Die Glocke bringt der Helikopter, die Bergung erfolgt mit schwerem Gerät
Eindrucksvoll und mystisch: das KUB zeigt Florentina Holzingers Satellitenprogramm „Bodensee Étude“ zu ihrem Biennale-Beitrag „SEAWORLD VENICE“ bei den Sunset Stufen am Molo Bregenz
Martina Pfeifer Steiner · Jul 2026 · Performance

Einmalig, einzigartig und spektakulär war Florentina Holzingers „Bodensee Étude“ bei den Sunset Stufen am Molo Bregenz, wo sich schon zwei Stunden vor Beginn unzählige Menschen in brütender Hitze versammelten. Auf der Ponton-Bühne im See ein ausladender Kran, an den Sunset Stufen montiert vier Podeste, darauf Percussion-Instrumente, flankiert von riesigen Verstärkeranlagen – so stellte sich das vielversprechende Setting dar. Den abenteuerlichen Auftakt machte aber ein Helikopter, der bei seinem – sich bedrohlich nähernden – Rundflug eine Glocke in weiten Schwüngen pendeln und sie dann, am vorgesehenen Punkt, mit großem Splash in den See plumpsen ließ.

Der Bodensee sei für Holzingers ortsspezifische, experimentelle Études besonders interessant, weil sie hier die Themen der Biennale in Venedig aus einem artifiziellen Rahmen in die freie Natur bringen kann. Es gäbe spannende Narrative zu heben, in dem tiefen See liegt einiges begraben, auch ein Schiffswrackfriedhof, „aber da ist sicher auch vieles lebendig, und mal schauen, was wir zutage befördern“. Ein Bergungsszenario also, im Spannungsfeld zwischen Schwerkraft und der Schwerelosigkeit des Wassers, jene Kräfte, die auf den Körper ebenso wirken wie auf Gegenstände.
Vor lauter Staunen über den Helikopter bemerkt das Publikum die nackten Musikerinnen an ihren Instrumenten erst, als geheimnisvoller Sound einsetzt. Die Glocke ist versunken, die Dirigentin – nur mit einer weißen Fliege um den Hals – köpfelt in das Wasser und schwimmt zum weit entfernten Hebekran, um von dort aus mit heftigen Bewegungen die immer lauter werdenden Trommelschläge zu koordinieren. Und plötzlich taucht ein gewaltiger Metallring aus dem See auf – daran hängend sechs leblose Wasserwesen – und wird langsam hochgezogen, die Körper richten sich auf, in überirdischer Choreografie, formen eine frei hängende Struktur, ein „Windspiel auf Steroiden“, eine himmlische Erscheinung, präzise auf den Punkt der untergehenden Sonne gebracht.
Sphärische Klänge beschwören das Auftauchen der Glocke. Dass sich ein Seil zunächst nicht wie vorgesehen löste, machte die Übung – Étude – nur noch spannender. „Die Folklore des Bodensees ist reich an Erzählungen über versunkene Glocken und geheimnisvolle Wasserwesen. Oft spiegeln diese Sagen die Furcht der Menschen vor der unberechenbaren Tiefe des Sees wider. Der Legende nach leben im Bodensee übernatürliche Wesen, Wassermänner und Undinen, die Menschen in die Tiefe locken“, sagt Florentina Holzinger und hat diese Unterwasserglocke schlussendlich zum Erklingen gebracht: „Ohne Maschinerie geht es nicht. Études sind im Grunde musikalische Kompositionen. Der See wird also musikalisch beschworen, Dinge auszuspucken.“ Was für ein großartiges künstlerisches Ereignis. Völlig beeindruckt und sich sehr bewusst, dass sie etwas Einzigartiges erlebt haben, ziehen tausende Menschen von dannen.

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