Ein „Barbier“ wie kein zweiter
Concerto Stella Matutina führte Rossinis Meisterwerk in Originalfassung zum Triumph.
Fritz Jurmann ·
Nov 2025 ·
Ein tolles Opernereignis hat das Barockorchester Concerto Stella Matutina zum heurigen 20-jährigen Bestehen seiner Konzertreihe am Donnerstag auf die Götzner Kulturbühne AmBach gewuchtet – als gewichtige Zugabe sozusagen ganz außerhalb des üppigen Programmangebotes im Abo.
Doch wo bei solchen Stil-Vorgaben gerade zum Jubiläum eigentlich eine handfeste Barockoper zu erwarten gewesen wäre, wie es sie in dieser Reihe bereits mehrfach gab, hat man sich bei CSM mit Rossinis turbulentem „Barbier von Sevilla“ lieber eine der gefragtesten romantischen Opern des italienischen Fachs gekrallt – freilich nicht, ohne an diesem signifikanten Beispiel ein mutiges Stil-Exempel zu statuieren, für das es viele gute Gründe gibt.
Die Oper wurde nämlich, wie zu erwarten, in ein barockes Outfit gesteckt und in historischer Aufführungspraxis geboten, also auf alten Instrumenten, in alter Stimmung, alter Spielweise und mit intensiven gesanglichen Verzierungen, was allein schon dem viel gespielten Werk völlig neue und ungewohnte Sicht- und Klangweisen verschaffte. Mehr noch: Das im Original inklusive Pause dreieinhalbstündige Werk wurde hier auch erstmals in Vorarlberg in seiner originalen Länge, also völlig ungekürzt, dargeboten, mit einer „Nachtschicht“-Einlage also für Akteure und Publikum bis 23 Uhr! Dafür vernahm man jede Note, die der geniale Rossini diesem Werk zugedacht hatte, berücksichtigte jeden Beistrich in dem auf Beaumarchais zurückgehenden Libretto. International und zuletzt auch in Vorarlberg üblich war eine brutale Verkürzung des Werkes auf gute zwei Stunden. So kann auch aus dem viel gespielten „Barbier“ fast so etwas wie eine Barockoper im Originalklang werden, als blendende Unterhaltung, auf besondere Art neu, aufregend und spannend bis zum letzten Taktstrich – Götzis zeigt es stilbildend vor, wie das gemeint ist, wenn findige Köpfe am Werk sind.
Der „Mann des Abends“
Einer aus dieser oft bewährten Truppe ist der langjährige Dirigent, Cellist und Spiritus Rector des Ganzen, Thomas Platzgummer. Und er wird diesmal unbestritten zum „Mann des Abends“, vergleichbar mit dem quirligen „Figaro“ auf der Bühne zum allseits gefragten „Faktotum der ganzen Welt“. Er verantwortet am Pult des wie immer großartig differenziert und fein abgestimmt musizierenden Barockorchesters CSM ein temperamentvolles, aber nie überhastetes Dirigat mit sicherer Führung der oft komplexen Gesangslinien und liefert noch dazu als „Szenograph“ ein Grundkonzept, in dem die erfahrenen Sing-Schauspieler ihre Rollen fast bis zur Improvisation selber weiter entwickeln können. Da stecken enorm viel Erfahrungen und Erkenntnisse aus 20 Jahren Barockpraxis AmBach und Platzgummers Theaterpraxis an der Oper Graz mit drin.
Ein riskantes, mutiges, aber im Ergebnis letztlich auch umwerfendes und in hohem Maße gelungenes Experiment eines heutigen Umgangs mit dem Originalklang, das neue Sichtweisen eröffnet, berührt und gleichermaßen begeistert. Und man ist mit Fortgang des Bühnengeschehens und seinen vielen Verstrickungen zunehmend verblüfft, wie das alles ohne ordnende Hand eines eigentlichen Regisseurs auf so perfekte Weise und in so kurzer Zeit von einem nicht ständig eingespielten Ensemble gelingen kann.
Über die Qualität dieser exzellenten Opera buffa, die über zwei Jahrhunderte unbeschadet überdauert hat, braucht man wohl nicht zu diskutieren. Der „Barbier“, von Rossini 1816 innerhalb eines Monats mit leichter Hand hingeworfen, ist bis heute ein Renner an allen großen Opernhäusern geblieben. Dabei ist es eigentlich nichts anderes als die uralte, in zahllosen Stegreifkomödien und komischen Opern abgeklapperte Geschichte von dem schrulligen Alten, der ein viel zu junges Mädchen freien will und dabei von seinem pfiffigen Diener und dem schlauen Liebhaber übertölpelt wird. Eigentlich ist diese Handlung ja auch das Vorspiel zu Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Doch Rossinis Figuren sind weit weniger beseelt als jene Mozarts, alles bleibt bei ihm Ulk und Situationskomik und dennoch auf besondere Art neu und unverbraucht. Und trotz all dem Trubel kommt bei Rossini auch die Musik in meisterhaft eleganten Eingebungen von Arien, Ensembles und vor allem den beiden großen Finali zu ihrem Recht, die sich im Laufe des Abends fast zu einer Rossini-Hitparade reihen, sehr zur Freude jedes gestandenen Opern-Liebhabers.
