geblieben: „Wenn man beispielsweise Valie Export – die mich sehr beeindruckt hat – im Umkreis anderer Künstler gesehen hat, wurde sie nicht sonderlich beachtet. Natürlich gab es auch andere Frauen wie Margot Pilz, Renate Bertlmann oder Birgit Jürgenssen, die fotografiert haben. Ihre Arbeiten wurden aber nicht großartig ausgestellt. Wir sind eher als hübsche Frauen gesehen worden. Man hat sich als Frau damals gedacht: Na gut, dann mach ich meine Sache halt für mich“, erzählt Friedl Kubelka.
Margot Pilz erinnert sich an ihre Schwierigkeiten mit einem Mann, der sie in ihrer Kunst nicht immer unterstützt hat: „Das ist so eine Sache – die Ehe wunderbar, wir bekommen ein Kind, und überall, wo wir hingehen, ist er der Wichtigste. Er war der Wichtigste, und ich hatte das Kind. So war das. Jahre später in der IntAkt haben viele Künstlerinnen langsam gelernt, dass das auch anders sein kann.“ Und auch Gerlinde Wurth berichtet: „Als Frau war man gar nichts, in den 1950er Jahren nichts, in den 60er Jahren nichts und in den 1970er Jahren wurde es ein bisschen besser.“
Kaum eine der Künstlerinnen hat sich damals für die bekannte Aktion 1968 an der Wiener Universität interessiert. Sie fokussierten sich lieber auf figurative, informelle und mediale Kunst und die meisten hatten auch einfach keine Zeit. Sie waren mit ihrem eigenen künstlerischen Alltag beschäftigt, der ohnehin schon von prekären Lebensumständen, Brotberufen, Kinderbetreuung und Hausarbeit vorbelastet war. Wie die Interviews zeigen, wollten manche Frauen damals nicht von Galerien vertreten werden, um ihre künstlerische Freiheit zu bewahren und nicht wenige haben sich Medien wie Performance, Fotografie, Film, Textil oder Keramik gewidmet – Medien, die von Männern selten verwendet wurden.
Damalige Verhältnisse
In „Belladonna“ erlauben die Künstlerinnen einen sehr persönlichen Einblick in ihre Lebenswege und in ihre intrinsische Überzeugung für das künstlerische Schaffen. Sie beschreiben oft anekdotenhaft und mit viel Selbstironie die Umstände und Zustände der damaligen Zeit. Aus einer heutigen Perspektive erscheint es absurd, wie sich Künstlerinnen oft für ihr Künstlerdasein rechtfertigen mussten. So erzählt Birgit Jürgenssen etwa von Arnulf Rainers Bemerkung, dass Frauen nicht malen können. Die Vorführungen des Tapp- und Tastkinos von Valie Export „waren eine Provokation, weil eine Frau selbstständig in der Öffentlichkeit agiert.“ Der Preis, den Lieselott Beschorner an der Akademie gewonnen hatte, ging an ihren Mann mit der Begründung: „Ihr seid verheiratet.“
Gemeinsam mit Berthold Ecker, Synne Genzmer, Maria Christine Holter, Hartwig Knack und Gerda Ridler hat Matt die Gespräche durchgeführt und aufgezeichnet. Bei manchen schon verstorbenen Künstlerinnen wurde auf bereits vorhandene Texte und Gespräche zurückgegriffen. Die Interviews und Porträts der Künstlerinnen wurden in einer zweisprachigen Fassung (deutsch/englisch) und mit Abbildungen von Künstlerinnen sowie ihren Werken gestaltet.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez.25/Jan.26 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Gerald Matt (Hg.): Belladonna. Österreichs Künstlerinnen 1960 bis 1980, Czernin Verlag, Wien, 440 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-7076-0872-4, € 39,95