Ein gelungener Auftakt
Schlusskonzert des Internationalen Wettbewerbes für junge Dirigenten in Liechtenstein.
Michael Löbl ·
Jul 2026 · Musik
Der erste Internationale Dirigierwettbewerb in Liechtenstein ist am Montagabend im Vaduzer Saal erfolgreich zu Ende gegangen. In einem spannenden Finale präsentierten die drei Finalist:innen insgesamt sechs Werke, die sie gemeinsam mit dem Sinfonieorchester Liechtenstein in nur zwei Probetagen erarbeitet hatten. Nach dem musikalischen Teil beriet sich die Jury, parallel dazu wurden die zuvor eingesammelten Stimmen des Publikumsvotings ausgezählt. Und dann wurde auch schon das Ergebnis bekanntgegeben: Der Gewinner des Wettbewerbs ist der 27 Jahre alte italienische Dirigent Filippo Barsali. Ebenfalls aus Italien stammt die Gewinnerin des Publikumspreises, Anna Bottani. Der dritte Finalist, der hochbegabte Brite Matthew Lloyd-Wilson, ging leider leer aus.
Zunächst einmal zurück zur Geschichte dieses Wettbewerbs. Die Grundidee stammt von Dražen Domjanić, dem Vorsitzenden der KULMAG Kulturmanagement AG, und ist schon mehrere Jahre alt. Vom ausgereiften Konzept bis zur Durchführung brauchte es aber eine gewisse Zeit. 173 junge Dirigentinnen und Dirigenten aus 30 Ländern haben sich beworben, alle mussten zwei Videoaufnahmen schicken, aufgrund derer durch eine Vorjury mit Dawid Runtz, dem Chefdirigenten des Sinfonieorchesters Liechtenstein, neun Finalist:innen ausgewählt wurden.
Vernetzung statt Konkurrenzdruck
Der Grundgedanke dieses Wettbewerbs stellt weniger den Konkurrenzgedanken in den Mittelpunkt, vielmehr geht es um Kollegialität, Netzwerkbildung und gegenseitige Unterstützung. So hat man am 6. Mai alle Teilnehmenden zu einem „Welcome Day“ eingeladen, wo Fragen zum Ablauf, zum Notenmaterial oder zur Jury bereits im Vorfeld geklärt werden konnten. Abschließend gab es ein Abendessen mit den Projektpartnern Hilti Foundation und Gemeinde Vaduz in einem Berggasthof auf 1.200 Meter Seehöhe. Eine derart stressfreie Einstimmung auf einen Wettbewerb sorgte für positive Überraschung, da so etwas ausgesprochen unüblich ist.
Diese „konkurrenzreduzierte“ Philosophie scheint aufgegangen zu sein, denn die Mehrzahl der bereits ausgeschiedenen Kandidat:innen - unter ihnen die bekannte junge englische Geigerin, Pianistin und Komponistin Alma Deutscher - blieb bis zum Finale in Liechtenstein, um die Kolleg:innen zu unterstützen. Die Harmonie der Teilnehmenden untereinander war deutlich spürbar und alle freuten sich mit den Preisträger:innen über ihren Erfolg.
Solisten und Konzertmeister als Juroren
Auch bei der Zusammensetzung der Jury beschritten die Verantwortlichen neue Wege. Auf Agenten, Sponsoren oder Musikmanager wurde bewusst verzichtet, aktive Musiker wie Konzertmeister und Solisten probten mit den Kandidat:innen und standen oder saßen mit ihnen gemeinsam auf der Bühne. Sie waren also gleichzeitig Kollegen und Juroren und beurteilten sie nicht nur aus der Situation eines Zuschauers, sondern als aktive Musiker, die in den musikalischen Prozess persönlich eingebunden sind. Diese fünf „aktiven“ Juroren waren prominent besetzt: Anton Barakhovsky, Konzertmeister im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Anton Sorokow, ehemaliger Konzertmeister der Wiener Symphoniker sowie die Solisten István Várdai (Cello), Illia Ovcharenko (Klavier) und Kevin Zhu (Violine). Dazu kamen die Dirigent:innen Anu Tali und Uroš Lajovic. Konzertmeister und Solisten erlebten die drei Finalist:innen daher in einer Arbeitssituation. Wie kommunizieren die Kandidat:innen mit dem Orchester? Haben sie ein musikalisches Konzept? Wie sieht es aus mit der Zeiteinteilung bei den Proben? Wie begleiten sie die Solisten, wie gehen sie auf die unterschiedlichen musikalischen Vorstellungen ein? Wie wird das Orchester ausbalanciert in Bezug auf Lautstärke und Dynamik? Diese Aspekte von der Bühne aus beurteilen zu lassen, ist eine glänzende Idee und unterscheidet diesen von vielen anderen Dirigierwettbewerben.
Für die neun von der Vorjury ausgewählten Kandidat:innen gab es in der ersten Runde gleich eine große Hürde: Partiturspiel am Klavier, teilweise vom Blatt. Die Überlebenden durften dann mit dem Franz-Liszt-Kammerorchester aus Budapest an Werken von Bartók, Mozart und Haydn arbeiten. In der dritten Runde kam dann das Sinfonieorchester Liechtenstein ins Spiel. Die verbliebenen drei Kandidat:innen mussten je einen Solisten begleiten, ein vorgegebenes Orchesterwerk einstudieren und im Schlusskonzert beides dem Publikum präsentieren.