Die Tücken der Komik
Eine Musik, die so sehr der Komik Platz bietet, birgt freilich auch ihre Tücken, denn wenn man da zudem noch dem Affen Zucker geben will, kann der Spaß leicht ins Gegenteil kippen. Die Grand Dame der Oper, Brigitte Fassbaender, hat bei ihrer ersten Inszenierung des „Barbier“ im Opernstudio der Bregenzer Festspiele 2018 auf meine Frage, wie ernst sie denn Komödie auf der Bühne nehmen würde, gemeint: „Man kann die Commedia nicht ernst genug nehmen, und je ernster man sie nimmt, desto komischer ist sie. Das kommt natürlich alles aus der Situationskomik, und man darf sich nicht vornehmen, komisch zu sein. Denn das ist auch immer so ein Prozess: Nicht wir auf der Bühne sollen lachen, sondern das Publikum und uns in unserer Ernsthaftigkeit komisch finden!“
Man muss es dem dirigierenden Regisseur, dem regieführenden Dirigenten Thomas Platzgummer, wie auch immer, sehr dafürhalten, dass er hier nicht in diese Falle getappt ist und die Lustigkeit bei ihm niemals zum Klamauk wird. So, als hätte er die Einwände Brigitte Fassbaenders gekannt und sie sich verinnerlicht. Die Lacher im Publikum entwickeln sich spontan, wenn ein gut gelauntes Auditorium in Fahrt kommt und einer den anderen ansteckt. Etwa beim köstlichen Gestotter, das der als Musiklehrer verkleidete Liebhaber Graf Almaviva im 2. Akt auf die Bretter stellt, oder bei den dümmlichen Anmutungen des schrulligen alten Doktor Bartolo, der drei Stunden gestikulierend in seinem Morgenmantel dem gefinkelten Liebhaber seines Mündels Rosina hinterherhechelt. Apropos: Die historische Sichtweise auf das Werk hat sich nicht weiter auf die Ausstattung (Lilli Löbl, Lina Platzgummer) ausgewirkt, die Protagonisten gaben sich top modisch und elegant. Auf der für die Oper etwas zu klein geratenen Bühne genügen auch die wenigen Versatzstücke wie Balkon, Treppe, Wände als Bühnenbild (Raimund Löhr, Valerie Lutz) und sind Interieur mehr als genug.
Wunderbar aufeinander abgestimmtes Ensemble
Das aus dem internationalen Angebot sehr sorgfältig ausgesuchte Ensemble ist wunderbar aufeinander abgestimmt und geprägt in seinen Charakterzügen, seinen Stimmfarben und seiner Spielfreude. Da sind zuvorderst die drei Italiener im Team, die mit den oft ins Unglaubliche gesteigerten Koloraturen und Verzierungen in ihrer italienischen Muttersprache ihr Herzblut verströmen. Relativ kurzfristig eingesprungen ist Mezzosopranistin Martina Saviano in die tragende weibliche Hauptrolle der Rosina, elegant zwischen reizend und kratzbürstig changierend und mit ihrer tragenden Arie „Una voce poco fa“ auf Traumniveau. Ihr Bühnenpartner als Geliebter und vielfach verkleideter Graf Almaviva, der Tenor Paolo Nevi, ist auch im richtigen Leben an ihrer Seite. Das Strahlen seiner Stimme mit unangefochtenen Höhenflügen bereits im Ständchen „Ecco ridente“ verdichtet sich im Laufe des Abends noch, fast wie ein richtiges Stimmwunder. Er bekommt dafür auch den größten Anteil am Schlussapplaus. Der wunderliche Alte Dr. Bartolo erhält durch den Bass Matteo D’Apolito einen urkomischen Zuschnitt, bei dem auch seine perfekt geführten Kellertöne nicht überhört werden.
Der Diener „Figaro“ erhält hier durch den international tätigen Bariton-Buffo Matthias Helm eine sympathisch-kompetente, musikalisch hochwertige Ausstrahlung als „Mann für alle Fälle“, auf dessen eigentliche Betätigung ja auch der Titel des Stücks zurückgeht. Seriös als Musiklehrer Basilio gibt sich mit seiner bedrohlichen „Verleumdungsarie“ der Grazer Bass Markus Volpert, die Sopranistin Anna Gitschthaler macht mit ihren Auftritten aus der Dienerin Berta mehr als eine Randfigur und lässt aufhorchen. Ein Chor aus wackeren Männern in Uniformen marschiert immer wieder auf, bewusst etwas karikiert das Ganze. Einstudiert hat ihn der heimische Bariton Jakob Peböck, neuer Leiter von Voices, Stella-Chor und Kammerchor Feldkirch, der selber auch als Fiorello eine kurze Einlage gibt.
Und so fügt sich eins zum anderen, am Schluss weiß man nicht mehr, ob man so begeistert ist, weil es so lustig oder so toll musiziert und gesungen ist. Und jedenfalls keine Spur müde, nach dreieinhalb Stunden! Auch das Premierenpublikum im vollbesetzten Haus war hingerissen von diesem prallen Gesamtpaket aus übermütiger Lebenslust, gepflegter Komödiantik und wunderbar lyrischem Innehalten und entschloss sich sehr rasch zu Standing Ovations.
Weitere Vorstellung: Fr, 7.11., 19.30 Uhr, Götzis, AmBach
Nächstes Abo-Konzert: Fr, 12.12., Sa, 13.12, jeweils 19.30 Uhr (Bach Adventskantaten)
www.stellamatutina.at
https://ambach.at/veranstaltungen/concerto-stella-matutina-il-barbiere-di-siviglia/