Die Droge im Kinderzimmer
Ein Kommentar zur Mediennutzung von Jugendlichen und ein Statement gegen die asozialen Medien
Martin Hartmann · Feb 2026 · Gesellschaft

Wir sollten Drogen komplett freigeben! Wir sollten Kindern, allerspätestens im Volksschulalter Marihuana, LSD und Kokain kaufen, sie einfach mal machen lassen. Sie sollen selbst ihre Erfahrungen machen. Sie, geschätzte Leser:innen der KULTUR, finden das absurd? Warum denn? Genau das machen wir aktuell mit unseren Kindern und Jugendlichen: durch social media, die asozialen Medien.

Die Apps sind so programmiert, dass wir möglichst lange dranbleiben, nach jedem kurzen 20- bis 40-Sekunden-Video schüttet unser Gehirn Dopamin aus, es belohnt uns. Eigentlich ist der Neurotransmitter dazu da, dass wir über längere Zeit unsere Motivation aufrechterhalten. Die asozialen Medien missbrauchen diesen evolutionär sinnvollen Regelkreis. 
Hoher Konsum asozialer Medien führt – in zig Studien nachgewiesen – zu mannigfaltigen Problemen und verursacht: schlechten Schlaf, Stress, Angststörungen, depressive Symptome, abnehmende Empathie, ein negatives Körperbild, schulische Probleme. Immer mehr Kinder können extrem gut austeilen, aber sehr schlecht einstecken, besitzen kaum Frustrationstoleranz. Klar, wenn man gewohnt ist, alle 40 Sekunden eine Dosis Dopamin zu bekommen.
In WhatsApp-Gruppen spielen sich besonders in Unterstufenklassen aus Scham der Betroffenen regelmäßig, teils wochenlang unentdeckte, Dramen ab. Wüste Beschimpfungen und Beleidigungen werden „geteilt“. Und: Beleidigungen gesagt zu bekommen ist das eine, sie schriftlich überallhin mitnehmen und jederzeit wieder lesen zu müssen, ganz etwas anderes.

Durchhalten ist ein Problem

Längere Zeit durchzuhalten, „dranzubleiben“, ist für viele Kinder und Jugendliche mittlerweile kaum mehr möglich. Sie fordern ständig neue Bestätigung, dauernde Belohnung von außen. 
Doch wie so vieles lernen die Kinder auch die ehemalige „Grundkompetenz“ Lesen, wichtig für die Teilnahme an demokratischen Prozessen, nur durch häufiges Tun. Erst wenn sie es gut können, macht es auch Spaß. Eine App mit lustigen bewegten Bildchen belohnt sofort, nämlich alle paar Sekunden. Macht viel mehr Spaß. Also lesen Schlechtleser:innen noch weniger. Ein Teufelskreis. 
Und wer nicht oder kaum sinnerfassend lesen kann, muss sich belügen lassen – am besten funktioniert das übrigens in den … Sie haben‘s erraten. Nicht umsonst kommunizieren die Radikalen der Welt über die asozialen Kanäle und wollen öffentlich-rechtlichen Medien den Stecker ziehen. Sie haben längst erkannt, dass dies die direkten Wege zu den Wähler:innen von heute und von morgen sind. Bis ins Bett werden sie via Smartphone freiwillig mitgenommen. 
Das Perfide daran: asoziale Medien schüren per se das Extreme – ganz einfach, weil extreme Inhalte mehr geklickt werden. Wie am Stammtisch: Wer am lautesten brüllt, dem hört man zu. Es genügen wenige Prozent, um ein Land kippen zu lassen – wir sehen es momentan erste Reihe fußfrei an den USA. Nicht von ungefähr laufen die Tech-Konzerne gegen dräuende Verbote Sturm und richten Machthabern wie Trump eigene Kanäle ein. Für Vertreter:innen radikaler politischer Richtungen gilt: Je mehr asoziale Medien konsumiert werden, desto leichter kommen wir an unsere künftigen Wähler:innen ran. Je beeinflussbarer sie sind, desto besser für uns. Desto einfacher lassen sie sich aufhetzen. 
Diesen Plattformen geht es nicht um Ausgleich, um das Gemeinsame, darum, auch unterschiedliche Positionen friedlich zu verhandeln – es geht um Spaltung und das Schüren von Ressentiments. Nichts dagegen zu unternehmen, ist eine Gefahr für die Demokratie.

