Ein echter Piola!
Rechtzeitig zur Fußball-WM 2026 präsentiert Christian Futscher seine Aufzeichnungen eines Fußballnarren.
Ingrid Bertel · Jun 2026 · Literatur

Man kann ein Spiel auch mit einem Rückpass eröffnen. Versuchen wir’s: Christian Futscher ist kein Schwafler, so viel ist sicher. Er schreibt seine Bücher Satz für Satz. Manchmal ist so ein Satz präzise Beobachtung, dann wieder reine Blödelei, manchmal Provokation, oft ein Geistesblitz und immer Ausdruck einer Haltung. Schließlich geht es um Fußball, und Christian Futscher weiß, worauf es da ankommt: „überraschende Spielverlagerungen, Spielzüge, Spielfreude, Spielwitz …“

Als Autor verfügt er über all diese Qualitäten. Den meisten Sportreportern gehen sie ja ab. Und bei Fußballern ist es meist auch nicht so weit her mit überraschenden Spielzügen oder Spielwitz. Das wird ihnen nämlich systematisch wegtrainiert. Niemand wird mehr bevormundet, herumkommandiert, betreut, betüttelt und geschliffen als gerade die Fußballer. Denen wird noch das Trikot herausgelegt, man teilt sie zum Training genauso ein wie zur Jause (was Toni Polster laut genug beklagte) und schreibt ihnen jeden Schritt auf dem Spielfeld vor. Trotzdem gibt es sie, die magischen Momente in einem Spiel, in denen eine plötzliche Eingebung eines Spielers alles dreht und durcheinanderwirbelt.

Heiligsprechung

So mancher Fußballer pflegt sich zu bekreuzigen, bevor er den heiligen Rasen betritt, und nicht nur in „Sankt Hanappi“. Fußball hat eben einiges mit Religion zu tun. Begnadete Spieler und Fußballgötter gibt es zuhauf, you name them. Futscher geht der Sache aber auf den Grund: Warum sprach Jesus zu den Aposteln, sie sollten nicht mehr „paternosteln“? Weil Stiegen steigen den besseren Trainingseffekt hat? Weshalb dann wurden sie auf 11 dezimiert? Gehört „Ballthasar“ zu den heiligen drei Königen? Oder ist die Bibel doch frei von Fußball?
Fußballnarr Futscher, von Fans liebevoll Futschinho genannt, muss diese traurige Tatsache hinnehmen. Immerhin merkt er trotzig an, dass Fußball wenigstens adelt. Selber hat er ja mit Martin Prinz gespielt, ist Andi Herzog begegnet und hat als Kind Kaiser Franz bewundert. Trotzdem findet er, dass es nicht angeht, wenn Thomas König von „König Fußball“ redet. Am Ende schreit so einer noch Sätze wie „der Ball zappelt im Netz“. Als ob ein Ball zappeln könnte.
Den seit gefühlt Jahrzehnten standardisierten Sprachschablonen der Fußballreporter begegnet Futscher mit der geballten Kraft des Kalauers und einer ausgewiesenen literarischen Bildung. Er zitiert Georg Paulmichls wunderbare Einsicht: „Vom Fußball bekommt man einen elementaren Geist.“ Und er findet diesen Geist zum Beispiel bei Péter Esterházy, wundert sich aber über eins: „Warum haben Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Homer nie über Fußball geschrieben?“

„Immer wieder, immer wieder, immer wieder diese Welt …“

„,Ich will die Menschen aus dem Zustand des Elends in den der Glückseligkeit erheben“, sagte der Dichter, Dante zitierend, worauf der Fußballer meinte: „Die Bälle immer schön flach halten.‘“
Die süffige Dante-Sequenz variiert Futscher ein paar Mal, so wie andere Spielzüge auch, denn: „Wer sich wiederholt, hat mehr vom Spiel.“ Für Fußballer, die gemeinhin als literarisch ungebildet verschrien sind, merkt er auch noch an, man dürfe Dante Alighieri keinesfalls mit Dante Bonfim Costa Santos verwechseln. Traut er es dem Kicker nicht zu, die Menschen in den Zustand der Glückseligkeit zu erheben? Dann vielleicht Éric (Ooh! Aah!) Cantona? Der konnte neben sattsam bekannten Ausrastern auch bemerkenswerte Einsichten äußern: „Mit Rassisten diskutieren, das ist, wie mit einer Taube Schach spielen. Egal wie gut du bist, egal wie du dich anstrengst, am Ende wird die Taube auf's Spielfeld kacken, alles umschmeißen und umherstolzieren, als hätte sie gewonnen.“ Da kann man nur mit Futscher sagen: „In jedem Fußball befindet sich ein Stein der Weisen. Und ein Stein des Anstoßes sowieso.“

WM-Finale

Fußballer sind nicht eben bekannt für ihr hohes Bildungsniveau, und wenn sie zu Fremdwörtern greifen, ist ihnen die allgemeine Heiterkeit sicher. Marko Arnautović („Shampoo an Heinzi Lindner“) kann davon ein Lied singen. Manche Interview-Sätze haben Legendenstatus, etwa: „Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär.“ (Hans Krankl) Aber Christian Futscher reiht sich nicht ein unter die Spötter, überlegt vielmehr, wie Fußballer etwa ein Kreuzworträtsel lösen. Auch witzig. Ansonsten konzentriert er sich auf Spielzüge und hat eine große Hoffnung: „In nicht allzu ferner Zukunft wird das Finale der Fußball-WM lauten: Österreich gegen Deutschland. Die beiden Mannschaften sind überragend, weil in ihren Reihen viele Spieler stehen, die dereinst mit ihren Eltern aus ihren Heimatländern geflohen sind vor Krieg und Elend. Um sich bei Österreich und Deutschland zu bedanken, sorgen sie jetzt dafür, dass die beiden Länder Weltmeister und Vizeweltmeister werden. Danke im Voraus!“
Am besten wäre der WM-Titel natürlich per Fallrückzieher in der 90. Minute, denn: „Ein Fallrückzieher ist oft ein Gustostückerl.“ Futscher, ein erklärter Grün-Weiß-Fan, wird die schönsten Fallrückzieher eher nicht bei CR7 orten. Aber wer hat’s erfunden? Die Fußball-Historie nennt unter anderen Silvio Piola, den erfolgreichsten Torschützen in der Geschichte der Azzurri. Er brachte den Fallrückzieher zu solcher Perfektion, dass Fußballnarren bis heute wissen, was mit einem echten Piola gemeint ist. Und Christian Futschers WM-Beitrag 2026 ist ein echter literarischer Piola.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Christian Futscher: Der Ball zappelt im Netz. Aufzeichnungen eines Fußballnarren. Klever Verlag, Wien 2026, 160 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-99156-030-2, € 20

Lesung:
Christian Futscher: „Der Ball zappelt im Netz. Aufzeichnungen eines Fußballnarren.“ 
Di, 23.6., 19.30 Uhr 
Café Else, Wien

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