Ein Dialog in Geometrie, Licht, Farbe zwischen Vater und Sohn
Zu den Kirchen-Glasfenstern in Bregenz und Dornbirn des vor sechzig Jahren verstorbenen Künstlers Martin Häusle interveniert der Sohn mit kaleidoskopischen Spiegelsäulen.
Martina Pfeifer Steiner ·
Jun 2026 · Aktuell,Ausstellung
Martin Häusle ist Architekt und hat sich in den letzten Jahren intensiv wissenschaftlich-künstlerisch mit geometrischen Körpern und Formen beschäftigt. Seine Entdeckungen und Experimente, platonische Körper zusammenzufügen, gipfeln in kaleidoskopischen Skulpturen, die ihren faszinierenden Spiegelungsraum in Kirchen finden, die der bekannte Künstler Martin Häusle mit wunderbaren Glasfenstern ausgestaltet hat. Als MaadiCabanon tritt der Sohn damit in Dialog mit dem Vater und verstärkt mit seiner Intervention die Wahrnehmung des Licht- und Farbspiels im Raum.
Der neue Künstlername bezieht sich auf den Rufnamen als Kind – zur Unterscheidung – und referenziert auch auf die Architektur: Alvar Aalto – Maadi. Und Cabanon ist nicht nur die legendäre Hütte in Roquebrune Cap Martin von Le Corbusier, sondern die Übersetzung von Häusle. Schon als kleiner Bub verbrachte der Sohn die Vormittage lieber im Atelier als im Kindergarten und „arbeitete“ mit dem Vater. Das Palmenhaus – solche waren 1860 modern und man konnte die Elemente in England aus dem Katalog bestellen – am Margarethenkapf hat der Künstler von den Erben des Ritter von Tschavoll gekauft und in ein Wohnhaus für die zehnköpfige Familie mit Atelier transformiert. Spannend war für den Architekten später dann der Rückbau, denn Martin hat dieses besondere Bauwerk übernommen, erforscht und lebt bzw. arbeitet ebendort.
Doch nicht nur diesen Spuren folgte der Sohn: Der Künstler Martin Häusle (1903–1966) schuf eine große Zahl an Porträts, Familienbildern, Landschaften und Genrebildern. Er gestaltete Inneneinrichtungen, die auch heute noch modern anmuten, schuf Plastiken, Keramiken, Bühnenbilder und entwickelte sogar eine patentreife Kupplung für Eisenbahnwaggons. Auch das Experimentieren an einem Perpetuum mobile ließ ihn nie los. Bekannt war er jedoch für die Glasbilder und Fresken in Kirchen und an anderen sakralen Stätten. Über zwanzig Werke gibt es in Vorarlberg sowie Liechtenstein, und der Sohn hat zum 60. Todestag alle dokumentiert, überall Folder aufgelegt und somit eine umfassende Gedenktour zusammengestellt.
Dodekaeder, Ikosaeder und Oktaeder
Die platonischen Körper – nach dem griechischen Philosophen Platon – faszinieren MaadiCabanon, er forscht und publiziert darüber, vor allem experimentiert er in großen Metallbau-Objekten damit. Es gibt fünf platonische Körper, ihre Namen enthalten die griechisch ausgedrückte Zahl ihrer begrenzenden Flächen. In seinen geometrischen Studien hat er Körper gefunden, die schon als Geometrie Transformationen der platonischen Körper sind. Der erste Prototyp entstand als Transformation vom Ikosaeder – ein regelmäßiger geometrischer Körper mit 20 gleichseitigen Dreiecken als Flächen, 30 Kanten und 12 Ecken – in die sich als Innenkörper die Transformation aus dem Oktaeder einschieben lässt. „Aus diesen fünf platonischen Körpern, die es gibt, kann ich über zehn Transformationen zu Türmen bauen, und da werden noch etliche entstehen.“
Bevor es zu kryptisch wird, sei berichtet, dass dieser komplexe Prototyp im vorigen Jahr im Feldkircher Dom den würdigen Raum für die Licht- und Farbspiegelungen gefunden hat und damit die Idee entstanden ist, solche kaleidoskopischen Säulen in weiteren Kirchen aufzustellen. In der Bregenzer Pfarrkirche Herz Jesu schuf Martin Häusle 1958 imposante Bleiglasfenster mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. An sonnigen Tagen ist das Farbspiel im Innenraum besonders intensiv leuchtend. MaadiCabanon inspirierte dieser neugotische, sehr voluminöse Kirchenraum – „auch eine Transformation der Gotik, die den Barock schon erlebt hat …“ – zu einer Säule als Transformation aus dem Dodekaeder, das aus 12 regelmäßigen Fünfecken besteht, 30 Kanten und 20 Ecken hat. Schaut man darauf, sieht man eigentlich einen kugeligen Körper, weil die Flächen alle konvex sind, durch das Wegnehmen von Flächen entsteht der Stern als Luftraum dazwischen und hat dennoch die Struktur vom Dodekaeder. Kompliziert. Jedenfalls kann für MaadiCabanon diese üppig runde Skulptur nur in dieser Kirche stehen.
Für die Pfarrkirche Dornbirn-Schoren ist eine schlanke kaleidoskopische Säule aus der Transformation des Oktaeders die passende. Die Kirche wurde Anfang der 1960er Jahre gebaut und dem bekannten Schweizer Heiligen Nikolaus von der Flühe – besser bekannt als Bruder Klaus – geweiht. Besonders sind die farbenprächtigen Betonglasfenster von Martin Häusle, die Ereignisse aus dem Leben des Schutzheiligen illustrieren. Faszinierend sind wieder die Spiegelungen und Ausschnitte, die beim langsamen Drehen der Skulptur sichtbar werden – wie in einem Kaleidoskop. Kaleidoskop ist griechisch und bedeutet „schöne Formen sehen“.