„Aber wir müssen die Kleinen doch vorbereiten …“

„Soziale Medien gehören zu unserer Welt, die Kleinen müssen lernen, damit umzugehen“, ist ein oft gehörtes Argument. Das ist so, wie wenn man – um das Bild vom Anfang nochmals aufzugreifen – an die Kinder und Jugendlichen Drogen verteilt, sie anfixt und dann, wenn sie süchtig geworden sind, den scheinheiligen Tipp gibt: „Aber aufpassen, gell! Du weißt ja: Drogen sind gefährlich.“ Sie sollen sich selbst regulieren, noch bevor sie das überhaupt können. Ihre Gehirne sind erst in der Entwicklung – und gerade deshalb anfällig für asoziale Medien. Dass manche Studienautoren auf die gloriose Idee kommen, die Kinder selbst zu fragen, ob sie ein Social-Media-Verbot befürworten würden, ist geradezu hanebüchen.
Warum dürfen 12- oder 14-jährige Kinder keine motorisierten Fahrzeuge lenken? Körperlich wäre es für die meisten kein Problem. Sie erreichen die Pedale, haben die Kraft, sie zu bedienen. Der Punkt ist, dass sie kognitiv und emotional noch nicht dazu in der Lage sind. Es passieren zu viele Dinge gleichzeitig, Risiken können nicht eingeschätzt werden, Entscheidungen unter Stress richtig zu treffen, ist noch nicht möglich. Wir als Gesellschaft haben uns dafür entschieden, die Kinder vor sich selbst und die anderen Verkehrsteilnehmer:innen vor autofahrenden Kindern zu schützen. (Diese Analogie dürfen Sie gerne auf die Politik übertragen.)
Verbote entsprechender Apps tun der Digital-Wirtschaft nicht gut? Man mag es kaum glauben, aber Alkoholverbote und Promillegrenzen tun tatsächlich den Produzenten von Schnaps, Bier und Wein nicht gut. Trotzdem ist sich die Gesellschaft darüber einig, dass sie sinnvoll sind.

Üben für den Ausgleich

Kinder, die ein Instrument lernen, in Sportvereinen aktiv sind oder sonstige Hobbies ausüben, die besondere Fähigkeiten erfordern, dürfen diese Erfahrung machen: Dinge, die ich können möchte, funktionieren nicht immer sofort. Ich muss etwas tun, was Zeit kostet und nicht immer lustig ist. Ich muss üben. Über Tage, Wochen und Monate – und plötzlich: Es funktioniert! Dopamin tut das, wofür es gemacht ist: Es sorgt fürs Dranbleiben! 
Wir dürfen Kinder nicht anfixen. Sie müssen lernen, auf Belohnungen zu warten. Kinder brauchen zuerst und vor allem: reale soziale Kontakte in der Familie, im Freundeskreis und in Vereinen, Gesellschaftsspiele, Bücher, Hörspiele, erzählte Geschichten, Ausflüge, aufgeschlagene Knie. Sie brauchen Interesse und Leitung von Erwachsenen.
Und erst dann, danach, dürfen sie die digitale Welt betreten, NACHDEM wir sie darauf vorbereitet haben, resilient gemacht haben, gezeigt haben, dass die reale Welt ganz viel Schönes und Spannendes zu bieten hat.
Zu sagen: „Das digitale Zeug ist halt nun einmal da, das bringen wir nicht mehr aus dem Kinderzimmer“, ist an Fatalismus nicht zu überbieten. Es ist unsere verdammte Pflicht als Eltern und Großeltern, als Gesellschaft insgesamt, Kinder und Jugendliche zu schützen. Wir dürfen sie nicht in falsch verstandener Liberalität den Fängen von Mega-Konzernen überlassen, die Extremismus und Psychosen fördern und für welche die Kinder nur „Klick-Vieh“, nur Material sind. Das würde uns allen auf den Kopf fallen. Und die Politik hat die Pflicht, Eltern und Kinder nicht allein zu lassen.

Wir brauchen ein Verbot asozialer Medien. Bis mindestens 16. So schnell wie möglich.

Verfasst von Martin Hartmann, unterstützt von: Carmen Bechter, Simone Engl, Patrick Fahser, Kurt Fischnaller, Julia Flatz, David Franzoi, Martina Gell, Beat Grabher, Anna Gruber-Casagranda, Christoph Jungblut, Waltraud Klement-Schneider, Daniel Kocholl, Basilius Ludescher, Marion Mätzler-Mallin, Bernhard Piazzi, Iris Piazzi, Hanno Plankensteiner, Lara Poli, Bernadette Prammer-Fessler, Florian Prammer, Susanne Ratz, Michael Rohde, Petra Rohde, Anna Rouanet, Martina Sageder, Eva Maria Schedler, Stephan Schmid, Gabriele Seeger, Gebhard Sinz, Ursula Speckle-Peyker, Beate Steger, Tanja Weinhandl, Josef Wirthensohn.

Dieser Kommentar ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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