Die Ohren für Neues offenhalten
Das Festival „Texte & Töne“ bot viel Abwechslung und Austausch
Silvia Thurner · Nov 2025 · Musik

Das alljährliche Fest der neuen Musik und Literatur in Vorarlberg, veranstaltet im ORF Funkhaus in Dornbirn, bot ein breites Spektrum an musikalischen Hörerlebnissen und ermöglichte spannende Einblicke in die heimische Musikszene. Im Mittelpunkt stand das Ensemble Plus und dessen vielseitige Musiker:innen (Michaela Girardi (Violine), Anita Martinek (Violine), Guy Speyers (Viola) und Jessica Kuhn (Violoncello), Andreas Zimmermann (Kontrabass), Anja Nowotny-Baldauf (Flöte), Hauke Kohlmorgen (Klarinette), Roché Jenny (Trompete), Christoph Ellensohn (Horn) und Martin Gallez (Klavier). Dessen Leiter, Guy Speyers, programmierte stilistisch abwechslungsreiche Kompositionen. Fast alle Werke erklangen zum ersten Mal. Sie wurden von einem konzentriert zuhörenden Publikum gut aufgenommen und sorgten anschließend für anregenden Gesprächsstoff.

Eine Besonderheit bei „Texte & Töne“ ist die Anwesenheit der Komponierenden. Eva Teimel führte aufschlussreiche und sympathische Gespräche mit ihnen, und gab Einblicke in die Schaffenswelt der Künstler:innen. Die Interviews mit Michael Köhlmeier, Gesa Olkusz und Sarah Kuratle führte Jasmin Ölz, bevor die Autor:innen aus ihren kürzlich publizierten Büchern „Die Verdorbenen“, „Die Sprache meines Bruders“ und „Chimäre“ lasen.

Ein neues Instrument und reine Stimmung

Guy Speyers und Andreas Zimmermann begrüßten die zahlreichen Festivalbesucher:innen mit Luciano Berios Werk „Naturale“. Direkt im Anschluss daran präsentierte Martin Gut sein selbst entwickeltes Elektroscheit und zog mit seinem farbenreichen Werk „Teer und Honig“ die Aufmerksamkeit auf sich. Das Instrument ist mit nur einer Saite bestückt und vereint Elemente des mittelalterlichen Trumscheits und einer E-Gitarre. In Verbindung mit den von Martin Bröll eingebrachten Electronics führte Martin Gut die Zuhörenden in eine musikalisch anregende Klangwelt. Sein drittes Streichquartett „24/7, 365/1 Walking with my wife“ ist eine warmherzige Liebeserklärung an seine Frau. Michaela Girardi (Violine), Anita Martinek (Violine), Guy Speyers (Viola) und Jessica Kuhn (Violoncello) brachten durch die reinen Intervalle die Klangfarben schön zum Leuchten und die modalen Tonkonstellationen verliehen der Musik einen archaischen Charakter.

Durch die akustische Lupe betrachtet

In eine andere musikalische Richtung wies Anna Maly mit ihrem Werk „Anwesendes Abwesen“. Die auf die Elektroakustik spezialisierte Komponistin nahm das Innenleben eines defekten Bandoneons unter die akustische Lupe. Von diesem Tonmaterial ausgehend schuf sie ein faszinierendes Panoptikum von Geräuschen, aus denen sich allmählich unterschiedliche Tonqualitäten und melodische Fragmente herauskristallisierten. Die Zuspielungen und die realen Ensembleklänge ergänzten sich gut und öffneten einen spannenden Raumklang.

Vom Duett zum Hornkonzert

Zu einem Konzert für Horn und Ensemble erweiterte Gerda Poppa das ursprünglich als Duett entstandene Werk „Pas de deux“. Jonas Ellensohn war der Auftraggeber und er spielte bei der Uraufführung den Solopart. Die musikalischen Verläufe gestaltete er mit großer Raffinesse. Besonders mit jenen Passagen, die er in den Korpus des Klaviers spielte, und mit dem Einsatz des Naturhorns erzielte er reizvolle Effekte.

