Die Trommel gerühret! Das Pfeifchen gespielt!
Das Kammerorchester Basel gastierte mit einem nicht alltäglichen Programm im Kulturhaus Dornbirn.
Michael Löbl · Jän 2026 · Musik

Wer Beethoven mag, gespielt von einem brillanten Orchester, wer gerne unbekannte Werke entdeckt und dennoch am Montagabend nicht im Kulturhaus Dornbirn war – ja, der hat definitiv etwas versäumt.

Das aktuelle Programm des Zyklus „Dornbirn Klassik“ trägt noch die Handschrift von Roland Jörg, der sich als Leiter der städtischen Kulturabteilung nach 25 Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat. In seiner Zeit wurden intensive Kontakte zu vielen Spitzenensembles – wie dem Brodsky Quartet oder eben dem Kammerorchester Basel – gepflegt, das bescherte dem Dornbirner Publikum zahlreiche musikalische Sternstunden. Die kommende Saison wird dann bereits von Roland Jörgs Nachfolgerin Christiane Zaunmair gestaltet. Man darf gespannt sein.

Hybrides Klangkonzept

Das Kammerorchester Basel verfügt über ein Alleinstellungsmerkmal, nämlich sein hybrides Klangkonzept. Das Ensemble mischt historisch und modern und grenzt sich so von anderen Originalklangensembles, aber auch von „normalen“ Kammerorchestern ab. Grund dafür ist das breitgefächerte Repertoire bis hin zu zeitgenössischer Musik, auf das man mit ausschließlich historischem Instrumentarium sonst verzichten müsste. Historisch sind die Streicher mit Darmsaiten und alten Bögen, ebenso Hörner, Trompeten und Pauken. Modern hingegen alle Holzbläser, daraus ergibt sich auch die hohe Stimmung auf 442 Hertz. Diese Kombination ist absolut ungewöhnlich und macht auch kein anderes Ensemble. Das Ergebnis am Montagabend war ein energiegeladenes Spiel mit schnellem Wechsel vom Pianissimo ins Fortissimo, mit schroffen Akzenten und knackigen Sforzati. Ganz selbstverständlich halten sich die ersten Violinen zurück, wenn einmal eine Nebenstimme etwas zu sagen hat, manche Stellen klingen manchmal etwas ruppig, was aber musikalisch immer einen Sinn ergibt. Ob bei Cherubini, Méhul oder Beethoven – es ist ständig etwas los, die Tempi sind grundsätzlich auf der schnellen Seite, der Zuhörer entdeckt ständig neue Motive oder Klangfarben und dadurch kommt auch niemals Langeweile auf. Was allerdings nicht auf der Speisekarte der Streicher steht: Klangliche Üppigkeit, vibratoseliger Schmelz oder Glanz in den hohen Lagen, auch wurde jeder Anflug von klanglicher Süße von der To-Do-Liste gestrichen. Das Orchester und sein Dirigent Giovanni Antonini sind perfekt aufeinander eingespielt, jeder kleinste Dirigierimpuls wird in Echtzeit umgesetzt und die nie nachlassende Energie von Giovanni Antonini überträgt sich auf seine Musiker:innen.

Orchestrale Entdeckungen

Bereits das erste Stück war eine Entdeckung: Die Ouvertüre zu Luigi Cherubinis Oper „Médée“, die in erster Linie durch Maria Callas in der Titelrolle Bekanntheit erlangt hat. Anschließend las der Schauspieler Dominique Horwitz „Brief an Medea“ der Autorin Helga Novak, ein etwas seltsamer Programmpunkt, irgendwie deplaziert, aber angenehm kurz. Es folgte Entdeckung Nummer Zwei, nämlich die Erste Symphonie in g-moll von Étienne-Nicolas Méhul. Dieser Komponist lebte in Paris zur Zeit der französischen Revolution, war sieben Jahre jünger als Beethoven und hinterließ der Nachwelt unter anderem über 40 Opern und sieben Symphonien. Wenn sie alle so originell sind wie die Erste, gibt es noch einiges zu entdecken. Man staunte über einen hochdramatischen ersten Satz, ein wunderbar lyrisches Andante mit vielen unterschiedlichen Stimmungen, über das schnelle Menuett, dessen Pizzicato-Beginn vorwegnimmt, was viel später auch Peter I. Tschaikowsky, Johann Strauss oder Benjamin Britten eingefallen ist. Das Thema des wirbelnden Finales setzt sich als Ohrwurm über die ganze Pause im Kopf fest. Ein tolles Werk, abwechslungsreich, spritzig aber durchaus mit Tiefe – Méhuls Erste Symphonie sollte unbedingt öfter gespielt werden. Es wäre natürlich möglich, dass es die vorwärtsdrängende und virtuose Wiedergabe des Kammerorchesters Basel unter seinem Dirigenten Giovanni Antonini war, die die Qualitäten dieser Musik so richtig zum Leuchten brachte und das in anderen Aufführungen nicht ganz anders rüberkommt. Man sollte es ausprobieren.

Überzeugendes Konzept

Der zweite Konzertteil war Ludwig van Beethoven gewidmet, und zwar seiner zehnteiligen Schauspielmusik zu J.W. Goethes Tragödie „Egmont“, einem Auftragswerk des Wiener Burgtheaters, das der Komponist laut eigener Aussage „aus Liebe zum Dichter“ geschrieben hat. Die Egmont-Ouvertüre ist im klassischen Konzertbetrieb fest etabliert, im Gegensatz zu den anderen neun Teilen. Eine kluge Dramaturgie dieses Abends brachte die einzelnen Abschnitte in einen stimmigen Kontext, Orchester, der Sprecher Dominique Horwitz und die Sopranistin Anett Fritsch wechselten einander ab. Anett Fritsch sang die beiden Lieder „Die Trommel gerühret! Das Pfeifchen gespielt!“ sowie „Freudvoll und leidvoll“ mit tragender, wohlklingender Stimme und großer Textdeutlichkeit. Dominique Horwitz ließ die große Zeit des Deklamationstheaters aufleben und schmetterte seine Zwischentexte in bestem Burgtheaterdeutsch im Stil eines Will Quadflieg über die Rampe. Allerdings mit Headset, das hat es in den guten alten Zeiten noch nicht gegeben. Von wem die Zusammenstellung der Texte stammt, konnte man dem dürren Programmheft leider nicht entnehmen. Absolut verblüffend waren die Parallelen zwischen Goethes Trauerspiel und der politischen Gegenwart, alle Themen und Konflikte scheinen sich zu wiederholen und der Mensch lernt nicht wirklich dazu. 
Das Kammerorchester Basel unter Giovanni Antonini spielt einen vorwärtsdrängenden, kraftvollen Beethoven, dessen Musik durch die historischen Streichinstrumente und die vibratoarme Spielweise einen ganz eigenen Charakter erhält. Giovanni Antonini bringt alle Details von Beethovens Partitur ans Licht und das Orchester setzt alles um, was seine plastische Zeichengebung suggeriert. Nach der abschließenden „Siegessymphonie“ war ganz klar, warum die Einspielung aller Beethoven-Symphonien mit dem Kammerorchester Basel unter Giovanni Antonini auch international für viel Furore gesorgt hat. Vollkommen zurecht viel Beifall und Bravorufe im bestens besuchten Kulturhaus.

Weitere Infos zur Konzertreihe „Dornbirn Klassik 2025/26“

 

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