Wer hat das große Los gezogen?
Die jeweilige Werkauswahl wurde per Los entschieden. Hier hatte der erste Finalist, Matthew Lloyd-Wilson aus Grossbritannien, leider ein wenig Pech. Ludwig van Beethovens Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ ist vor allem laut und bietet nur eingeschränkte Möglichkeiten der Gestaltung. Hätte man musikalisch mehr herausholen können? In der zur Verfügung stehenden beschränkten Probenzeit vermutlich nicht. Auch in Franz Liszts „Fantasie über ungarische Volksmelodien“ ist der Einfluss des Dirigenten auf die musikalische Aussage endenwollend. Minutenlang mussten Dirigent und Orchester tatenlos Liszts nervtötendes Geklingel im oberen Bereich der Klaviertastatur über sich ergehen lassen. Einen hervorragenden Eindruck hinterließ allerdings der ukrainische Pianist und Juror Illia Ovcharenko. Ihn würde man gerne möglichst bald mit einem großen Klavierkonzert oder einem Solorecital wiederhören. Aber eigentlich geht es ja in erster Linie um den Dirigenten. Matthew Lloyd-Wilson, ist ein „Naturally Born Conductor“. Bei ihm beeindrucken Körpersprache, die ausgefeilte, ungemein präzise aber doch geschmeidige Schlagtechnik sowie seine natürliche Autorität.
Drei Mal die Landeshymne
Bei den zur Auswahl stehenden Orchesterwerken hat man sich etwas Originelles überlegt. Alle drei Stücke von Beethoven, Weber und Joachim Raff verarbeiten die Liechtensteiner Landeshymne, die ja bekanntlich nichts anderes ist als „God Save The King“ aus England mit verändertem Text. Diese lustige Idee kam beim Publikum bestens an.
Insgesamt hatte Filippo Barsali aus Italien gegenüber seinem Vorgänger mehr Losglück. Das g-Moll-Rondo für Violoncello von Antonín Dvořák ist ein wunderbares Stück und aus der Jubel-Ouvertüre op. 103 von Joachim Raff (nicht zu verwechseln mit C.M. von Webers gleichnamiger Ouvertüre op. 59, die ebenfalls auf dem Programm stand) war musikalisch und klanglich einiges herauszuholen. Auch Filippo Barsali verfügt über eine ausgefeilte Schlagtechnik und über die Fähigkeit, mit seinen Händen Klänge zu formen. Er war ein sensibler Partner des Cellisten István Várdai, hätte das Orchester allerdings manchmal etwas zurücknehmen müssen. Die Ouvertüre des Brahms-Zeitgenossen Raff ist vielleicht kein Meisterwerk, aber sie ist ausgezeichnet instrumentiert und gibt dem Dirigenten zahlreiche Möglichkeiten, Orchesterfarben zu malen, Streicher und Bläser auszubalancieren und einen süffigen Romantik-Sound zu erzielen. Genau das hat Filippo Barsali erkannt und umgesetzt. Der Preis in Höhe von 30.000 Franken ging daher vollkommen zu Recht an den jungen italienischen Dirigenten.
Auch Anna Bottani kommt aus Italien. Sie beeindruckte vor allem in der Probe, als sie in perfektem Deutsch mit klaren Anweisungen in kürzester Zeit Carl Maria von Webers orchestertechnisch gar nicht einfache Jubel-Ouvertüre in eine fast schon konzertreife Fassung verwandelte. Mit klarem, präzisem Schlag und einer genau definierten Vorstellung hatte sie das Orchester im Griff und leitete im Konzert eine brillante Wiedergabe des mit Abstand besten Orchesterwerkes im Programm. Auch die heikle Begleitung der Carmen-Fantasie von Franz Waxman mit dem Geiger Kevin Zhu gelang ihr ausgezeichnet. Obwohl sie vielleicht nicht ganz über die Bühnenpräsenz ihrer beiden Kollegen verfügt, verliehen ihr die Zuschauer:innen den Publikumspreis. Der ist zwar auch schön, allerdings gibt es dafür keinen Rappen Preisgeld.
Dem Orchester eine Stimme geben
Sollte es eine zweite Auflage dieses Wettbewerbs geben, müsste man unbedingt dem Orchester eine Stimme geben, in welcher Form auch immer. Immerhin arbeiten die Orchestermusiker:innen zwei Tage lang mit den Kandidat:innen und wissen vielleicht sogar am besten, was Sache ist. Wenn das musikalisch zum Großteil ungebildete Publikum seine Meinung kundtun darf, sollte man das den Profis aus dem Orchester auch zubilligen. Und ob das Prinzip „The winner takes it all“ nicht doch zu brutal ist? Nachdem man sich unter 173 Bewerber:innen bis ins Finale durchgekämpft hat und dann – wie Matthew Lloyd-Wilson – mit absolut nichts nach Hause fährt, ist das schon bitter.
Auch ohne Stimmrecht gebührt dem Sinfonieorchester Liechtenstein, übrigens mit großem Anteil an Musiker:innen aus Vorarlberg, ein Sonderlob. Es bot eine höchst professionelle Leistung und war sichtlich mit Herzblut dabei. Jede:r der drei Finalist:innen konnte seine Vorstellungen umsetzen und alle drei wurden vom Orchester bestmöglich unterstützt. Bravo!