Willkommene Freiheit durch grafische Notation

Der Perkussionist Michael Naphegyi hat für die „Late Night Session“ das erfrischende Werk „Symbiosis I-V“ komponiert. In einzelnen Abschnitten erforderten die parallel gesetzten Linien ein akkurates Zusammenwirken. Diese markig gesetzten Impulse mündeten schließlich in kraftvoll fließende Passagen. Mittels grafischer Notation gewährte Michael Naphegyi den quirligen Ensemblemusiker:innen (ergänzt durch den Saxofonisten Andreas Broger) individuelle Freiräume, die sie geistreich und mit viel Energie ausfüllten.

Eindrückliche Metaphern

Ein besonderes Erlebnis war die Wiederaufführung des gesellschaftskritischen Werkes „A Cockroach's Tarantella“ von Du Yun. Die Interpretation lebte maßgeblich von Bettina Barnay-Walsers musikalischer Art des Rezitierens. Überdies wurde das „Sextet in two parts" von Samuel Andreyev erstmals in Österreich gespielt. Die Komposition begann spannend und vor allem die kontrapunktisch verflochtenen Abschnitte ließen aufhorchen. Doch die musikalischen Anreize flauten ziemlich rasch ab.
Eine Brücke zum Programm des Symphonieorchesters Vorarlberg baute Michaela Girardi. Sie interpretierte das Werk „Tuxedo: Crown Sun King“ für Violine solo, Spieluhren und Stimme von Hannah Kendall eindrucksvoll.

Gesellschaftskritische Verweise

Das Symphonieorchester Vorarlberg ist ein fixer Kooperationspartner des Festivals „Texte & Töne“. In diesem Jahr leitete der aufstrebende Dirigent Paul-Boris Kertsman die Orchestermusiker:innen. Präsentiert wurde unter anderem Hannah Kendalls berühmte Komposition „Shouting forever into the receiver“, in der neben den Instrumentalklängen zwei Musiker via Walkie-Talkie miteinander kommunizierten. Den Orchesterklang ergänzend, stellten Mundharmonikas sowie Spieluhren ungewöhnliche musikalische Bezüge her. 

Herausragender Rezitator

Im Mittelpunkt stand das Auftragswerk „Parabeln für Sprecher und Orchester“ von Carl Tertio Druml. Basierend auf berühmten Parabeln von Franz Kafka verband der Wiener Komponist Text und Musik geistreich, aber teilweise auch allzu illustrativ. Bei der Werkpräsentation hinterließ der Sprecher Nikolai Gemel den größten Eindruck. Er zog mit seiner intensiven und ausdrucksstarken Rezitation die Zuhörenden unmittelbar in seinen Bann. In Verbindung mit der Musik überzeugten die Vertonung der Parabel „Gibs auf!“ sowie die musikalische Deutung des berühmten Kafka-Textes „Vor dem Gesetz“. Akustisch „überforderte“ jedoch das eher groß besetzte Orchester den Raum des Studios III im ORF Funkhaus.
Dies betraf auch die Interpretation von HK Grubers „Zeitfluren“. Das Werk ist in Erinnerung an seinen Freund HC Artmann entstanden. Den ersten Teil entfalteten die Musiker:innen als klangsinnliches Tombeau. Im zweiten Teil, der rhythmisch spannend, aber auch vertrackt ineinander verzahnt wurde, „klebten“ die Musiker:innen trotz des klaren Dirigats von Paul-Boris Kertsman allzu sehr an den Noten. Dadurch entwickelte sich der musikalische Fluss nur zögerlich.

Weg von den ursprünglichen Intentionen

Ursprünglich - im Jahr 2013 - hatte das SOV die Intention, Musikschaffenden mit Vorarlbergbezug ein Podium zu bieten. Im Rahmen des Festivals sollten neue Kompositionen in Kammerorchesterbesetzung erklingen. Es ist bekannt, wie rar derlei Gelegenheiten für Komponierende sind. So gesehen ist es unbefriedigend, wenn das Symphonieorchester Vorarlberg seit einigen Jahren keine Rücksicht (mehr) auf derlei Vorgaben nimmt.
Ebenso veränderte sich in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Vorarlberg die Auswahl der literarischen Beiträge. Während ursprünglich, dem Festivaltitel folgend, künstlerische Verbindungen zwischen Texten und Tönen gesucht und gefunden wurden, lesen nun unabhängig vom musikalischen Geschehen Autor:innen aus bereits publizierten Büchern. 

Zu den im Artikel vorgestellten Büchern finden Sie hier unsere Rezensionen:
Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“
Sarah Kuratle „Chimäre“ 

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